Warum feierten die Russen das Neujahrsfest im März und im September?

Geschichte
GEORGI MANAJEW
Russland hat im Laufe seiner Geschichte verschiedene Kalender verwendet, und das russische Neujahrsfest wurde gleich an vier verschiedenen Daten gefeiert!

Der 1. Januar war in Russland nicht immer ein Feiertag. Offiziell wurde er es am 23. Dezember 1947, als der Oberste Sowjet der UdSSR ein Dekret „Über die Erklärung des 1. Januar zum arbeitsfreien Tag" erließ. Der 1. Januar war jedoch auch nicht immer der Neujahrstag.  

Warum wurde im alten Russland das Neujahrsfest am 1. März gefeiert? 

Im alten Russland wurde das Neujahrsfest am 1. März gefeiert. Warum gerade an diesem Tag? Die erste Hypothese besagt, dass dies einfach daran lag, dass im März das landwirtschaftliche Jahr beginnt. Eine andere Annahme ist, dass die vorchristlichen Russen den 1. März als ersten Tag des neuen Jahres von einem alten römischen Kalender übernommen haben, der zehn Monate hatte, von denen der März der erste war.

Als die Russen 988 zum Christentum übertraten, blieb der erste Tag des neuen Jahres derselbe - denn die Kiewer Rus begann, den byzantinischen Kalender zu verwenden. Das Byzantinische Reich, dass das russische Land zum Christentum führte, verwendete einen Kalender, der 353 in Konstantinopel (dem heutigen Istanbul) geschaffen wurde. 

Dieser Kalender begann mit der Erschaffung der Welt - laut Septuaginta (der ältesten bekannten griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel) geschah dies etwa 5508 Jahre vor der Geburt Jesu Christi. Etwa ab dem 7. Jahrhundert begann das byzantinische Neujahrsfest am 1. März, was für die Russen sehr passend war. Ihr erstes Jahr war 6496 im byzantinischen Kalender. Im selben Jahr jedoch verlegte das Byzantinische Reich den Jahresbeginn auf den 1. September.

Warum wurde das Fest auf den 1. September verlegt?

Seit dem 10. Jahrhundert und bis 1492 wurden in Russland sowohl der 1. September als auch der 1. März als erste Tage des neuen Jahres verwendet. Im täglichen Leben wurde das Neujahrsfest im März gefeiert. Der September wurde für die Datierung offizieller Dokumente wie Vereinbarungen, Verträge und Urkunden verwendet, aber vor allem feierte die orthodoxe Kirche das Neujahrsfest am 1. September - wie im Byzantinischen Reich.

Aber 1492, von der Schöpfung an gerechnet, wäre das Jahr 7000-7001 gewesen. Nach vielen Prophezeiungen, die in der russischen (sehr abergläubischen) Gesellschaft des späten 15. Jahrhunderts kursierten, war dies das Jahr, in dem der Antichrist die Welt besuchen würde - das Ende der Tage. Die meisten Russen, selbst die vornehmsten und gebildetsten, glaubten an diese Prophezeiungen. 

Die meisten Russen glaubten auch an das Ende der Tage - Quellen zeigen, dass 1492 die Zahl der Handelsgeschäfte deutlich geringer war als 1491 oder 1493. Die meisten orthodoxen Hierarchen und zivilen Behörden in Moskau nahmen die Prophezeiungen jedoch nicht ernst. Dmitri Trachaniot, ein griechischer Diplomat und Religionsgelehrter im Dienste Iwans III., stellte in seinen Briefen fest, dass weder Jesus selbst noch die Propheten oder die Heiligen über das Ende der Welt nach dem siebten Jahrtausend seit der Schöpfung sprachen, und dass dies nichts weiter als menschliche Spekulation sei. 

In der Tat ist am 1. September 1492 (oder im Jahr 7001 des byzantinischen Kalendersystems) nichts Endzeitliches geschehen. Stattdessen beschloss das Moskauer Konzil der orthodoxen Kirche, dass das neue Jahr an diesem Tag beginnen sollte, und diese Entscheidung hatte politische Gründe. 

