Die Deutschen und Sankt Petersburg: Eine lange Geschichte

Немецкая реформатская кирха.

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Deutsche Handwerker, Händler, Militärs, Wissenschaftler und Adlige spielten in der Geschichte Sankt Petersburgs eine große Rolle. RBTH sprach darüber mit Irina Tscherkasjanowa. Die promovierte Historikerin hat sich auf die Geschichte der Deutschen in Russland spezialisiert.

Die deutsche Reformierte Kirche an der Moika / Archive PhotoDie deutsche Reformierte Kirche an der Moika / Archive Photo

RBTH: Wie kam es historisch dazu, dass die deutsche Gemeinde die größte Minderheit in der Hauptstadt des Russischen Kaiserreichs war?

Irina Tscherkasjanowa: Die Antwort liegt auf der Hand, wenn man zwei Seiten dieser Entwicklung betrachtet. Die eine Seite: Zar Peter der Große lud die Deutschen ein. Er wollte vor allem das Militärwesen, den Handel und das Handwerk fördern. Zu diesem Zweck räumte Peter ausländischen Umsiedlern per Erlass einige Vorteile ein.

Die andere Seite: Wer ist dieser Einladung gefolgt? Zu Peters Zeiten kamen Handwerker, Kaufleute und Militärs aus deutschen Fürstentümern – also jene Gruppen, die das Imperium brauchte. Die größte Einwanderungswelle gab es jedoch in der Regierungszeit Katharinas II. (der Großen). Das heißt: Die wirtschaftliche Lage im Westen und das Überangebot dieser Fachkräfte in deren Heimat kam Russland zugute.

Neben Handwerkern, Kaufleuten und Militärs zog es auch viele Wissenschaftler und Adlige nach Russland. Können Sie dazu etwas sagen?  

Nehmen wir die 1724 gegründete Petersburger Akademie der Wissenschaften als Beispiel: Von den ersten 13 Akademikern waren neun Deutsche.

Während des Nordischen Krieges von 1700 bis 1721 zwischen Russland und Schweden, nach dessen Ausgang St. Petersburg gegründet wurde, wurden die Baltischen Staaten an Russland angeschlossen. Der gesamte baltische Adel war größtenteils deutschen Ursprungs. Er übernahm gerne Ämter im Russischen Kaiserreich – wir sehen die Nachkommen des baltischen Adels bis ins Jahr 1917.

Welche Rolle spielten die Deutschen in der Ära Katharinas der Großen?

Katharina hatte eine wichtige Aufgabe: Die riesigen Ländereien zu erschließen, die Russland während ihrer Regentschaft erlangt hatte. Zugleich wurden die Bauern zusehends unterjocht, während die Adligen immer mehr Privilegien und Bauern erhielten. Es gab einfach niemanden, der die neuen Landstriche hätte besiedeln können.

Die Landesgrenzen waren entblößt: Dort gab es keine nennenswerten Siedlungen – diese unbewohnten Gebiete brauchten dringend Arbeitskräfte. In Russland hätte man sie nirgends hernehmen können, also wurden 1762 und 1763 Manifeste erlassen, wonach Umsiedler massenweise in die freien Ländereien an der Wolga und am nördlichen Schwarzmeer strömten, meist über Lübeck. Dies waren aber vor allem Bauern und Handwerker, einfache Leute, keine Adligen und Offiziere.

Das war für die gesamteuropäische Politik des 18. Jahrhunderts typisch. Die Staaten „rissen“ die Bauern an sich, denn damals galt: Je größer die Bevölkerung, desto stärker und stabiler der Staat.

Wann entstanden die deutschen Gemeinden?

Unter Peter ist größtenteils ein Zuwachs an Stadtbevölkerung zu beobachten, unter Katharina nimmt die Landbevölkerung zu. Gerade in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden um Sankt Petersburg herum deutsche Kolonien. Es waren nicht so viele wie an der Wolga und in Noworossija (heute ukrainisches Gebiet – Anm. d. Red.).

Die meisten verschwanden während des Zweiten Weltkriegs: Die Ischorskaja-Kolonie zum Beispiel, heute Telmana; die Strelninskaja, heute Gorbunki, wo nur ein lutherischer Friedhof erhalten geblieben ist; dann noch die Kronstadtskaja, Oranienbaumskaja, Peterhofskaja und Kipen. In Zarskoe selo gab es die Kolonie Friedental, die bis ungefähr 1919 existiert hatte und danach mehr und mehr zu einer Datschen-Siedlung wurde. Bis 1941 arbeiteten in diesen Kolonien deutsche Kolchosen.

