Isba: Heimat der russischen Seele

Bis vor wenigen Jahrzehnten noch war die Isba die am weitesten verbreitete Wohnform in Russland. Foto: PhotoXPress

Bis vor wenigen Jahrzehnten noch war die Isba die am weitesten verbreitete Wohnform in Russland. Foto: PhotoXPress

Wer schläft da auf dem Ofen? Warum steckt ein Messer im Türpfosten? Die russische Isba, ein Holzhaus, war einmal die am weitesten verbreitete Wohnform in Russland – und eine Welt für sich, mit ihren eigenen Gesetzen und Rätseln.

Obwohl die meisten Russen heutzutage in modernen Wohnungen leben, weiß noch jeder Russe, was eine Isba ist. Es handelt sich um ein traditionelles Holzhaus, das für Bauern in Russland die gängige Behausung ist und in der Folklore häufig vorkommt. So lebt zum Beispiel Baba Jaga, der Inbegriff der slawischen Hexe, in ihrer Isba, die auf Hühnerbeinen steht. Der Eposheld Ilja Muromets verbrachte 33 Jahre seines Lebens in einer Isba und lag dort auf einem Ofen, bevor er auszog, um das Land vor dem Bösen zu retten. Die Isba war und ist aber auch außerhalb der Geschichten eine echte Behausung und für viele Generationen von Russen ganz normal – genau wie unsere Wohnungen es heute für uns sind. Die Geschichte des russischen Holzhauses kann einiges über das russische Leben selbst erzählen.

 

Opfer, Pferdekopf und Tierfelle

Ein Holzhaus mit einem Satteldach aus Stroh und Fenstern in der Fassade: das ist das klassische Aussehen einer russischen Isba. Der Bau einer Isba begann traditionsgemäß immer mit einem Opfer. Der heidnische Glauben schrieb vor, für die Errichtung eines Hauses ein Leben zu opfern. Deshalb wurde meist der Kopf eines Huhns abgeschlagen und unter die Stelle gelegt, wo die Hauptecke sein sollte. Heutzutage existiert dieses Ritual in abgemilderter Form in den Städten noch immer: Eine Katze muss das erste Wesen sein, das die neue Wohnung betritt. Manche Familien leihen sich zu diesem Zweck sogar eigens eine Katze aus.

Da Steine zum Bauen in Russland knapp waren, wurden Isbas aus Kiefern- und Fichtenholz errichtet – nicht aus Birke, die in Russland so häufig vorkommt. Denn es heißt, dass die Menschen, die in Häusern aus Birkenholz leben, unter Übelkeit, Schlafstörungen und sogar unter Haarausfall leiden. Häufig hatten Isbas keinen Sockel, sondern lediglich einen Fußboden aus Holz. Anders war das jedoch in sumpfigen Gegenden, in denen Baumstümpfe als Basis verwendet wurden – daher die „Hühnerbeine" von Baba Jagas Hütte.

Ein mit Heu gedecktes Satteldach war ebenfalls ein charakteristisches Merkmal einer Isba. Der vordere Rand des Dachfirstes war häufig in Form eines Pferdekopfs gestaltet. Fenster waren zunächst Belüftungsöffnungen in der Wand, die mit Brettern oder Tierfellen abgedeckt wurden. Erst im 18. und 19. Jahrhundert kamen schöne Glasfenster mit verziertem Rahmen auf. Diese Fenster wurden in die Fassade der Isba eingesetzt, die zur Straße zeigte. Unter den Fenstern saßen abends in der Regel schöne Landmädchen und Großmütter auf einer Bank, spannen Garn, beäugten die Menschen, die vorübergingen, und tauschten den neuesten Tratsch aus.

