Der russische "Dracula": Wie der Bolschewik Alexander Bogdanow die Hämatologie voranbrachte

Sputnik, gemeinfrei, Pixabay
Kurz vor dem Tode Wladimir Lenins 1924 entstand in Russland eine Geheimgesellschaft, deren Mitglieder freiwillige Bluttransfusionen durchführten. Der Initiator der Experimente war ein hochrangiger Bolschewik, Alexander Bogdanow. Von einer Sekte oder einem religiösen Kult kann also keine Rede sein.

„Der große Visionär”, wie ihn seine Anhänger nannten, wollte den Schlüssel zur Unsterblichkeit finden. Bram Stokers „Dracula” war ein vielgelesenes Buch im Russischen Reich, das auch zu Sowjetzeiten noch faszinierte.

Blut und Opfergaben hatten eine große mystische Bedeutung in einem Land, das gerade zwei Millionen Menschen in einem Krieg von noch nie dagewesener Brutalität verloren hatte. Der mystischen Anziehungskraft des Blutes konnten sich auch einige Wissenschaftler nicht entziehen, die überzeugt waren, das im Blut die gesamte Persönlichkeit eines Menschen, seine Seele und sein Immunsystem zu finden seien. Bogdanow war einer dieser Wissenschaftler.

Alexander Bogdanow

Bruch mit Lenin

Lenin war angewidert von Bogdanows Leidenschaft für Fantasie und Science-Fiction, doch als zweiten Mann in der Partei konnte er ihn nicht so einfach fallenlassen. Dennoch bekam ihre Freundschaft immer mehr Risse. Während Lenin auf Dialog und Kooperation in der Duma, der russischen Legislative setzte, lehnte Bogdanow, der noch viel weiter links als Lenin stand, diese Herangehensweise ab.

Lenin und er entzweiten sich zunehmend über ihre Ansichten zum Marxismus. Bogdanow wurde schließlich aus der Partei ausgeschlossen. In Lenins Schriften wurde seine Ablehnung von Bogdanows “bourgeoisen” Ansichten sehr deutlich. Bogdanow hatte seine Partei, seine Arbeit und seine Glaubwürdigkeit verloren.

Gefährliche Forschungen

Bogdanow widmete sich daraufhin verstärkt der Wissenschaft und Forschung. Nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg gab es gerade auf diesem Gebiet große Hoffnungen. „Wissenschaft kann alles” war das Mantra der 1920er und 30er Jahre. Michail Bulgakow hatte soeben seinen brillanten satirischen Science-Fiction Roman „Hundeherz” veröffentlicht, in dem eine Hundeseele in einen Menschen übertragen wird.

Bogdanows Forschungen waren gefährlich und er selbst sein erstes Versuchskaninchen. Den Probanden wurde Blut abgenommen und in einem sterilen Behälter mit Gerinnungshemmern gemischt, bevor die Transfusionen durchgeführt wurden.

Bogdanows Fangemeinde wuchs, als seine grenzwertigen riskanten Experimente erste Erfolge zeigten: Bogdanow sah fünf bis zehn Jahre jünger aus, hieß es.

Dadurch ließ sich sogar Stalin von diesem Forschungsprogramm überzeugen und bemühte sich um Bogdanow und dessen Experimente. Er schlug vor, dass Bogdanow wieder in die Partei zurückkehren sollte, aus der er von Stalins Vorgänger ausgeschlossen worden war. Im Jahr 1926 wurde auf Anordnung Stalins das Institut für Bluttransfusion gegründet und Bogdanow wurde dessen Direktor. Allerdings sollte Bogdanow nur wenig Zeit bleiben, die Wirkung seiner Verjüngungskur zu genießen.  

Damals wusste man noch nicht so viel über erfolgreiche Bluttransfusionen wie heute.

Bogdanow beschäftigte sich intensiv mit der Frage, ob es möglich sei, dass komplette Immunabwehrsystem eines Menschen über das Blut zu übertragen. Mit einem jungen, an Tuberkulose erkrankten Mann schien der perfekte Kandidat für dieses Experiment gefunden zu sein. Ein Liter Blut wurde zwischen Wissenschaftler und Patient ausgetauscht.

Es nutzte nichts, dass Bogdanow sein eigenes Blut mit dem von Dracula verglich, welches den Ruf hatte, immun gegen menschliche Gebrechen zu sein. Diese Bluttransfusion sollte seine letzte werden.

Das damalige Gebäude des Instituts für Bluttransfusion. Auf seiner Basis entstand das russische Nationale Medizinische Zentrum für Hämatologie. Das dazu gehörende Forschungsinstitut für Bluttransfusion trägt bis heute den Namen von Bogdanow.

Innerhalb von drei Stunden verschlechterte sich der Zustand beider Blutspender zusehends: Fieber, Übelkeit, Erbrechen – alles Anzeichen einer ernsthaften Vergiftung. Doch Bogdanow lehnte eine Behandlung ab. Nach 48 Stunden versagten seine Nieren. „Macht, was gemacht werden muss. Wir müssen bis zum Schluss kämpfen”, sollen, laut einem engen Vertrauten, dem Ökonomen Wladimir Klebaner, seine letzten Worte gewesen sein. Bogdanow starb am 7. April 1928 im Alter von 54 Jahren. Der 21-jährige junge Mann hingegen überlebte das Experiment.

Später stellte sich heraus, dass es nicht diese Bluttransfusion war, die zum Tode Bogdanows geführt hatte. Beide besaßen Blutgruppe 0. Doch durch die vielen vorangegangenen Transfusionen hatte Bogdanows Körper so viele Antikörper gebildet, dass sein Immunsystem selbst das passende Blut abwehrte.

Stalin war wütend, hatte er doch tausende Rubel in Bogdanows Blut-Institut gesteckt. Von nun an hielt er alle Wissenschaftler für Scharlatane und Erpresser. Doch letztlich waren Bogdanows Arbeiten der Anstoß dafür, dass sich die Hämatologie in Russland endlich weiterentwickelte.

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