Das Clubhouse der 80er Jahre: Wie sowjetische Jugendliche die Telefonkonferenz erfanden

Geschichte
NIKOLAJ SCHEWTSCHENKO
Lange vor dem Erfolg von Clubhouse entdeckten sowjetische Jugendliche, dass eine technische Panne es ihnen ermöglichte, sich in Telefonkonferenzen mit mehreren, auch unbekannten, Teilnehmern auszutauschen.

Geheime Nummern 

Es ist unmöglich zu sagen, wer im sowjetischen Festnetz die Funktion „Telefonkonferenz“ oder „Chatroom“ entdeckt hat, aber zwei Tatsachen sind ziemlich sicher: Es lag eine technische Fehlfunktion zugrunde und es passierte in den 1980er Jahren. 

Das Prinzip ähnelte der Clubhouse-App, die aktuell viral geht. Telefonbenutzer wählten eine Nummer, die keinem bestimmten Nutzer zugeordnet war und statt „Kein Anschluss unter dieser Nummer“ erhielten sie die Möglichkeit, einem „Chatroom“ beizutreten. Die anderen Nutzer hatten sich mit der gleichen Nummer eingewählt. 

Dort konnten völlig fremde Menschen über alles diskutieren, was sie beschäftigte: über Politik und Literatur, Schwarzmarktgeschäfte oder Sex. 

Die geheimen Telefonnummern, die die Teilnahme an einer solchen Telefonkonferenz ermöglichten, wechselten ständig, nämlich jedes Mal, wenn das technische Personal des sowjetischen Festnetzbetreibers eine solche Lücke entdeckte und die Nummer abschaltete. Dann wurden einige neue Nummern - manchmal von Beschäftigten des Telekommunikationsanbieters - heimlich weitergegeben und unter interessierten Nutzern verbreitet, die wieder einem Chatroom beitreten wollten. 

„Für uns war dies ein unangenehmes Phänomen, für alle anderen jedoch nicht. Ihnen gefiel es. Diese technische Panne ermöglichte es einer großen Anzahl von Menschen miteinander zu kommunizieren“, so Leonid Tufrin (rus), Regionaldirektor des Unternehmens North West Telecom, das Telekommunikationsdienste im Nordwesten Russlands anbietet.

Besonders beliebt waren die Telefonkonferenzen in St. Petersburg. Doch auch im Rest der UdSSR hatten sie viele Freunde. 

Kultur, Schmuggel, Sex 

Der Legende nach wurde das „Clubhouse“ der UdSSR erstmals von den Farzowschtschiki entdeckt - Menschen, die in der UdSSR illegal mit im Ausland hergestellten Waren handelten. Sie nutzten die Chats, um sich ungestört mit Komplizen austauschen zu können und ihre Geschäfte zu besprechen. Sie wussten, dass ihr Standort nicht nachverfolgt werden konnte, denn die verwendete Nummer gehörte offiziell zu niemandem. 

Später wurden die Telefonkonferenzen auch bei ganz gewöhnlichen Menschen beliebt, die sich einfach ein wenig Gesellschaft und Austausch wünschten. Wie in der Clubhouse-App waren die Chats manchmal, wenn auch nicht immer, bestimmten Themen gewidmet.

Die Händler-Telefonnummern wurden von Schülern des Instituts für sowjetischen Handel und Kadetten der Schule der Handelsflotte verbreitet. Studenten von Fachhochschulen und medizinischen Universitäten waren Quellen für Telefonnummern zum Thema „Freizeit“ und „intellektueller Austausch“. „Für Herzensangelegenheiten waren die Studenten der Staatlichen Universität Sankt Petersburg und der Staatlichen Pädagogischen Universität zuständig“, erklärte (rus) Alexander Kusmin, der das Angebot früher oft genutzt hat, in einem Interview mit „Tjournal“.

Manchmal organisierten die Teilnehmer solcher Chats auch „Offline“-Treffen und romantische Verabredungen. Während einer der Telefonkonferenzen tauschten beispielsweise zwei Männer Nummern mit zwei jungen Frauen aus und vereinbarten, sich später zu treffen. „Es stellte sich heraus, dass das Mädchen Maria hieß, sie hatte eine Freundin namens Dascha. Beide kamen zum Date. Uns beiden gefiel Maria, aber nicht Dascha. Da mein Kumpel groß und gutaussehend war, war Marias Wahl wenig überraschend. Nach einiger Zeit wurde Maria schwanger und die beiden heirateten“, erinnert sich Georgi Bogatschew. 

Manchmal nahmen Leute an den Chats teil, weil sie gelangweilt waren. „Einmal habe ich während eines Spaziergangs an solch einer Telefonkonferenz teilgenommen. Das Wetter war schlecht und wir warteten Wind und Regen in einer Telefonzelle ab. Weil wir sonst nichts zu tun hatten, haben wir uns eingewählt“, berichtet eine Frau von ihren Erfahrungen. 

Verschwunden für immer 

Die sowjetischen Behörden waren diesen Telefonkonferenzen gegenüber sehr misstrauisch und das technische Personal bemühte sich, die technische Störung zu beseitigen, die es den Menschen ermöglichte, daran teilzunehmen. „Leute aus dem Parteikomitee erzählten uns von den Konferenzen. Wir mussten diese aus ideologischen Gründen identifizieren und melden“, sagt Irina Grigorkina, die 1980 als Dozentin arbeitete.

Während sich die Jugend für die Erhaltung der Chatrooms einsetzte, bemühte sich die Festnetzgesellschaft, diese zu beseitigen, möglicherweise mit stillschweigender Zustimmung der sowjetischen Behörden.

Einige behaupten, die sowjetischen Telefonkonferenzen seien gar nicht so intensiv genutzt worden, da ihre Lebensdauer begrenzt und ihre Reichweite sehr beschränkt gewesen sei. 

Allmählich verlor das Format an Attraktivität und starb aus, weil immer weniger Menschen Interesse an dieser Art des Austauschs hatten und, weil die Festnetzanschlüsse in Russland nach und nach aktualisiert wurden und es technisch unmöglich machten. 

Doch die Geschichte scheint sich in ähnlicher Weise zu wiederholen. Die Clubhouse-App gewinnt im Russland des Jahres 2021 immer mehr an Popularität.