Stimmungsbild der Russen: Wirtschaft ist wichtiger als die Krim

Immer weniger Russen sind bereit, Einbußen in Kauf zu nehmen.

Immer weniger Russen sind bereit, Einbußen in Kauf zu nehmen.

Sergey Malgavko/RIA Novosti
Umfragen zeigen, dass der Patriotismus in Russland schwächelt. Jetzt stellen die Russen wieder mehr Forderungen an den Staat. Die Soziologen erklären sich das mit einer erschöpften Krim-Euphorie, die die wachsenden sozioökonomischen Probleme nicht länger kompensieren kann.

Die allgemeine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Russland hat offenbar die Haltung der Bevölkerung zum Staat verändert. Das hat eine aktuelle Umfrage des Lewada-Zentrums aufgezeigt.

Demnach glaubt inzwischen jeder Dritte (31 Prozent), dass er mehr vom Staat fordern könnte – im März 2016 waren das noch 25 Prozent. Ebenso von 25 auf 31 Prozent ist die Anzahl der Enttäuschten gestiegen, die meinen, der Staat gebe ihnen so wenig, dass sie ihm zu nichts verpflichtet seien. Unverändert geblieben ist dagegen die Zahl der Russen (19 Prozent), die ihre Forderungen gegenüber dem Staat notfalls auch einklagen würden.

Fast genauso viele (17 Prozent) zeigten vor einem Jahr noch Verständnis für Einbußen, die sie zum Wohle des Staates in Kauf nehmen würden. In diesem Jahr waren nur noch elf Prozent zu Opfern bereit. „Die Menschen ärgern sich, dass sie wegen der Krise gezwungen sind, an allen Ecken und Enden sparen zu müssen. Und das vor dem Hintergrund der anhaltenden Korruptionsskandale“, erklärte Lew Gudkow, Direktor des Lewada-Zentrums, der Zeitung „Kommersant“. 

Auch andere Lewada-Umfragen zeigten, dass sich die Kluft zwischen Regierung und Bürgern vergrößert. So würden die Menschen beispielsweise die Ziele des Militäreinsatzes in Syrien nicht verstehen, sagte Gudkow. Die Bereitschaft, für die Stärke des Vaterlandes Opfer zu bringen, sei ebenfalls stark gesunken. Die Menschen würden sich wieder mehr um ihre eigene Zukunft sorgen. „Die Mobilisierung für die Krim ist zu Ende und zugleich die Unterstützung der Behörden durch die Bevölkerung. Der Trend endet, die Welle des Patriotismus wird nicht nur schwächer – sie vergeht. Dafür nehmen die Spannungen in der Gesellschaft weiter zu“, meint Gudkow.

Eine Aufgabe der Politik

„Das ist eine Tendenz“, bemerkt Sergej Obuchow, Chefanalyst im Vorstand der Kommunistischen Partei. „Wir haben eine Konsumgesellschaft, deshalb werden die Forderungen infolge der Krise immer lauter. Gleichzeitig findet eine Entfremdung vom Staat statt.“ Bei den Präsidentschaftswahlen im März 2018 würden diese Stimmungen „politisch“, glaubt der Kommunist.

„Die sozialen Umstände hinken der Wirtschaft, die im letzten Jahr ihre schlimmste Zeit erlebt hat, immer hinterher. Die Wirtschaftslage verbessert sich – also wird es die soziale Lage ebenfalls“, kommentierte Andrei Issajew, erster stellvertretender Sekretär des Präsidiums vom Zentralrat der Partei Einiges Russland. Stimmungswechsel in der Gesellschaft seien „natürlich“ und kämen „regelmäßig“ vor, betonte er. Dennoch müssten die Partei und die Fraktion Entscheidungen treffen, die die Rechte und Interessen der Bevölkerung verteidigen.

Umfrage: Russen halten ihren Staat für korrupt