Dsiga Wertow: Geburtstag eines großen Künstlers

Der Pionier des Sowjetkinos Dsiga Wertow wäre heute 120 Jahre alt geworden.

Der Pionier des Sowjetkinos Dsiga Wertow wäre heute 120 Jahre alt geworden.

RIA Nowosti
Am 2. Januar 2016 wäre die Koryphäe der sowjetischen Filmkunst Dsiga Wertow 120 Jahre alt geworden. Er gilt nicht nur als Vorreiter der sowjetischen Kunst, sondern mittlerweile auch als Ikone der internationalen Filmwelt. RBTH zeichnet seine Entwicklung zum großen Künstler nach.

Vor seiner Zeit galt der Film als theatralische Inszenierung oder historisches Dokument. Für Dsiga Wertow aber war der Kinofilm schon immer eigenständig. „Ich bin ein Kino-Auge. Ein mechanisches Auge bin ich. Ich bin eine Maschine, die euch die Welt auf eine Weise präsentiert, wie ich alleine sie sehen kann“, schrieb der Regisseur bereits in seinem ersten Manifest.

Die tief greifende Wirkung eines Films auf den Zuschauer rühre, so glaubte Wertow, nicht daher, dass die Darsteller dem Publikum eine mitreißende Geschichte vorspielten. Auch keine besondere Kameraperspektive mache diese aus.  Entscheidend sei viel mehr die Art und Weise, in der sich Medium-Shots und Großaufnahmen abwechseln, der Rhythmus der aufeinanderfolgenden Einzelaufnahmen, wie Zeitlupe oder Zeitraffer eingesetzt werden.

Doch auf seine Anweisung hin nahm die Kamera selbst bei offiziellen Anlässen ganz unkonventionelle Positionen ein. Von 1922 bis 1925 leitete Wertow den Fachbereich für Kinochronik an der Sowjetischen Filmvereinigung – der späteren Goskino, die in der UdSSR für Filmproduktion und -zensur zuständig war. Gedreht wurde von fahrenden Autos, Fabrikschornsteinen oder einem Versteck aus, ein anderes Mal  filmte die Kamera zwischen fahrenden Zugrädern hindurch.

Das Sujet spielt in den Filmen des Vorreiters stets eine zweitrangige Rolle. Die Motive seiner berühmtesten und radikalsten Arbeiten – „Kino-Auge“ (1924) und „Der Mann mit der Kamera“ (1929) – lassen sich in wenigen Worten zusammenfassen: Sie beleuchten das Leben in der Großstadt sowie den Konflikt zwischen Alt und Neu. Der besondere Effekt in den raumgreifenden Filmgemälden entsteht durch die Parallelität von Einzelaufnahmen und den energischen Rhythmus des Schnitts.

Auf der Pariser Weltausstellung von 1924 wurde der erste der beiden Filme ausgezeichnet. Das zweite Werk würdigten europäische Kinokritiker rund ein Jahrhundert später in einer Umfrage als den besten Dokumentarfilm, dem ein Platz unter den zehn besten Filmen aller Zeiten gebühre.

„Kino-Auge“ (1924)

Konzept der Vergangenheit

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in vielen Ländern um die Ausarbeitung einer Filmsprache gerungen. Dies galt sowohl für den Spiel- als auch den Dokumentar- und schließlich den Tonfilm. Dsiga Wertow kam anderen Größen des Films wie David Griffith, Fritz Lang und Leni Riefenstahl, deren Film „Olympia“ (1938) als das Maß aller Dokumentarfilme gilt, in vielerlei Hinsicht jedoch zuvor.

Wie ein echter Avantgardist stützte er sich allerdings – wohl ohne sich dessen bewusst zu sein – auf eine tief verwurzelte Tradition, die sich in den späteren Abhandlungen des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi findet. Dieser lehnte nicht nur die einschränkenden Vorgaben des traditionellen Theaters in Shakespeare oder der klassischen Opera kategorisch ab, sondern formulierte die Idee, dass Kunst nicht durch die Darstellung schillernder Persönlichkeiten und das Ausmalen ihrer Schicksalswendungen, sondern durch die Verknüpfung der Figuren untereinander, durch die Montage also, entstehe.

Ein unruhiger Geist

Wertows bürgerlicher Name – David Kaufman – verweist unmissverständlich auf seine jüdische Herkunft. Doch der Wunsch des jungen Mannes aus dem polnischen Białystok, damals Teil des Russisches Kaiserreiches, seinen Namen beim Umzug nach Moskau zu ändern, war kaum ein Versuch, antisemitische Anfeindungen zu vermeiden: In den 1920er-Jahren war der Antisemitismus noch nicht derart ausgeprägt wie in den 1950ern.

Dsiga aber ist das ukrainische Wort für „Kreisel“, Wertow stammt vom russischen Verb „drehen, wenden“ ab. Zusammengenommen bedeutet sein Künstlername also so viel wie „drehender Kreisel“. Es ist eine durchaus treffende Beschreibung für den Charakter des rastlosen Regisseurs.

Zudem ist Kaufman ein weit verbreiteter jüdischer Name und hätte sich kaum als Erkennungsmerkmal geeignet. Interessant ist, dass Boris Kaufman, der zehn Jahre jüngere Bruder des Regisseurs, Russland nach der Revolution verließ, an der Sorbonne studierte, sich in den USA niederließ und berühmter Kameramann wurde, der mit Sidney Lumet und Elia Kazan zusammenarbeitete. Die Arbeit an Kazans „Die Faust im Nacken“ brachte ihm 1955 einen Oscar ein.

„Der Mann mit der Kamera“. Foto: DPA/Vostock-Photo„Der Mann mit der Kamera“ (1929). Foto: DPA/Vostock-Photo

Ideologische Wiederauferstehung

Glücklicherweise erging es Wertow nicht so wie den meisten russischen Avantgardisten: Er entging sowohl dem Gulag als auch einer Hinrichtung. Nach der kurzen Liaison der Sowjetführung mit der künstlerischen Avantgarde galt Josef Stalins Gunst dem imperialen Stil. Die progressiven Arbeiten Wertows wirkten da deplatziert.

Während des Zweiten Weltkriegs drehte er drei Sachfilme, seine weiteren Vorlagen wurden abgelehnt. Von 1944 bis zu seinem Tod 1954 arbeitete er als Regisseur und Montagetechniker bei den Tagesnachrichten.

Erst Ende des vergangenen Jahrhunderts flammte das Interesse an Wertow wieder auf, als das Dogma-95 – das konzeptuelle Manifest des freien Films – Mitte der 1990er-Jahre unterzeichnet wurde. Im Grunde verkündeten darin Regisseure um Lars von Trier an der ideologischen Spitze die Prinzipien Wertows: handgemachte Dreharbeiten unter realen Bedingungen, versteckte Kameras und authentische Personen. 1995 komponierte Michael Nymen einen Soundtrack zu „Der Mann mit der Kamera“. Dsiga Wertow ist mittlerweile zu einem echten Klassiker geworden.

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