Die Tür einer Isba befand sich in der Regel in einer Seitenwand oder hinter dem Haus. Für Russen stellten Türen stets einen Übergang zwischen der „inneren" und der „äußeren" Welt dar. Bis zum heutigen Tag schütteln Russen weder auf der Türschwelle Hände, noch übergeben sie dort Gegenstände; sie versuchen auch nicht, durch die Türöffnung ins Innere der Wohnung zu sehen. Türschwelle und Türpfosten waren Orte von großer magischer Bedeutung: Deshalb kam es vor, dass die Menschen ein Schwert oder Nesselblatt am Türpfosten befestigten, um das Haus vor Geistern und Hexen zu schützen.

 

Heilige und Geister unter einem Dach

Nun sind wir endlich im Innern des Hauses: Eine typische Isba bestand aus einem großen Raum, ungefähr 25 Quadratmeter, in dem die Bauern kochten, aßen und schliefen. Den Mittelpunkt der Hütte bildete der Ofen.

Der Name Isba leitet sich von eben diesem Ofen ab: Im Altrussischen bedeutete „isba" nämlich „was geheizt wird". Die Öfen aus Ziegelsteinen oder Lehm wurden auf einen separaten Sockel gestellt, damit das Haus sich nicht neigte. Im Innern dieses Sockels verstaute man Teller und Töpfe.

Bei einem russischen Ofen gibt es oben kein Kochfeld: Es handelt sich um ein Heizgerät, das auch als Herd dient. Der Ofen musste eine große Masse an Heizmaterial fassen können, da er nur einmal täglich, und zwar am Morgen, befeuert wurde und dann als Heizkondensator arbeitete. Am Abend war der Ofen noch immer angenehm warm, sodass seine Oberfläche der gemütlichste Schlafplatz in der ganzen Hütte war. Wem stand dieser Ort zu? Vielleicht dem mürrischen Großvater – er war als Ältester das Oberhaupt der Familie, auch wenn er vor Schwäche nicht mehr arbeiten konnte und sein Recht dadurch unterstrich, dass er mit seinem schweren Holzstock energisch auf den Boden klopfte.

Im Winter diente das Innere des Ofens auch als Badewanne: Es war geräumig genug, dass ein ausgewachsener Mann darin Platz hatte. Der Ofen war auch der Ort, an dem der Sage nach der Domowoj, ein russischer Hausgeist, lebte. Er wahrte Frieden und Wohlstand der Familie, sodass man sich um ihn kümmern und ihn rituell speisen musste, galt aber dennoch als „unsauber". Daher stellte man den Ofen auch in die Hausecke, die der Ikonenecke gegenüber lag.

In der Ikonenecke wurden Ikonen und Ikonenlampen auf Regalen unter der Decke aufgestellt. Der Platz des Vaters auf der Bank am Familientisch

befand sich unterhalb der Ikonen. Niemand konnte die Mahlzeit beginnen, bevor der Vater es tat, da er derjenige war, der die Familie versorgte; und dem Opa brachte man sein Essen direkt zum Liegeplatz auf dem Ofen.

In den meisten Isbas lebten bis zu zehn Menschen, sodass der Raum ziemlich voll war. Nachts dienten die Bänke als Schlafplätze, da es nur wenig oder gar keinen Platz für ein Bett gab. Die Kinder konnten auf Brettern neben dem Ofen schlafen, „polati" genannt. Bauern schliefen unter Fellen und mit dem Kopf in Richtung Ikonenecke; Kissen waren Luxus.

Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tauchten in allen russischen Landhäusern Bettdecken auf. Zu dieser Zeit wurde das Land auch mit Elektrizität versorgt, sodass Radio und Fernsehen in der Freizeit das Spinnrad und die Bibellesungen ersetzten. Bilder von Juri Gagarin, dem ersten Mann im All, wurden an die Holzwände der alten Isbas gehängt. Heutzutage ist die Isba nicht mehr die am weitesten verbreitete Behausung in Russland, doch die Erinnerung an sie lebt im russischen Bewusstsein weiter. „Lass uns beim Ofen anfangen" sagen Russen beispielsweise, wenn sie etwas ganz von vorne beginnen wollen.