Wie Russen ihre jüdische Identität finden

Mithilfe von Organisationen findet so mancher eine neue Identität.

Mithilfe von Organisationen findet so mancher eine neue Identität.

Alexandr Kryazhev / RIA Novosti
Zu Beginn der Perestroika wanderten fast drei Viertel der jüdischen Bevölkerung aus Russland aus. Um die noch verbliebenen jungen Menschen mit jüdischen Wurzeln bemühen sich in Russland jüdische Bildungsorganisationen. Sie begleiten sie auf ihrem Weg zu einer neuen nationalen und religiösen Identität.

Julia Dobrina weiß seit ihrer Kindheit, dass ihre Großmutter Jüdin war. Da sie nach christlich-orthodoxen Traditionen erzogen wurde, hatte das jedoch für sie überhaupt keine Bedeutung: „Meine Mutter bekannte sich zu unseren jüdischen Wurzeln nie gerne, die Angst und Furcht vor einer Diskreditierung konnte sie nicht ablegen.“ Doch als Dobrina auf ein Seminar im jüdischen Zentrum stieß, war ihr Interesse geweckt und sie schrieb sich ein.

Ein halbes Jahr später erreichte sie ein Rundschreiben mit dem Angebot, an einer kostenlosen zehntägigen Reise nach Israel teilzunehmen. „Das habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen“, erzählt die junge Russin. Die Reise wurde zu einem unvergesslichen Erlebnis, das Julia Dobrina nachhaltig beeindruckte. Sie ist nicht nur ihrer eigenen jüdischen Identität näher gekommen, sondern engagiert sich seither auch in dem Bildungsprojekt Jewrostars für jüdische Jugendliche. 

Selbst-Erfahrung in Israel

Julia Dobrina weiß seit ihrer Kindheit, dass ihre Großmutter Jüdin war. Foto: Bild aus dem persönlichen ArchivJulia Dobrina weiß seit ihrer Kindheit, dass ihre Großmutter Jüdin war. Foto: Bild aus dem persönlichen Archiv

Den Weg, den Julia Dobrina ging, schlagen jedes Jahr Tausende junge Leute ein. „Taglit“, die kostenlose Reise nach Israel, ist eines der ersten und begehrtesten Stationen ihrer Erkundungen des Judentums. Vor allem wenn der Dollarkurs eine Auslandsreise zu einem „unerschwinglichen Luxus“ macht.

Das wichtigste Ziel des Programms besteht darin, die Reisenden jüdischer Abstammung mit der Kultur, der Geschichte und Religion ihres Volkes vertraut zu machen. So reisen 40-köpfige Gruppen kreuz und quer durch Israel, besuchen Museen und historisch bedeutsame Orte. Finanziert wird das Programm von Privatleuten, dem Staat Israel und einschlägigen Stiftungen.

Anna Birinberg ist Leiterin des jüdischen Zentrums Gillel, eines der Organisatoren dieses Programms. Von 40 Teilnehmern einer solchen Reise setzen die meisten ihre jüdische Selbstfindung in Russland fort, berichtet sie. Ein bis zwei Personen wandern nach Israel aus, vier bis fünf bleiben für fünf oder zehn Monate im Land, um mit einem Stipendium der Organisation Masa Israel zu studieren. Das Bildungsangebot ist breit gefächert und reicht von Hebräisch-Intensivkursen bis zur Vermittlung praktischer Qualifizierungen wie etwa zum Tauchlehrer. Die Stipendiaten kommen in den Genuss einer finanziellen Förderung durch den israelischen Staat, der den Aufenthalt im Land während des Studiums vollständig oder teilweise deckt.

Eigene russische Projekte

Michoel Stawropolski, Leiter des Moskauer Büros „Jewrostars“ und Vorsitzender des jüdischen Jugendclubs Jewell. Foto: Bild aus dem persönlichen ArchivMichoel Stawropolski, Leiter des Moskauer Büros „Jewrostars“ und Vorsitzender des jüdischen Jugendclubs Jewell. Foto: Bild aus dem persönlichen Archiv

Die Förderprogramme „Taglit“ und „Masa“ wirken auf der ganzen Welt. Es gibt aber auch speziell russische Projekte. Eines der erfolgreichsten dieser Art ist das bereits erwähnte Bildungsprojekt „Jewrostars“. Michoel Stawropolski ist der Leiter des Moskauer Büros und Vorsitzender des jüdischen Jugendclubs Jewell. Wie er erzählt, ging diese Vereinigung aus dem Jewrostars-Projekt hervor, das sich mit Angeboten für ein Tora-Studium und Stipendien für diesen Zweck an jüdische Jugendliche richtete.

Viele kritisierten das Prinzip der materiellen „Vergütung“ des Glaubens. Man entschloss sich daher im Jahr 2013, das Geld durch eine Europareise am Ende des Studienjahres zu ersetzen. Die war nicht nur als Bonus gedacht, sondern sollte auch den Zusammenhalt der Teilnehmer stärken. Dieses Angebot wirkte sich qualitativ und quantitativ auf das Programm aus, das immer größer wurde und mittlerweile ein differenziertes System von Fakultäten in den Gemeinden fast aller Moskauer Bezirke und Regionen hervorgebracht hat. Reisten 2013 noch 100 Personen aus vier Städten mit, gehen 2017 an die 1 200 Reisende aus über 40 Städten an Bord eines Kreuzfahrtschiffs in der Ostsee.

Neues Judentum in Russland

Anna Birinberg, Leiterin des jüdischen Zentrums Gillel. Foto: Bild aus dem persönlichen ArchivAnna Birinberg, Leiterin des jüdischen Zentrums Gillel. Foto: Bild aus dem persönlichen Archiv

Die erste russische Auswanderungswelle erreichte Israel nach dem Zerfall der Sowjetunion. Heute machen russischsprachige Migranten aus den früheren Sowjetrepubliken 25 Prozent der Bevölkerung des jüdischen Staates aus. Viele von ihnen kamen ohne jegliche Hebräischkenntnisse und zählten sich praktisch nicht zu den Juden. Der vergleichsweise noch junge israelische Staat war auf den Zuwachs seiner Bevölkerung angewiesen. Gegenüber den Einwanderern aus Nordafrika waren die zumeist gut gebildeten sowjetischen Emigranten unvergleichlich attraktiver. 

Die Renaissance des Judentums in Russland setzte ebenfalls mit dem Fall des Eisernen Vorhangs ein. Damals kamen Rabbiner unter Berel Lazar ins Land und begannen, die untergegangene jüdische Kultur zu neuem Leben zu erwecken. Nach den Ergebnissen der Volkszählung aus dem Jahr 2010 bezeichnen sich in Russland inzwischen 157 800 Personen als Juden. Tatsächlich ist die jüdischstämmige Bevölkerung um ein Vielfaches größer. Viele Menschen jedoch wissen nichts von ihren jüdischen Wurzeln oder wollen sich nicht offen zu ihnen bekennen.

Eben diese Menschen möchten die jüdischen Organisationen mit ihrer Arbeit erreichen. Das Engagement der jüdischen Gemeinden und Organisationen ist in gewisser Weise missionarischer Natur, erläutert Ljudmila Schukowa, Dozentin am Zentrum für Religionsforschung der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität (RGGU). Die potenziellen Adressaten dieser Arbeit aber sind nicht allgemein Russen, sondern nichtreligiöse Juden. „Für diese jungen Leute, die das Judentum für sich entdecken, ist das vor allem ein Weg zu einer neuen Identität“, sagt sie.

Jüdisches Museum und Zentrum für Toleranz in Moskau

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