Straßenreport: So überleben Obdachlose in Moskau

Valeriy Melnikov/RIA Novosti
Zwischen 1,5 und drei Millionen Obdachlose gibt es in Russland – schätzungsweise. RBTH hat freiwillige Helfer eine Nacht lang begleitet und dabei aus erster Hand erfahren, wie die Ärmsten in Russlands größter Metropole überleben.

Ein Obdachloser kommt aus einer Unterf&uuml;hrung in Moskau.\nValeriy Melnikov/RIA Novosti<p><strong>Ein Obdachloser kommt aus einer Unterf&uuml;hrung in Moskau.</strong></p>\n
Ein Mann isst Fertignudeln in einer beheizten Notunterkunft f&uuml;r Obdachlose in der Nikoloyamskaya Stra&szlig;e in Moskau.\nIliya Pitalev/RIA Novosti<p><strong>Ein Mann isst Fertignudeln in einer beheizten Notunterkunft f&uuml;r Obdachlose in der Nikoloyamskaya Stra&szlig;e in Moskau.</strong></p>\n
Eine Krankenschwester untersucht einen Neuank&ouml;mmling in einer Hilfsunterkunft f&uuml;r Wohnungslose in Moskau. Der harte russische Winter macht das Leben auf der Stra&szlig;e f&uuml;r Obdachlose besonders schwer. Bed&uuml;rftige k&ouml;nnen bis zu einem Jahr in der Unterkunft wohnen.\nReuters<p><strong>Eine Krankenschwester untersucht einen Neuank&ouml;mmling in einer Hilfsunterkunft f&uuml;r Wohnungslose in Moskau. Der harte russische Winter macht das Leben auf der Stra&szlig;e f&uuml;r Obdachlose besonders schwer. Bed&uuml;rftige k&ouml;nnen bis zu einem Jahr in der Unterkunft wohnen.</strong></p>\n
 
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Ein Fahrer, ein Sanitäter, beide stämmige vierzigjährige Männer, zwei junge zierliche Frauen, Studentinnen der Moskauer Universität. Wir beladen einen Kleinbus mit warmen Jacken, Hosen, Mützen, Handschuhen – Spenden mildtätiger Menschen – sowie drei Kesseln mit warmer Suppe (Rindfleischbrühe mit Kartoffeln), Tee, Brot, Hygieneartikeln und Medikamenten. In einer Nacht müssen wir alle Bahnhöfe der russischen Hauptstadt abklappern. Neun sind es insgesamt. Über eine Million Reisende kommen dort täglich an, aber nicht jeder von ihnen weiß, wohin es weitergehen soll.

Wir treffen Wladimir, eigenen Angaben zufolge 39 Jahre alt, dem Aussehen nach weit über 50. Er kam vor einigen Monaten aus der Oblast Rjasan, 250 Kilometer südöstlich von Moskau, am Kurski-Bahnhof an. Sein Haus ist bei einem Feuer völlig zerstört worden und mit ihm alle Papiere. Ohne auf staatliche Hilfe zu warten, verdingte er sich zunächst als Hilfsarbeiter: Zwei Monate lang schleppte er Steine auf einer Baustelle. Geld gab es dafür keines. Weder bei der Polizei noch bei der Arbeitsaufsicht suchte er sich Hilfe, stattdessen griff er zur Flasche.

Am Bahnhof schnorrt er sich nun durch, seit über einem halben Jahr schon. In dieser Zeit hat man ihm im Suff die Nase gebrochen, zweimal ausgeraubt und einmal sogar festgenommen – nach einem Tag auf dem Polizeirevier kam er jedoch wieder frei. Dieser Winter ist für ihn der erste auf der Straße: „Gut, dass es nicht allzu kalt ist“, sagt er, während er begierig die Suppe löffelt. Das Thermometer zeigt minus elf Grad. „Die Alten sagen, dass bei minus 25 oder kälter die Finger abfrieren, selbst wenn man in Treppenhäusern oder Unterführungen schläft. Viele hier haben amputierte Finger und Zehen. Das kommt vom langen Frost“, sagt Wladimir.

Die Obdachlosenstatistik variiert stark

In Moskau gibt es derzeit sieben Hilfsunterkünfte für Obdachlose. Sie sehen aus wie Billig-Hostels, verfügen aber über medizinisches Personal und einen Wachschutz. Große Hallen mit Doppelstockbetten, Gemeinschaftsküchen und -sanitäranlagen auf dem Gang prägen das Bild der Einrichtungen. 1 138 Schlafplätze gibt es in der ganzen Stadt – kostenlos, staatlich finanziert. Im Sommer ist die Hälfte davon leer. „Auch jetzt steht ein Drittel davon frei“, sagt die stellvertretende Direktorin einer solchen Unterkunft, Nadeschda Tretjakowa. „Aber als es so kalt war, standen die Menschen hier dicht an dicht.“

