Einmalig: Als Russland von zwei Zaren regiert wurde

Russia beyond; Public domain; Moscow Kremlin Museums
Im Hintergrund zog sogar noch eine dritte Person die Fäden.

Auf den ersten Blick ist es schwierig, sich vorzustellen, dass im Russland des 17. Jahrhunderts mit seiner langen autokratischen Geschichte gleichzeitig zwei Personen regierten. Doch zwischen 1682 und 1696 teilten sich die Brüder Iwan und Peter den russischen Thron. 

Ein ungleiches Paar 

1683 besuchte eine schwedische Mission Moskau und traf beide Zaren. Engelbert Kämpfer, ein deutscher Reisender, der die Schweden als Sekretär des Botschafters begleitete, erinnerte sich an das Treffen wie folgt: „Die beiden Zaren saßen im Audienzzimmer auf zwei silbernen Stühlen unter Ikonen, beide in prächtigen Gewändern mit glitzernden Edelsteinen. Der ältere Bruder hob kaum den Blick und sah niemandem in die Augen. Der Jüngere war dagegen sehr offen … und er sprach sehr schnell.“  

Der Jüngere, das war der damals erst elfjährige Peter I. (später Peter der Große, 1672 - 1725), der mit enormen Aufwand Russland in ein europäisches Reich verwandeln sollte. Der ältere Bruder, der 16-jährige Ivan V. (1666 - 1696), hinterließ keine Spuren. Niemand erinnert sich noch an ihn. Wie kam es, dass die beiden sich den Thron teilten? 

Zwei Brüder 

Alexei Michailowitsch (1629 - 1676), der Vater von Iwan und Peter, war zweimal verheiratet. Erst mit Maria Miloslawskaja, die ihm 13 Kinder gebar. Nach deren Tode heiratete Alexei Natalja Naryschkina und hatte drei weitere Kinder mit ihr. Sowohl die Miloslawskis als auch die Naryschkins waren einflussreiche Adelsfamilien, die ihre Nachkommen sehr gerne auf dem Thron sehen wollten. 

Peter und Iwan von Gottfried Kniller

1682, nach dem Tod von Alexeis und Marias älterem Sohn Fjodor III., der seit 1676 regierte, war es an der Zeit zu entscheiden, wer ihm auf den russischen Thron nachfolgen würde: Marias Sohn Iwan (15 Jahre alt) - als erster in der Thronfolge, jedoch ständig krank und sehr gleichgültig oder Nataljas Sohn Peter (10 Jahre alt) – umtriebig und ehrgeizig, aber sehr jung.

Zuerst schien es, als hätten die Naryschkins es geschafft, Peter zum Zaren zu machen - seine Position war stark. Am 27. April 1682 erklärte Patriarch Joakim, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Peter zum Zaren.

Doch der Kampf war noch nicht vorbei. Während Iwan kaum weniger Interesse am Thron hätte zeigen können, holte seine Schwester Sofia, die informell die Gruppe der Miroslawski-Anhänger anführte, zum Schlag aus. 

Blutbad im Kreml 

Sofia und ihre Anhänger spielten die Naryschkins aus und provozierten in Moskau den Aufstand der Strelizen (Palastgarde). Die einflussreichen Strelizen fühlten sich nicht mehr genug gewürdigt. Sie waren von den Zaren ihrer Privilegien beraubt und im Laufe des 17. Jahrhunderts von ihren Kommandeuren ausgebeutet worden. Sie waren leicht zu entflammen. 

Strelizenaufstand von 1682

Am 15. Mai stürmten die Strelizen den Kreml, angestachelt von den Gerüchten, die wahrscheinlich von Sofias Anhängern verbreitet worden waren, Iwan sei getötet worden. Und obwohl Iwan sich ihnen persönlich zeigte, richteten die Strelizen über vier Tage lang ein wahres Massaker an. Schließlich setzten sich die mit Waffen hochgerüsteten Strelizen gegenüber der kaiserlichen Familie durch: Peter würde Zar bleiben, aber nur zusammen mit Iwan.

Wie funktionierte das? 

Am 25. Mai, nur wenige Tage nachdem die Strelizen den Kreml in Blut getränkt hatten, fand die offizielle Krönung von Iwan V. und Peter I. statt. „Diese seltsame, hastig arrangierte Zeremonie war präzedenzlos - nicht nur für Russland, sondern für alle europäischen Monarchien", schrieb der britische Historiker Robert K. Massie in seinem Buch über Peter den Großen. 

Doppelthron für Peter und Iwan

Die beiden Jungen saßen auf einem speziellen zweisitzigen Thron und beiden wurde die Monomachos-Krone aufgesetzt, die alte Krone der russischen Zaren. Peter musste als jüngerer Bruder nach der Krönungszeremonie aber das eigens angefertigte Duplikat tragen. Hinter dem Thron gab es einen besonderen Platz für den Tutor der jungen Zaren, der ihnen Ratschläge geben konnte, was sie während der Krönung tun und was sie sagen sollten.

Krönung der Zaren Peter und Iwan, 1682. Radierung eines Gemäldes von K. Brozhe

Vier Tage später beschloss die Bojarenduma unter dem Druck der Strelizen, dass Sofia die Regentschaft für die jungen Zaren übernehmen sollte. Für die nächsten sieben Jahre waren es sie und ihr enger Kreis, die Russland wirklich regierten. Iwan und Peter waren „zeremonielle“ Herrscher, deren Aufgabe es war, Delegationen zu empfangen, an Gebeten und offiziellen Festen teilzunehmen und so weiter.

Das Ende des Tandems 

Zudem verbrachte der jüngere Zar Peter zwischen 1682 und 1689 zusammen mit seiner Mutter Natalja Naryschkina die meiste Zeit außerhalb Moskaus im Dorf Preobraschenskoje. Er, der miterlebt hatte, wie Familienangehörige und deren Anhänger im Kreml abgeschlachtet worden waren, hegte nur bittere Gefühle für den Kaiserhof. 

„Blutige, schreckliche Szenen vor seinen Augen, qualvolle Tode in seiner Familie, die Verzweiflung seiner Mutter, die Macht, die ihnen genommen wurde ...“ Ein Historiker des 19. Jahrhunderts, Sergej Solowjow, listet die Geister der Vergangenheit auf, die Peters Kindheit geprägt haben und ihn wahrscheinlich später zu einem rücksichtslosen Herrscher machten. 1689 setzte sich der dann 17-jährige Peter durch und steckte seine Halbschwester Sofia in ein Kloster. 

Zarewna Sofja Aleksejewna im Nowodewitschi-Kloster von Ilja Repin

Was Iwan betrifft, so zeigte der ältere Bruder nie Interesse an Staatsangelegenheiten. Aufgrund seiner schwachen Gesundheit betrachteten ihn viele Historiker als geistig beschränkt. Auf jeden Fall behandelte Peter Iwan immer mit Respekt - zumindest offiziell. Nachdem er Sofia gestürzt hatte, schrieb er an Iwan: “Nun, Herr, mein Bruder, es ist Zeit für uns, selbst zu regieren ... und ich bin bereit, Sie wie meinen Vater zu respektieren."

Iwan erhob sich nie gegen Peter und formell regierten sie weiterhin gemeinsam Russland, obwohl Iwan in der Politik kaum wahrnehmbar war und von seinem sehr rührigen Bruder in den Schatten gestellt wurde. Iwans Tod im Jahr 1696 beendete die seltsame Zeit zweier Zaren, die gleichzeitig Russland regierten. Eine solche Situation hat es nie wieder gegeben. 

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