Verschwundener Schatz des russischen Nordens: das Dorf Paltoga

2006

2006

William Brumfield
Die einzigartigen Kirchbauten in dem entlegenen nordrussischen Paltoga gehören schon jetzt der Vergangenheit an. Russia-Beyond-Autor William Brumfield war noch rechtzeitig vor Ort, um die architektonischen Meisterwerke wenigstens in Bildern zu erhalten.
2006

Wo sich Wasser- und Handelswege kreuzten...

Im 18. Jahrhundert förderte Zar Peter I. den Ausbau eines weiten Wasserwege- und Kanäle-Netzes, das letztlich die Newa und deren Zugang zur Ostsee mit dem nordrussischen Onegasee und den naheliegenden Flüssen Wytegra und Koschwa sowie dem nordischen Weißen See verbinden sollte. In Richtung Süden wurde eine Verbindung zur Wolga geschaffen, wodurch das Flussnetz Russlands Handel und damit die Wirtschaft stark voranbrachte. Der kleine Ort Wytegra, gelegen am gleichnamigen Fluss, war seit jeher ein Handelszentrum, das nun Zugang zu den Märkten in Archangelsk im Norden und Sankt Petersburg im Westen erhielt. 

1909

Acht Kilometer von Wytegra entfernt liegt das kleine Dorf Paltoga. Zunächst als sogenannten Pogost - einen religiösen stillen Zufluchtsort - angelegt, sollte es hier ursprünglich auch nur eine Kirche und einen Friedhof geben. 

Niederlage im Kampf gegen Zeit und Vergänglichkeit

Nachdem 1733 das erste Gotteshaus aus Holz, die Epiphaniaskirche, entstanden war, bekam Paltoga knapp 80 Jahre später noch eine weiße Steinkirche, gewidmet der Ikone  der Muttergottes vom Zeichen. Bis 2006 standen beide Kirchen noch malerisch auf dem Hügel des Dorfs.

2006

Die hölzerne Epiphaniaskirche ist dabei ein besonderes Beispiel der typische Holzarchitektur im russischen Norden. Auf einer quadratischen Grundfläche steht ein Holzwürfel, auf jenem thront ein weiterer kleinerer Würfel, der die fünf Kuppeln des Gotteshauses stützt. Die größte von ihnen befindet sich natürlich im Zentrum der Kirche, die übrigen Vier schmücken des Dachrand in alle Himmelsrichtungen. Die Konstruktionsart ist selten und ist sonst nur noch an wenigen nordrussischen Kirchen aus dem 18. Jahrhundert zu finden.

1909

Leider kann diese Art von Architektur selbst bei idealer Bauweise dem rauen Klima nur dann langfristig standhalten, wenn sie bei Zeiten und regelmäßig restauriert wird. Das gilt auch für die Epiphaniaskirche. Im 19. Jahrhundert wurden die Wände verstärkt und die Schindeln auf den Kuppeln durch Metallblätter ersetzt. Auch die Fenster und andere Details wurden modifiziert.

2006

Zu Sowjetzeiten wurde die Kirche geschlossen, vier der fünf Kuppeln wurden demontiert. Erst in den 90er Jahren, nach dem Zerfall der UdSSR, begannen erste Restaurationsarbeiten. Die Kuppeln wurden mit ihrem ursprünglichen Schindeldach wiederaufgebaut. Dann aber endeten die Arbeiten, ohne abgeschlossen worden zu sein.

Und so befand sich die Kirche schon zehn Jahre später, 2006, in einem Mitleid erregenden Zustand. Wiederum drei Jahre später stürzte die Konstruktion dann völlig in sich zusammen. Die Ruinen konnten nur noch eingesammelt und verwahrt werden - in der Hoffnung auf einen echten Wiederaufbau. Irgendwann. Konkrete Pläne dazu gibt es bislang nicht.

2006

Die benachbarte Kirche der Muttergottes vom Zeichen ist in schlichtem neoklassischen Stil gebaut. Im Zentrum steht ein Rundbau mit Kuppel. Der Altarraum befindet such in einem angeschlossenen halbkreisförmigen Anbau im Osten. Am gegenüberliegenden Ende befindet sich der Glockenturm. 

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Wie ihre hölzerne Kollegin wurde auch diese Kirche zu Sowjetzeiten geschlossen und geplündert. Übrig blieben praktisch nur noch die Wände und das blanke Dach, aber auch diese Konstruktion ist bereits einsturzgefährdet. Tiefe Risse ziehen sich durch die tragenden Steinwände.

Auch ihr Schicksal ist unklar. Wie das so vieler russischer Kirchen, die außerhalb der Großstädte zu Sowjetzeiten ausgehöhlt und später nicht mehr neu errichtet wurden, weil meistens die nötige Bevölkerung für eine echte Gemeinde fehlt.

2006

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte russische Chemiker und Fotograf Sergej Prokudin-Gorski ein aufwändiges Verfahren für die Farbfotografie. Seine Vision der Fotografie als eine Form von Bildung und Aufklärung zeigt sich besonders in seinen Fotografien der mittelalterlichen Architektur historischer Siedlungen wie Suzdal und Wladimir. Zwischen 1903 und 1916 reiste er durch das Russische Imperium und schoss mit seiner neuen Technik über 2000 Fotografien, die drei Aufnahmen auf einer Glasplatte beinhalten. Im August 1918 verließ er Russland mit seiner Kollektion von Glasnegativen und ging nach Frankreich. Nach seinem Tod im Jahr 1944 in Paris verkauften seine Erben diese Kollektion an die Kongressbibliothek. Im frühen 21. Jahrhundert digitalisierte die Bibliothek die Prokudin-Gorski-Kollektion und machte sie für die Öffentlichkeit frei zugänglich. Zahlreiche russische Webseiten führen nun Teile dieser Kollektion auf.

1909

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