Nikolai, ein älterer Mann, schlief in der Unterführung am Kiewski-Bahnhof. Erst wollte er mit Fäusten auf uns los, doch als wir ihm Suppe anboten, warf er sich einen Mantel um die Schultern und aß genüsslich einen Teller. In so einem staatlichen Obdachlosenasyl habe es ihm nicht gefallen, sagt er. „Alles sehr streng. Da herrscht Disziplin, schlimmer als im Gefängnis. Das sage ich euch als Ex-Knacki. Man muss Papiere unterschreiben: Dieses und jenes darf man nicht. Bei Verstoß holen sie gleich die Bullen.“

Auf die Frage, was genau man dort nicht dürfe, erklärt Nikolai frei heraus: „Na, trinken. Die Flasche kriegt man gar nicht erst am Wachmann vorbei. Nachts darf man mit keinem reden, alles muss still sein. Und zu essen gibt es nur Fertignudeln. Ich lebe vielleicht auf der Straße, aber so will ich auch nicht leben“, sagt Nikolai stolz. Pro Tag schnorre er rund 500 Rubel (7,50 Euro) zusammen. Das reiche problemlos für Wodka, Wurst und Brot, erzählt er. Damit sammelt Nikolai im Monat das Doppelte des offiziellen Mindestlohns: „Also wozu sich die Mühe machen?“, resümiert er.

Es gibt aber auch Obdachlose, die die Unterkünfte aus anderen Gründen meiden. Hilfe bekommt man dort nur, wenn man alle persönlichen Informationen schriftlich bereitstellt. Und die Daten werden genauestens geprüft. Nicht nur, dass viele Obdachlose keine Papiere haben. Ein großer Teil von ihnen will gar nicht, dass die Behörden von ihnen wissen – oft liegt die Ursache dafür in ihrer Vergangenheit. Deshalb gibt es auch keine genaue Obdachlosenstatistik. Die Daten werden von soziologischen Instituten geschätzt und variieren stark.

Die Außerirdischen rufen

Am Pawelezki-Bahnhof treffen wir auf eine ganze Obdachlosenkommune. Bei der örtlichen Polizei sind schlicht als „Mafia“ bekannt. Wie ein Sicherheitsbeamte uns erzählte, versammeln sich die Wohnungslosen täglich hinterm Bahnhof, jeder kriegt seine Anweisungen, tagsüber streichen sie in der Stadt herum und kommen abends an derselben Stelle wieder zusammen, um alles, was sie zusammengeschnorrt haben, in eine gemeinsame Kasse zu geben.

Die Kasse verwaltet, wie wir erfahren, ein Mann namens Juri alias Odekolon – eine Anspielung auf Eau de Cologne, das aufgrund seines Alkoholgehalts unter Obdachlosen zu Sowjetzeiten sehr beliebt war. Seit über zwanzig Jahren schon lebt Juri auf der Straße. Unsere Hilfe lehnt er ab, dafür erzählt er aber bereitwillig seine Geschichte. Er sei wegen einer Lappalie ins Gefängnis gekommen. Während er seine Strafe verbüßte, habe seine Frau die gemeinsame Wohnung auf ihren Namen umgemeldet – so sei er obdachlos geworden. „Dabei war ich einst beim Militär und sogar als Scharfschütze in Afghanistan. Medaillen hatte ich auch“, sagt Juri mit sichtlichem Stolz, fügt aber hinzu: „Die habe ich schon alle verkauft.“

Juris Geschichte ist durchaus typisch: Rund jeder dritte Wohnungslose wurde Opfer von Immobilienbetrug. Außerdem gibt es unter den Obdachlosen viele insolvente Schuldner und Flüchtlinge aus Kriegsgebieten.

Und dann gibt es da noch Menschen wie Irina Stanislawowna, eine ältere Dame mit einem Hämatom unter dem linken Auge. Seit drei Jahren lebt sie am Kiewski-Bahnhof. Eine besondere Angst treibt sie dazu: Sie glaubt, dass ihre Verwandten sie vergiften wollen. Sie besitzt ein eigenes Haus in einem Moskauer Vorort, aber dort leben außer ihr noch ihre Tochter mit ihrem Ehemann. „Ich habe gesehen, wie sie meinem Essen Gift beimischen. Da kriegen mich keine zehn Pferde mehr hin“, schimpft Irina. Auf unsere Suppe verzichtet sie auch.

Das sei bei Weitem nicht die sonderbarste Geschichte, sagen die freiwilligen Helfer. Mindestens einmal im Monat sind sie auf den Straßen Moskaus unterwegs. So haben sie auch einen Obdachlosen aus der südrussischen Stadt Woronesch kennengelernt, der im Moskauer Stadtzentrum darauf wartet, von Außerirdischen abgeholt zu werden. Diese hätten zwar einen Treffpunkt mit ihm ausgemacht, aber das Datum und die Uhrzeit verschwiegen. Und so bleibt ihm nur das Warten.