Fast 40 Jahre zuvor, 1453, war Konstantinopel vom Osmanischen Reich erobert worden, und 1472 heiratete Großfürst Iwan III. von Moskau Sophia Palaiologina, die eigentliche Nichte des letzten byzantinischen Kaisers Konstantin XI. von Palaiologos. Mit ihrer Heirat und der Einführung des 1. Septembers als neues Neujahrsfest 20 Jahre später sandte Iwan III. eine klare Botschaft an die Welt: Nach dem Fall von Byzanz konnte nur noch der Moskauer Staat ein wirklich frommer orthodoxer Staat sein. Dieses politische und religiöse Konzept, das später als „Moskau, das dritte Rom“ bekannt wurde, wurde von den Nachfolgern Iwans III. auf dem Moskauer Thron weiterentwickelt.

Warum legte Peter der Große Neujahr auf den 1. Januar? 

Mehr als 200 Jahre lang, von 1492 bis 1699, feierten das russische Volk und die russisch-orthodoxe Kirche das Neujahrsfest am 1. September. Das wurde zu einer festen Tradition. 

In der Zwischenzeit lebten die Europäer nach völlig unterschiedlichen Kalendersystemen - zunächst nach dem julianischen Kalender (bekannt als „Alter Stil“) und ab 1582 nach dem gregorianischen Kalender, den wir heute noch verwenden (auch bekannt als „Neuer Stil“). Diese beiden Kalender begannen mit der Geburt Christi, nicht mit dem Schöpfungstag. Sie waren auch viel einfacher zu berechnen und zu lesen als der byzantinische Kalender, und das Jahr begann am 1. Januar und nicht im März oder September.

Peter der Große betrachtete den internationalen Handel als einen der Schlüsselfaktoren für die Entwicklung Russlands. Ihm war klar, dass die Russen dasselbe Neujahrsfest haben mussten wie die Europäer, um erfolgreich mit Europa Handel treiben zu können.

Das unterschiedliche Neujahrsfest stellte ein Problem dar: In Europa war Anfang September ein typischer Arbeitsmonat, in dem Geschäfte abgeschlossen und Verträge unterzeichnet wurden - in Russland hingegen feierte man Neujahr und hatte eine Woche oder länger frei. Für Peter den Großen bedeutete das nur eines - Geldverlust.

Am 19. Dezember 7208 (nach byzantinischer Art) erließ Peter ein Dekret: Auf den 31. Dezember 7208 folgte der 1. Januar 1700. Das Jahr 7208 war somit das kürzeste für Russland, denn es dauerte nur vier Monate - von September bis Dezember. 

In demselben Dekret gab Peter auch Empfehlungen, wie das Neujahrsfest „auf europäische Weise“ gefeiert werden sollte. Nach dem Gebet, so schrieb der Zar, sollte man sein Haus und seine Tore mit Tannen-, Fichten- oder Wacholderzweigen schmücken und sich gegenseitig zum Beginn des neuen Jahres und des neuen Jahrhunderts gratulieren.

Vornehme Leute wurden angewiesen, Salutschüsse aus kleinen Kanonen, Musketen und allen verfügbaren kleinen Gewehren abzugeben. Peter empfahl außerdem, dass die Menschen vom 1. bis zum 7. Januar Feuerwerkskörper zünden und in ihren Gärten Lichter anzünden dürfen.

Die Bolschewiki übernehmen den Gregorianischen Kalender

Allerdings übernahm Peter im Zuge dieser Reform nicht den gregorianischen Kalender - denn dieser war von Papst Gregor XIII. geschaffen worden, einem Katholiken, und die russisch-orthodoxe Kirche lehnte den Katholizismus damals strikt ab. Die russische Kirche blieb beim julianischen Kalender. Zwischen 1700 und 1918 unterschieden sich die russischen und europäischen Kalender um mehr als zehn Tage.

1918 wurde der Gregorianische Kalender von Sowjetrussland übernommen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrug der Unterschied zwischen dem Julianischen und dem Gregorianischen Kalender 13 Tage. Am 26. Januar 1918 (julianischer Kalender) unterzeichnete Wladimir Lenin ein Dekret, mit dem der gregorianische Kalender in Russland eingeführt wurde: Auf den 31. Januar folgte der alte, auf den 14. Februar der neue Kalender. 

Schließlich begannen Russland und der größte Teil der Welt, nach demselben Kalender zu leben. Die russisch-orthodoxe Kirche hat jedoch den julianischen Kalender beibehalten. 

>>> Warum die Russen Neujahr gleich zweimal feiern