Warum gab es im sowjetischen Moskau so viele Taubenschläge? Und was hat Pablo Picasso damit zu tun?

Wladimir Lagransch/TASS
In der UdSSR gab es in fast jedem Hof einen Taubenschlag, und er war ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens. Wir erklären, wer so viele Vögel brauchte - und wie die Taubenzucht zu einer sowjetischen Obsession wurde.

Tauben im Dienst der Armee

Der Taubenschlag (die ehemalige Datscha des Grafen Orlov).

Die ersten Taubenställe gab es in der Hauptstadt bereits vor 200 Jahren. Alexej Orlow, Graf und Günstling der russischen Zarin Katharina der Großen, gilt als der erste Taubenzüchter. Seine Leibeigenen ließ er eine besondere Taubenrasse züchten: weiße Purzlertauben. Für ihren Erfolg erhielten sie einen Freibrief. Die schönsten Tiere schenkte Orlow der Zarin, die auch bald Gefallen an diesen Vögeln fand.

Im zaristischen Russland des 19. Jahrhunderts war die Taubenzucht jedoch weitgehend gelangweilten Landbesitzern vorbehalten. In der breiten Bevölkerung breitete sich diese Beschäftigung erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus, als die Russische Taubensportgesellschaft und ein Netz von Brieftaubenstationen zwischen Moskau, St. Petersburg und den Nachbarstädten im Lande eingerichtet wurden. Die Tauben, die die Kommunikation zwischen den Siedlungen sicherstellten, befanden sich in der Obhut des Generalstabs. Im Jahr 1914 gab es mehr als 4 Tausend Tauben in der russischen Armee.

Von Krieg zu Krieg

Nicht die Taubenpost des Zaren jedoch machte die Taubenzucht zu einer Leidenschaft der großen Masse. Die Revolution und der Bürgerkrieg bedeuteten für fast alle Tauben das Ende: Sie wurden gefangen und gegessen.

Die sowjetische Regierung beschloss jedoch 1925, der Taube wieder einen festen Platz in der Gesellschaft einzuräumen und verfolgte dieses Ziel im Sinne einer nationalen Notwendigkeit. Überall in der Sowjetunion entstanden Taubenzuchtstellen. Dabei bestand in dem neuen Land wenig Interesse an unpraktischen, rein dekorativen Arten. Nur die stärksten und schnellsten Vögel waren gefragt. Im Taubensportzentrum wurden regelmäßig Wettbewerbe ausgetragen, bei denen die Tiere nach Geschwindigkeit und Distanzen bewertet wurden.

Von diesem Zeitpunkt an hätte der Erfolgsgeschichte der Tauben eigentlich nichts mehr im Wege stehen müssen. Doch eine weitere geopolitische Katastrophe machte ihr erneut einen Strich durch die Rechnung. 1941 wies der Kommandant von Moskau alle Privatpersonen an, ihre Tauben „innerhalb von drei Tagen“ bei der Polizei abzugeben, um zu verhindern, dass sie von feindlichen Elementen benutzt werden. Die Vögel hätten in die Hände der deutschen Wehrmacht fallen können. So verschwanden die Tauben wieder, und ihre Zucht war gefangen in einem schicksalhaften Kreis: mal begann sie aufzuleben, mal verschwand sie ganz.

Picasso war an allem schuld

Eröffnung des Weltkongresses für allgemeine Abrüstung und Frieden (9.-14. Juli 1962). Moskau, Kongresspalast des Kremls.

Die eigentliche „Taubenrevolution“ fand in den 50er Jahren statt und verbindet sich mit Namen Pablo Picasso. Im Sommer 1957 sollten in Moskau die VI. Weltfestspiele der Jugend und Studenten stattfinden - ein Ereignis, das zum ersten Mal seit dem Krieg den „Eisernen Vorhang“ zwischen der Sowjetunion und dem Westen öffnete. Vierunddreißigtausend Menschen aus 131 Ländern reisten in die UdSSR. Pablo Picasso, ebenfalls ein begeisterter Taubenzüchter, schuf mit der Friedenstaube das Symbol für das Fest. Die Vögel sollten zur Eröffnungsfeier als Zeichen der Freundschaft und Solidarität freigelassen werden.

Reinrassige Tauben in der Ausstellung im Sokolniki-Park, Moskau, 1975.

