Sowjetische Scherze: Mutige und treffsichere Witze über Lenin, Stalin & Co.

Geschichte
TOMMY O'CALLAGHAN
Der russische Humor ist seit jeher mutiger als der vieler anderer Länder. Die Witze über die „Helden der Revolution“ und sowjetischen Anführer zeigen das anschaulich.

Die Jahre nach der Russischen Revolution 1917 waren keinesfalls witzig. Dennoch verloren die Russen selbst in diesen schweren Zeiten der Bürgerkriege und des „Roten Terrors“ nicht ihren Humor – obwohl ihnen für kritische Scherze hohe Haftstrafen und sogar die Todesstrafe drohten. Die russische Politsatire war dennoch lebendig wie nie. 100 Jahre später hat Russia Beyond nun für Sie die ausgefallensten Witze über die „unantastbaren“ Revolutions- und Sowjetführer zusammengetragen und übersetzt.

Wladimir Leninwird in Scherzen oft als zutiefst ernster und leidenschaftlicher Kommunistenintellektueller und ideologischer Meinungsmacher dargestellt. Als Schlüsselfigur der Revolution sprach Lenin oft über ideologische Inhalte.

Oft beinhalten die Scherze fiktive Gespräche mit seinen Zeitgenossen, beispielsweise mit dem fanatischen Felix Dserschinskij, dem Leiter der ersten sowjetischen Geheimpolizei Tscheka. Der „Eiserne Felix“ karikiert als „Berufsrevolutionär“ den überzeugten und tief bewegten Lenin, der sich diese Provokationen jedoch auf keinen Fall anmerken lassen darf.

“Wladimir Illijtsch, was ist eine sozialistische Wirtschaft?”

“Also, Felix Edmundowitsch, sag mir doch bitte, hast Du haarige Beine?”

„Ja, die sind haarig.“

„Sehr haarig?“

„Sehr haarig.“

„Gut, dann brauchst Du ja keinen Wintermantel.“

Lenin tritt an Dserschinskij heran und fragt:

„Felix, würdest Du der Revolution zuliebe auch aus dem Fenster springen?“

„Natürlich!“, antwortet Dserschinskij und springt sofort aus dem Fenster.

Lenin geht die Treppen hinunter, tritt auf die Straße und schaut auf den am Boden liegenden Dserschinskij.

„‘Eiserner Felix‘, ja? Welch Pathos!“

 

“Inspiriert” von der ewigen Knappheit in der Sowjetunion, war es sehr popular, die ewig gleichen ideologischen Mantras und leere Phrasen über soziales Wachstum satirisch aufs Korn zu nehmen.

In diesem Witz wird der Revolutionsslogan als so weit entfernt dargestellt, wie das Leben der Tschuktschen im letzten Winkel des Fernen Ostens der damaligen Sowjetunion.

 

Ein Tschuktschen-Vertreter tritt vor den Kongress:

„Genossen! Vor der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution kannten wir Tschuktschen zwei Gefühle: Hunger und Kälte. Erst jetzt spüren wir dreierlei: Hunger, Kälte und eine tiefe Zufriedenheit.“

 

Obwohl Personenkult üblicherweise vor allem Josef Stalin zugeschrieben wird, spielte er auch zu Lenins Zeiten bereits eine bedeutende Rolle in der sowjetischen Ideologie. Und obwohl sie mit ihrem Leben spielten, indem sie den Generalsekretär – egal ab bis zu oder nach seinem Ableben – durch den Kakao zogen, scherzten die Sowjetbürger doch viel und derb – wie beispielsweise in diesem Witz, der mit dem Titel des Tolstoi-Schauspiels „Der lebende Leichnam“ spielt.

 

“Heute gehen wir ins Theater und sehen ‘Den lebenden Leichnam‘!“

“Oh, mir wird schon schlecht. Immer geht es überall nur um Lenin!“

 

Ein Witzewettbewerb politischer Scherze anlässlich Lenins Geburtstag:

3. Platz: drei Jahre Arbeitslager zu Ehren Lenins

4. Platz: sieben Jahre Arbeitslager zu Ehren Lenins

5. Platz: ein Treffen mit dem Mann selbst

 

Andere Witze wiesen derweil darauf hin, dass Stalin sich von Lenins Wildheit noch habe inspirieren lassen:

 

Lenin liegt im Sterben und ruft Stalin zu sich:

„Ich bin sehr besorgt“, sagt er. „Ob die Menschen Dir wohl folgen werden?“

„Werden sie“, antwortet Stalin überzeugt, „sicher werden sie das.“

„Ich hoffe es“, erwidert Lenin, „aber was, wenn nicht?“

„Naja“, überlegt Stalin kurz, „dann werden sie eben Dir folgen.“

 

Gegen Ende der Sowjetzeit wurde die Zensur schwächer, Breschnew-Witze wurden Alltag, der Personenkult um die Staatschefs der Sowjetunion ließ nach. So entstanden auch zahlreiche immer einfachere, primitivere Texte – teilweise sogar mit Verweisen auf moderne Musik aus dem Westen:

Dserschinskij steigt aus einem gepanzerten Fahrzeug und ruft:

„Die Revolution ist vollbracht! Nun übergebe ich euch Kamerad Lenin!“

Die Menge brüllt: “Lennon! Lennon! Lennon!”

Lenin: “Nein, ich bin nicht Lennon, Ich bin Lenin!”

Die Menge: “Lennon! Lennon! Lennon!”

Lenin: “Na, was soll’s! Hier ist also ‘Yesterday‘!” (deutsch: „Gestern“)