Barentsburg: Russischer Außenposten auf Spitzbergen

Andrej Iskrow
Touristen kommen gerne nach Barentsburg, einer russischen Bergarbeitersiedlung auf Spitzbergen. Für die rund 500 Einwohner ist das Leben in der Arktis mitunter beschwerlich, obwohl Barentsburg sich zu einer modernen Stadt gewandelt hat.

Foto: Andrej Iskrow

Dieter ist einer von vielen Touristen, die nach Barentsburg kommen, um zu sehen, wie man in der Sowjetunion lebte. Dieter stammt aus Stuttgart und hat als Ingenieur gearbeitet. Jetzt ist er Rentner und bereist die Welt, immer auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen und Neuen. „Ich war nie in der Sowjetunion und auch noch nie in Russland. Es ist nicht so leicht, ein Visum für Russland zu bekommen. Auch deshalb bin ich nach Spitzbergen gereist. Hier brauche ich kein Visum, kann aber dennoch das Leben der Russen kennenlernen“, erzählt er.

Russen auf Spitzbergen

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Denn Spitzbergen ist ein völkerrechtlicher Sonderfall. Die Inselgruppe am Nordpol gehört zu Norwegen. Laut Spitzbergenvertrag von 1920 haben die zahlreichen Unterzeichnerstaaten das Recht, in dieser Region wirtschaftlich tätig zu sein. Heute gibt es hier fast ausschließlich norwegische und russische Siedlungen. Polen und China betreiben jeweils eine Forschungsstation auf dem Archipel.  

Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts wurde auf Spitzbergen vor allem Kohle für den Export nach Europa gefördert. Seit rund zwanzig Jahren läuft das Kohlegeschäft nicht mehr so gut; Spitzbergen setzt mittlerweile auf den Fremdenverkehr, um die fehlenden Einnahmen wettzumachen. Eine der Hauptattraktionen für Touristen ist ein Besuch der russischen Siedlung Barentsburg. Dieters Erwartungen wurden dort aber nicht ganz erfüllt: „Ich hatte eine andere Welt erwartet, einen Einblick in vergangene Zeiten.“ Stattdessen erwartete ihn eine recht moderne russische Stadt mitten in der Arktis. „Es gibt ein Museum, einen Konzertsaal und eine Brauerei. Die Gebäude sind gepflegt. Sogar ein Drei-Sterne-Hotel gibt es“, erzählt der deutsche Ingenieur.

Beschwerlicher Alltag

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Das alltägliche Leben in Barentsburg ist allerdings schwerer, als es auf den ersten Blick scheint. Oxana, eine Mitarbeiterin der Kohlefabrik Arktikugol, klagt: „Vier Monate im Jahr herrscht hier Polarnacht, vier weitere Monate Polartag.“ Das hinterlässt Spuren bei den Arktisbewohnern: „Viele haben gesundheitliche Beschwerden. Das Klima ist rau und nicht für jeden zu ertragen. Meine Tochter konnte sich an das Klima nicht gewöhnen, mein Mann und ich mussten sie zu ihrer Großmutter schicken. Wir sehen sie nur in den Ferien.“ Oxana vermisst außerdem Frische und Grün: „Es mangelt hier an Obst und Gemüse. Es gibt auch nur wenige Bäume.“

Ihr Ehemann Anatoli, ein Bergarbeiter, empfindet das Leben in Barentsburg ebenfalls als beschwerlich. „In unserem Bergwerk sind nur wenige Kohlevorräte geblieben. Um sie abzubauen, muss man in immer tieferen Erdschichten und an gefährlichen Abschnitten arbeiten. Es gibt kaum ein Jahr, in dem nicht jemand ums Leben kommt oder schwer verletzt wird. Ich arbeite hier seit fast vier Jahren und habe inzwischen zwei Freunde verloren“, bedauert er.

Die Lage auf dem Kohlemarkt begünstigt kaum einen Wirtschaftsaufschwung. „Fast alles, was wir fördern, wird für die Stromerzeugung in unserem eigenen Kraftwerk eingesetzt. Die Mine dient der Selbstversorgung“, erklärt Anatoli.

Aus Liebe zum Norden

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Nichtsdestoweniger bereuen es Oxana und Anatoli nicht, nach Barentsburg gezogen zu sein. Die Mehrheit der Einwohner von Barentsburg stammt aus der Ukraine, aus der Donbass-Region, es sind Bergarbeiterfamilien. Das Gehalt ist hier um einiges höher als in der alten Heimat. „Wir haben bereits für eine Wohnung gespart, jetzt bilden wir Rücklagen für den Kauf eines Autos. Wir sparen auch für die Ausbildung und für ein Eigenheim für unsere Tochter“, berichten die beiden.

Oxana und Anatoli konnten in Barentsburg vor dem Krieg in der Ukraine fliehen: „Viele Familien hier haben unter dem Krieg gelitten. Nicht nur Häuser wurden zerstört, einige trauern auch um Familienangehörige, die ums Leben kamen.“ Die Tochter von Oxana und Anatoli lebt sicher in Russland: „Wir sind sehr froh, dass sie dort bei den Großeltern sein kann.“

Das Ehepaar liebt trotz allem sein Leben im Norden: „Hier ist es immer ruhig, du bist mit der Natur auf Du und Du. Von unserem Fenster aus sind die Berge und der Ozean zu sehen. Es ist einfach eine der schönsten Landschaften, die es gibt.“

Anreise nach Barentsburg

Auf Spitzbergen befindet sich Longyearbyen, der nördlichste Flughafen der Welt. Die Fluggesellschaften SAS und Norwegian starten von Oslo und Tromsø nach Spitzbergen. Finnair plant ab Sommer eine neue Verbindung ab Helsinki. Hin- und Rückflug werden geschätzt ab 300 Euro kosten.

Barentsburg ist zudem per Schiff, Helikopter und im Winter mit dem Schneemobil zu erreichen. Eine regelmäßige Verbindung gibt es jedoch nicht, auch keine befestigte Straße. Im Sommer dauert eine Wanderung von Longyearbyen nach Barentsburg etwa drei Tage.

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