Moskau dürfte sich keine Blöße geben, es brauchte massenhaft Tauben. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es davon jedoch kaum welche in der Stadt. So wurde ein einzelner Parteilehrer damit beauftragt, die für das Fest erforderliche Anzahl von Vögeln zu züchten. Alle, von Schulkindern bis zu Universitätsprofessoren, halfen mit.

„Die Taubenzucht war praktisch allgegenwärtig, sie fand auf den Dächern der Werkshallen von Moskauer Fabriken, in riesigen Taubenställen, in Schulen, auf den Höfen statt“, –erinnert sich der Moskauer Historiker Alexander Waskin. „Seit den 1950er Jahren gab es kaum einen Hof ohne ein grün oder blau gestrichenes Taubenhaus, in dem jeden Tag nach der Arbeit und an den Wochenenden ein hilfsbereiter Anwohner verschwand.“

Taubenhaus in der Tvardovsky-Straße, 1985.

Die Partei ordnete an, in jedem Betrieb Taubenhäuser zu errichten. Deren Pflege wurde erfahrenen Amateur-Taubenzüchtern aus den Belegschaften übertragen, die von allen anderen Aufgaben entbunden waren. Aktive Bürger in den Städten schlossen sich zusammen, um Tausende von Vögeln in den Clubs ihrer Bezirke zu züchten, und Hunderte weitere sollten in trubeligen Schulhofecken aufgezogen werden. Auf den Plätzen der Städte konnte man Taubenfutter kaufen, und an einigen Hauptstraßen wurden sogar Straßenschilder mit der Aufschrift „Vorsicht, Tauben“ angebracht: Hier dürfte man nicht schneller als 5 km pro Stunde fahren.

Am 28. Juli 1957 stiegen 34 Tausend Tauben (entsprechend der Anzahl der Gäste des Festivals) in den Himmel über Moskau auf. Das Ziel war erreicht. Doch die Moskauer hatten ihr Hobby liebgewonnen und ließen nicht davon ab. Im Gegenteil: Die Taubenzucht wurde zu einem kulturellen Phänomen.   

Männertreffpunkt

Zum einen gefiel es allen so gut, Tauben in den Himmel steigen zu lassen, dass dieser Brauch zum festen Bestandteil aller großen Festen und Veranstaltungen wurde. So umrahmte der symbolische Akt etwa die Olympischen Spiele 1980, die Weltjugendspiele 1985 oder die Goodwill Games 1986.

Zum anderen wurde die Taubenzucht als eine ausschließlich männliche Betätigung festgeschrieben. In Taubenschlägen versammelten sich die Männer mit derselben Nebenabsicht wie in Garagen - mit einer Flasche Alkohol. Sie waren auch ein Treffpunkt, an dem Männer unter vier Augen über ihre Angelegenheiten sprechen konnten. Frauen blieben normalerweise fern.

Das Standbils aus dem sowjetischen Film

Zwar wurde die Taubenzucht selbst auf dem Höhepunkt ihrer Popularität in den 1980er Jahren nicht mit „echter Männlichkeit“ in Verbindung gebracht, sondern galt eher als Zeichen einer gewissen Kauzigkeit, die an eine Schrulle grenzte. In Moskau aber gab es nicht wenige solcher „Käuze“. Die Menschen waren von einem regelrechten Fieber ergriffen, ihre Nachbarn in der Anzahl der Vögel, der Vielfalt seltener Arten und in der Fluggeschwindigkeit zu übertreffen. Auch Diebstähle kamen vor: Hobbyzüchter stahlen einfach Vögel aus fremden Taubenschlägen oder nutzten eine raffinierte Methode: Sie schickten eine weibliche Taube in den Nachbarschlag, die in einem Schwarm männlicher Begleiter zurückkehrte.

Mit dem Zusammenbruch der UdSSR fand diese Kultur ein Ende. Die Menschen interessierten sich nicht mehr für Tauben. Jahrelang standen Taubenställe leer, bis sie von neuen Bauherren abgerissen wurden. In einigen Moskauer Innenhöfen aber ist dieses Symbol einer vergangenen Ära noch erhalten.

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung ausschließlich unter Angabe der Quelle und aktiven Hyperlinks auf das Ausgangsmaterial gestattet.

Weiterlesen

Diese Webseite benutzt Cookies. Mehr Informationen finden Sie hier! Weiterlesen!

OK!