Russland, das pornofreie Land

So reagiert das russische Netz auf die Porno-Sperre.

So reagiert das russische Netz auf die Porno-Sperre.

Getty Images
Aus für die Internetportale Pornhub und Youporn – in Russland sind diese nicht mehr verfügbar. Die Russen nehmen es größtenteils mit Humor und Gelassenheit. Im Internet finden sich zahlreiche witzige Kommentare und kreative Protestaktionen gegen das staatlich verordnete Porno-Verbot.

Russlands Telekommunikations-Regulierer Roskomnadzor hat den Zugang zu den weltweit größten Pornoseiten Pornhub und Youporn landesweit gesperrt. Mit Besuchen auf Pornhub lagen russische Internetnutzer im vergangenen Jahr weltweit noch auf Platz elf. Kein Wunder also, dass die Reaktion des  russischen Netzes nicht lange auf sich warten ließ – teils empört, doch meist mit Humor. Roskomnadzor zeigte sich gelassen und stieg in die Online-Debatte ein.

Zur öffentlich wirksamsten Aktion, dem Unmut über die sexuelle Bevormundung Ausdruck zu verleihen, wurde der Hashtag #rospornobsor – auf Deutsch bedeutet das so viel wie „russlandweite Pornoschau“. Die Teilnehmer erzählen sachlich wie ein Nachrichtensprecher – nüchterne Stimme, neutrale Sprache – vor laufender Kamera Pornostreifen nach. Handlung, Spielort und Kameraeinstellungen werden dabei möglichst detailliert beschrieben. Die Aktion sei ein Statement gegen das Spießertum, sagen die User.

„Auf dem einen Bein stützt er sich am Bett ab, um die Handlung mit der nötigen Kraft zu vollziehen … Und jetzt zurück zu ihr: Sie sieht aus wie Ariana Grande. Nein, eher wie die Freundin von Ariana Grande“, kommentiert dabei zum Beispiel der Journalist und Initiator der Aktion Daniil Trabun, ehemaliger Chefredakteur des Lifestyle-Magazins „Afischa“, das Geschehen in einem Pornofilm. Bei #rospornobsor geht es auch darum, Hemmungen zu verlieren und offen über Sex zu sprechen. Das alles unter Verwendung einer neutralen Sprache, sodass keine Zensur droht.  

Doppelmoral?

Den Kampf der Regulierungsbehörde gegen Pornografie bezeichnen die Sprachakrobaten als aufgezwungenen Konservativismus und Spießertum auf Regierungsebene. In Russland gebe es keine Diskussion zu diesem Thema. Kritisiert wird auch, dass das russische Facebook-Pendant VKontakte zwar längst zu einem Porno-Netzwerk verkommen sei, jedoch legal bleibe. „Das ist eine ungesunde Doppelmoral. Deswegen haben wir uns #rospornobsor einfallen lassen“, erklärt Daniil Trabun.

Tatsächlich versucht Roskomnadzor seit Jahren, auch bei VKontakte gegen pornografische Inhalte vorzugehen. Immer wieder wirft der Regulierer dem Netzwerk vor, zur Verbreitung von Kinderpornografie beizutragen, und droht regelmäßig mit Sperren. Bislang konnten die Betreiber dubiose Inhalte löschen und so einer Sperre entkommen.

Pornografie ist bei VKontakte ganz leicht zu finden. Dafür muss bei der Suche lediglich die Kategorie „Ohne Einschränkungen“ angeklickt werden. Diese erscheint seit vergangenem Freitag in den Farben von Pornhub – wohl als Anspielung darauf, dass der Kampf gegen Internet-Pornografie ein Kampf gegen Windmühlen ist.

Die Pornhub-Betreiber kommentierten die Sperre via Twitter übrigens mit einem unmoralischen Angebot: „Wenn wir euch einen Premiumzugang zu unserem Portal schenken, schaltet ihr uns dann wieder frei?“, fragten sie Roskomnadzor. Der Regulierer konterte: „Sorry, wir sind nicht interessiert.“ Eine Entsperrung sei nur möglich, wenn die Webseite ihr Repertoire ändere. „Also nie“, kommentierten die übrigen Nutzer.

Spitzfindige Kommentare

Roskomnadzor setzte bereits 2005 nach einem Gerichtsbeschluss Hunderte von Pornoseiten auf eine Schwarze Liste. Mittlerweile liefert die Behörde empörten Porno-Konsumenten gleich gute Ratschläge mit. Eine Alternative zum virtuellen Zeitvertreib könne es etwa sein, „jemanden im wirklichen Leben kennenzulernen“, riet Roskomnadzor einem Nutzer. „Sie schlagen also vor, all das nachzumachen, was es bei Pornhub gibt?“, fragte der wiederum.

Ein anderer Internetnutzer macht sich nach der Sperrung Sorgen: „Roskomnadzor blockiert Pornhub. Tausende wissen nun nicht mehr, wohin mit ihren Händen.“ Nun gehen einige davon aus, dass es demnächst wieder Buden geben werde, in denen Schmuddelfilme verkauft werden. „Die prägen dann bald unser Straßenbild, wie damals, als es noch kein Internet gab“, befürchtet ein Nutzer.

Wieder andere vermuten schlicht Staatsräson hinter der Entscheidung. Mit der Sperrung von Pornhub wolle man im Sinne der Importsubstitution vielleicht heimische Sexfilme fördern.

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