Ghosting, Gaslighting und andere Boshaftigkeiten: Das gab es schon in der russischen Geschichte

"Zar Michail Fjodorowitsch mit den Bojaren in seinem Empfangsraum"

"Zar Michail Fjodorowitsch mit den Bojaren in seinem Empfangsraum"

A. P. Rjabuschkin
Üble Verhaltensweisen sind seit Jahrtausenden existent. Für viele gab es mindestens genauso lang keine konkrete Benennung. Heutzutage ist das anders. Gaslighting, Ghosting, Sexismus - Begriffe unserer Zeit. Was sich hinter ihnen verbirgt, reicht jedoch weit zurück in die Vergangenheit. Hier sind einige bemerkenswerte Beispiele aus der russischen Geschichte.

Gaslighting

Gaslighting ist eine manipulative Technik, die darauf abzielt, eine Person davon zu überzeugen, dass sie nicht die volle Kontrolle über ihre geistigen Fähigkeiten besitzt - normalerweise bis zu einem gewissen schändlichen Ende. Man kann beispielsweise der Frau einreden, dass sie immer vergisst, das Bügeleisen auszuschalten, während es tatsächlich der Ehemann ist, und sie dann für verrückt erklären, wenn sie sich weigert, ihren vermeintlichen Fehler einzusehen. Der Begriff stammt aus dem legendären Psychothriller „Das Haus der Lady Alquist”, im Original „Gaslight”, von George Cukor aus dem Jahr 1944.

Aber auch in der russischen Geschichte gibt es dafür genügend Beispiele. Katharina die Große, die durch den Sturz ihres Mannes Peter III. (und den darauffolgenden Befehl zur Hinrichtung) auf den russischen Thron aufstieg, brachte Großherzog Paul, ihrem Sohn aus der Ehe mit Peter III., große Verachtung entgegen. Als Paul volljährig wurde und sich an der Regierungsführung beteiligen wollte, ließ Katharina verbreiten, dass Paul mental instabil und grausam sei und dass er gar nicht Peters Sohn, sondern ein Bastard sei, der unehelich gezeugt wurde. Ja, Katharina gab sich wirklich große Mühe, ihren Sohn schlecht zu machen und das zeigte Wirkung. Paul wurde nach seiner Thronbesteigung, die nach Katharinas Tod und angeblich gegen deren Willen erfolgte, tatsächlich eigensinnig und grausam. Katharina war erfolgreich gewesen.

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Sexismus

„Das ist keine Arbeit für Frauen” - nur ein häufiges Beispiel für Sexismus, den es schon seit Jahrhunderten gibt. Katharina die Große selbst hat diese Art von Beleidigung erfahren. Kurz nach dem Staatsstreich, der sie zur russischen Kaiserin machte, schlug Nikita Panin, einer der höchsten Beamten Russlands, vor, einen kaiserlichen Rat zu bilden, der sich aus sechs bis acht, selbstverständlich männlichen, Mitgliedern zusammensetzen sollte, um die Kaiserin in den  Regierungsgeschäften zu unterstützen. Katharina wusste, was dahinter steckte: viele hochrangige russische Adlige befürchteten, „eine Frau könne den Staat nicht ordnungsgemäß führen“. Katharina I., Elisabeth von Russland und Anna von Russland, die zuvor auf dem Thron saßen, wurden weitgehend von den Adeligen manipuliert. Wütend wies Katharina Panins Ansinnen zurück. Der Rest ist Geschichte. Sie bewies erstmals, dass auch eine Frau eine mächtige Herrscherin sein kann, vielleicht sogar mächtiger als die männlichen Kollegen.

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Ghosting

Das Nichtbeantworten von Anrufen, E-Mails oder Nachrichten und letztendlich das Leugnen der Existenz einer Person wird als Ghosting bezeichnet. In diesem Fall verhält sich der Manipulator so, als ob sein Opfer unsichtbar wäre. Zar Iwan der Schreckliche hat einst sein gesamtes Volk in Schrecken versetzt, indem er einfach vorgab, er sei kein Zar mehr. 1575 dankte Iwan ab und machte Simeon Bekbulatowitsch, einen russischen Staatsmann tatarischer Herkunft, zum neuen Herrscher. Iwan stufte sich selbst in den Rang eines „einfachen" Bojaren herunter - er sprach Simeon sogar als „Großfürst und Herrscher über ganz Russland" an. Während Simeon mit all dem zaristischen Luxus im Kreml lebte, besaß Iwan nur ein Haus in Moskau. Als die Leute ihn anflehten, ihre Probleme zu lösen, sagte Iwan nur, er sei nicht der Zar.

Simeon regierte elf Monate und währenddessen nahm er den Klöstern und Diözesen Land und Geld weg. Nachdem sich Iwan der Schreckliche wieder zum Zaren zurückernannte, bot er „großzügig“ an, alles zurückzugeben. Unnötig zu erwähnen, dass der größte Teil in den Schatzkammern des Zaren verblieb. Das war das Ziel und der Grund dafür, warum Iwan während seiner Herrschaft den „Pause”-Knopf gedrückt hatte. Ghosting-Level: 99.  

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Die neuen Begriffe, die wir heutzutage verwenden, sind also bloß Euphemismen für altbekannte Sünden. Aber sie sind nicht ganz sinnlos. In der Vergangenheit konnte nicht jeder aufstehen, sich gegen seine Unterdrücker stellen und sie der Lüge, des Betrugs, der Grobheit oder der Verletzung der Grenzen beschuldigen. Aber mit diesen komplizierten und bedrohlichen Worten ist das heutzutage leichter. Sie klingen wie eine Diagnose, anstelle einer Beleidigung. Damit haben Sie plötzlich die gleiche Autorität wie ein Arzt. Stellen Sie sich doch einmal vor, was Katharina die Große noch alles hätte erreichen könne, wenn es Begriffe wie „Gaslighting” oder „Sexismus” schon damals gegeben hätte…

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