Wie die „Flotte der Wahnsinnigen“ fast einen Krieg mit Großbritannien auslöste

Schlachtschiff "Orjol" ["Adler"] in Kronstadt, August 1904

Fotoarchiv für Schiffe der russischen und sowjetischen Marine
Ein schwerer Fehler russischer Seeleute brachte das Land 1904 mit dem britischen Königreich an den Rand eines Krieges. Dies hätte dazu führen können, dass die beiden Länder keine Verbündeten geworden wären und der Erste Weltkrieg anders ausgefallen wäre.

Zu der Zeit des Russisch-Japanischen Krieges wurde eine russische Flotte als „Flotte der Verdammten“ bezeichnet, da es ihr Schicksal war, in der Schlacht bei Tsushima fast ausgelöscht zu werden. Auf dem Weg zu diesem unglücklichen Kampf begann die Staffel zudem fast einen Krieg mit Großbritannien.

Am 2. Oktober 1904 verließ das Zweite Pazifikschwadron die russischen Ostseehäfen und reiste in den Fernen Osten. Über 30 Kriegsschiffe wurden geschickt, um für die Ehre und die Interessen des Russischen Reiches zu kämpfen.

Bevor sie ihr Ziel erreichten, verursachten russische Seeleute jedoch den sogenannten „Zwischenfall von Hull“, der fast dazu führte, dass Großbritannien Russland den Krieg erklärte.

Eine nervöse Reise

Die russische Flotte musste einen langen Weg durch Europa zurücklegen, um nach Asien zu gelangen. Vor der Abfahrt wurden die befehlshabenden Offiziere gewarnt, dass japanische U-Boote und Kriegsschiffe, die auch als Handelsschiffe getarnt sind, sie während der Reise jederzeit angreifen könnten.

Von Anfang an befanden sich die Besatzungen in Kampfbereitschaft und in jedem vorbeifahrenden Schiff sahen die russischen Seeleute einen potenziellen Feind. „Die ganze Zeit suchten die Offiziere nach kaum sichtbaren Lichtern am Horizont und nach Anzeichen von verdächtigen Schiffen“, erinnerte sich (rus) Wladimir Kostenko, ein Offizier auf der Orjol, einem Schlachtschiff.

Dieses nervenaufreibende Warten auf einen Angriff infizierte nicht nur die Offiziere, sondern auch die gesamte Mannschaft. „Die Matrosen benutzten jede Ausrede, um mit Offizieren über das Thema zu sprechen, sodass es das gesamte Schiff erfasste“, schrieb Kostenko.

Als die Flotte Dänemark passierte, berichtete ein Schiff, dass zwei japanische Heißluftballons entdeckt wurden. Während diese Informationen noch nicht bestätigt wurden, stieg jedoch das Ausmaß der Angst deutlich.

Verhängnisvoller Fehler

Diese Anspannung, die die Besatzungen erfasst hatte, gipfelte schließlich in einem Vorfall, deren Folgen die Seeleute selbst erschreckte.

In der nebligen Nacht vom 21. Oktober befuhren die russischen Schiffe das Gebiet der Doggerbank vor der englischen Küste, wo sie auf eine Gruppe von unbekannten Schiffen stießen, die die Russen mit japanischen Torpedobooten verwechselten. Die kaiserlichen Schiffe eröffneten wild das Feuer.

Das Chaos verschlang die Kriegsschiffe, die Scheinwerfer leuchteten in völliger Dunkelheit in alle Richtungen. Neben dem Abfeuern großer Kanonen wurden auch Maschinengewehre ausgelöst, als ob der Feind versuchte, die russischen Schiffe zu besteigen, welches nicht wahr sein konnte.

„Wir wurden zum ersten Mal vom Feuer getauft, aber wir wussten nicht, gegen wen wir kämpften“, schrieb (rus) Kostenko.

Die Russen erkannten jedoch schon bald ihren Fehler. Die „japanischen Torpedoboote“ waren in der Tat englische Fischerboote. Als Ergebnis der „Schlacht“ sank ein Fischerboot und fünf wurden beschädigt, zwei Fischer starben, sechs wurden verletzt.

Panzerkreuzer

Auch die russischen Streitkräfte erlitten Verluste. Das zukünftige Symbol der Russischen Revolution, die Aurora, wurde vom eigenen Feuer getroffen und ein Priester wurde tödlich verwundet.

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Großbritannien bereitet sich auf den Krieg vor

Die britische Gesellschaft war empört über den Vorfall, die lokale Presse verspottete die Russen als „Piraten“ und als „eine Flotte von Wahnsinnigen“. Zudem forderten sie die Köpfe der verantwortlichen Offiziere.

„Es ist fast unvorstellbar, dass jeder Mann, der sich Seemann nennt, wie verängstigt er auch sein mag, zwanzig Minuten damit verbringen könnte, eine Flotte von Fischerbooten zu bombardieren, ohne die Natur seines Ziels zu entdecken“, schrieb (eng) die „Times“.

Fast 30 Schiffe der Heimatflotte wurden für den Krieg vorbereitet, während eine weitere Marineeinheit unter der Führung der Fregatte HMS Lancaster die russischen Schiffe ab dem spanischen Hafen von Vigo begleitete und ihnen bis zu den Kanarischen Inseln folgte.

„Wir waren gezwungen, diesen beleidigenden ‚Geleitzug‘ schweigend zu tolerieren und die Matrosen wurden enorm unruhig, während sie dieses aufsässige englische Verhalten über sich ergehen ließen “, schrieb (rus) Kostenko.

Zu diesem Zeitpunkt erreichten die Beziehungen zwischen beiden Ländern ihren Tiefpunkt der letzten 20 Jahre.

Friedliche Lösung

Um einen Krieg zu vermeiden kamen Russland und Großbritannien am Verhandlungstisch zusammen. Zusätzlich wurde eine unabhängige internationale Kommission eingerichtet, um den Vorfall zu untersuchen.

Die internationale Kommission zur Ermittlung des „Zwischenfalls von Hull“

Die Ergebnisse der fast zweimonatigen Arbeit waren jedoch so schwammig, dass sie weder die Briten noch die Russen zufriedenstellten. Es wurde verkündet, dass Russland für den Tod der Seeleute verantwortlich sei. Andererseits war das Vorgehen der russischen Seeleute durch die Situation gerechtfertigt, dass ein Angriff jederzeit möglich war und sogar erwartet wurde.

Schließlich wurde der Konflikt beigelegt, als Russland zustimmte, den britischen Fischern eine Entschädigung in Höhe von damaligen 66 000 Pfund zu zahlen.

Britische Fischer in Paris, wo die Kommission tagte

Die Länder schafften es den Krieg zu vermeiden, aber noch wichtiger ist, dass sie zwei Jahre später den Vertrag von Sankt Petersburg unterzeichneten und dadurch enge Verbündete wurden. Bis die Monarchie in Russland im Jahr 1917 fiel, genossen beide über ein Jahrzehnt lang eine strategisch starke Partnerschaft.

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