Flugzeugkatastrophe: Haben die Russen jetzt Angst vorm Fliegen?

Es wird eine zweiwöchige Phase der Verunsicherung erwartet. Die russische Gesellschaft erholt sich schnell von solchen Schockzuständen.

Es wird eine zweiwöchige Phase der Verunsicherung erwartet. Die russische Gesellschaft erholt sich schnell von solchen Schockzuständen.

Marina Lystseva / TASS
Nach der Flugzeugkatastrophe in Ägypten, bei der 224 Menschen den Tod fanden, bleiben russische Reisende zunächst gelassen. Stornierungen für Flüge nach Ägypten gab es bislang nicht. Das könnte sich jedoch noch ändern. Nach Flugzeugunglücken entwickeln mehr Menschen eine, zumindest vorübergehende, Flugangst.

Anna (34) wird in der kommenden Woche nach Ägypten in den Urlaub fliegen. Flugangst hat die Journalistin eigentlich nicht. Doch nach dem Absturz eines russischen Ferienfliegers am vergangenen Samstag über der Halbinsel Sinai ist sie ein wenig nervös: „Natürlich ist mir etwas bange. Seit Tagen drängt mich meine Mutter, auf diese Reise zu verzichten“, erzählt sie. Doch sie fürchtet, dann auf den Reisekosten sitzen zu bleiben. „Niemand wird mir diese  erstatten, und selbst wenn. So günstig wie in Ägypten könnte ich nirgendwo sonst sonnenbaden“, meint Anna. Vor dem Flug will sie nun ein Beruhigungsmittel einnehmen und ihrer Mutter noch einmal Mut zusprechen.

Wissen, was im Cockpit passiert

Maria (30) ist Eventmanagerin und Vielfliegerin. Beinahe jede Woche ist sie im Flieger unterwegs, auf Inlandsflügen oder ins Ausland. Doch sie leidet an Flugangst. Ihre Strategie: „Ich schaue mir vorher die Flotte der Fluggesellschaften an.“ Zudem verzichtet sie auf Billigflieger – „die nehme ich nur, wenn es keine Alternative gibt.“ Nicht einmal durch das regelmäßige Fliegen hat sie ihre Angst in den Griff  bekommen. „Ich muss wissen, dass ich in einem neuen Flugzeug fliege und dass die Fluggesellschaft ihre Flugzeuge ordnungsgemäß wartet. Dadurch fühle ich mich etwas sicherer.“ Maria ist bereit, für dieses Gefühl auch mehr zu zahlen.

Bei Urlaubsreisen bevorzugt sie ebenfalls Linienflüge und Fluggesellschaften mit positivem Image. Denn in den Urlaub fliegt sie mit ihrem Kind. Jedes Flugunglück schockiert sie erneut, doch sie kann Flüge nicht vermeiden, sagt sie. Obwohl sie auch den Statistiken nicht vertraut: „Fliegen ist zwar die sicherste Art der Fortbewegung, doch leider passieren auch dabei Unfälle“, sagt Maria. Sie hat bereits versucht, etwas gegen ihre Flugangst zu unternehmen. Geholfen hat dabei ein Flugsimulator-Training. „Ich weiß nun, was im Cockpit passiert. Seitdem habe ich etwas weniger Angst im Flugzeug.“

14 Tage Verunsicherung 

INFO:

Die Tragödie über Sinai ist die bislang größte Katastrophe in der russischen Luftfahrt. 1985 stürzte eine TU-154 von Aeroflot in Usbekistan ab. Damals sind 200 Menschen ums Leben gekommen.

Flugangst ist weltweit verbreitet und die Russen bildeten da keine Ausnahme, meint der Psychiater und Spezialist für Notfallversorgung bei Natur- und Massenkatastrophen Mikhail Winogradow. „Aber auch diese Menschen können Flugreisen nicht immer vermeiden, etwa aus geschäftlichen Gründen. Sie nehmen vor dem Flug Beruhigungsmittel. Einige muss man buchstäblich an der Hand an Bord führen“, berichtet er. Die jüngste Katastrohe könnte die Flugangst unter den Russen verstärken. „Viele werden sich nach dieser Katastrophe Sorgen machen. Diese Emotionen bilden eine Art Spur der Katastrophe. Angst ist die erste Reaktion. Danach kommt die Hoffnung, dass so etwas nicht wieder passiert. Deswegen werden auch keine Tickets zurückgegeben“, erklärt Winogradow.

Maya Lomidze, die stellvertretende Leiterin des Verbands der Reiseveranstalter Russlands (Ator), sagt, dass Stornierungen bislang Einzelfälle seien, doch gleichzeitig gebe es einen Rückgang bei den Buchungen zu verzeichnen. „Kaum jemand storniert, denn die Erstattungsbedingungen sind ungünstig für die Reisenden“, erklärt Lomidze. Auch in der kommenden Woche rechnen Branchenkenner noch mit weniger Buchungen, allerdings schon nicht mehr mit einem so starken Rückgang wie in der ersten Woche nach dem Unglück. Danach wird sich der Markt wieder erholen. „Das betrifft alle Reiseziele, nicht nur Ägypten“, präzisiert Lomidze. Diese zweiwöchige Phase der Verunsicherung sei typisch für die Russen, das habe man bei vergleichbaren Vorfällen beobachtet, sagt sie. „Glücklicherweise sind Flugzeugabstürze eine Seltenheit, und die russische Gesellschaft erholt sich schnell von solchen Schockzuständen.“

Flugzeugkatastrophe in Ägypten: Drei Versionen zur Absturzursache

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