Die Kolonie Friedental in Zarskoe Selo existierte bis 1919. Auf dem Bild: Christi-Auferstehungskirche / M.J.Meshchaninova's collectionDie Kolonie Friedental in Zarskoe Selo existierte bis 1919. Auf dem Bild: Christi-Auferstehungskirche / M.J.Meshchaninova's collection

Im 19. Jahrhundert waren etwa 20 Prozent hochrangiger Staatsbeamter deutscher Abstammung. War das auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch so?

Irina Tscherkasjanowa: Ja, zu Jahrhundertbeginn ist die überwiegende Mehrheit der Hofdiener des Zaren orthodox, an zweiter Stelle folgen aber die Deutschsprachigen. Auch in der Armee waren es ungefähr 20 Prozent, unter den Generälen und Offizieren. Und in der Leibgarde waren fast 50 Prozent deutschstämmig. Der Staatsrat, das höchste Beratungsorgan unter Nikolai II., bestand aus 202 Menschen, ein Viertel von ihnen waren Deutsche.

Bemerkenswert ist, dass die Deutschen an Russlands Gesamtbevölkerung nur 1,4 Prozent ausmachten, rund zwei Millionen Menschen – in den privilegierten Schichten waren sie aber breit vertreten.

In welchen Wirtschaftszweigen von St. Petersburg gab es die meisten Deutschen?

Die Wirtschaft des 18. Jahrhunderts unterscheidet sich sehr stark von der Industrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Deshalb muss man diese Frage in historischen Abschnitten betrachten.

Im Gewerbeamt der Stadt St. Petersburg wurden russische Schneider registriert ebenso wie ausländische. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren diese zahlenmäßig stärker vertreten, dabei waren die meisten Ausländer Deutsche. Das liegt daran, dass Peter der Große den Russen verboten hatte, Schneider zu werden, weil er die westliche Mode in Russland einführen wollte.

Der zweite ur-deutsche Beruf: Bäcker. Zudem gab es viele Ärzte und Apotheker, weil die Medizin an den deutschen Universitäten stark entwickelt war. Auch in der hochtechnologischen Industrie gab es viele Deutsche – also im Maschinenbau, der Stahlindustrie und Elektrotechnik. Die Firma Siemens zum Beispiel stellte die Stadtbeleuchtung her. Und die Flügel der Firma Becker waren sehr berühmt und von Pjotr Iljitsch Tschaikowski hoch geschätzt.

Gab es deutsche Viertel in der Stadt?

Markiert sind solche Viertel durch Kirchen. Das älteste Bauwerk – die Petrikirche – befindet sich auf dem Newski Prospekt neben dem Admiralitätsgebäude. Auf der Wassiljew-Insel waren deutsche Kaufleute in der Überzahl, dort arbeitete die Akademie der Wissenschaften, es gab einen Hafen und ein Zollamt.

Die Kirche der Heiligen Katharina auf dem Bolschoi Prospekt der Wassiljew-Insel ist bis in unsere Tage erhalten geblieben. Und im Handwerkerviertel Litejnaja Tschast wurde die Kirche der Heiligen Anna erbaut, in der Kirotschnaja Straße. An der Moika gab es eine reformatorische Kirche, die in den 1930er Jahren zu einem Kulturpalast der Fernmeldemitarbeiter umfunktioniert wurde.

Die deutsche Reformierte Kirche an der Moika wurde die in den 1930er Jahren zum Kulturpalast der Fernmeldemitarbeiter umgebaut. / Alex Florstein Fedorov/Wikimedia CommonsDie deutsche Reformierte Kirche an der Moika wurde die in den 1930er Jahren zum Kulturpalast der Fernmeldemitarbeiter umgebaut. / Alex Florstein Fedorov/Wikimedia Commons

Was ist von den deutschen Vierteln erhalten geblieben?

Das älteste Luther-Viertel existiert bis heute: Die Peterkirche und dahinter die Peterschule und an den Seiten zwei ehemalige Mietshäuser. Man kann nicht sagen, dass die Deutschen sich abgeschottet ansiedelten, aber ihre Anziehungspunkte hatten sie schon.

Die lutherischen Friedhöfe möchte ich besonders hervorheben. Leider kommt ihnen in unserer Zeit nicht so viel Aufmerksamkeit zu. In der Nekropole des Smolensker lutherischen Friedhofs dienen alte Grabplatten als Fußwegplatten, völlig verwahrlost ist das Grab von Boris Semjonowitsch Jakobi, dem Erfinder des Gleichstrommotors.

Erhalten sind der lutherische Friedhof Wolkowskoe und Strelninskoe. Daneben ist ein Denkzeichen aufgestellt worden, zum 200. Gründungstag der Kolonie durch die ersten Umsiedler.

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