Boris Akunin: Der bekannteste Trickser der russischen Literatur

Mitya Aleshkovsky/TASS
Er gehört zu den erfolgreichsten, aber auch untypischsten russischen Schriftstellern: Boris Akunin ist der Meister des Retrokrimis und Kenner der jüngsten Geschichte, ein Mann „mit tausend Gesichtern“. Am 20. Mai feierte er seinen 60. Geburtstag. Alles, was man über Akunin wissen muss.

1. Sein echter Name ist Grigori Tschchartischwili

Sein Vater Schalwa Tschchartischwilli war Georgier und seine Mutter Berta Brasinskaja von jüdischer Abstammung. Akunins Eltern zogen nach Moskau, als der kleine Grischa kaum zwei Jahre alt war. Wie alle Jungen aus den Familien der Moskauer Intelligenzija besuchte er eine Schule für begabte Kinder, danach folgte der obligatorische Universitätsabschluss. Bevor er Schriftsteller wurde, war Akunin als Übersetzer für Japanisch sowie als Literaturwissenschaftler tätig.

2. Sein Pseudonym wählte Akunin 1998

Seinem Pseudonym liegt einerseits das japanische Wort „akunin“ – „der Böse“ – und andererseits die Alliteration mit dem Namen des russischen Anarchisten Michail Bakunin zu Grunde. Damit zog er auch eine Parallele zum 19. Jahrhundert: Diese Epoche sollte ursprünglich die Kulisse für Akunins „Neue Krimi“-Reihe werden. Außerdem sieht man hier einen Zusammenhang mit den sogenannten „wilden neunziger Jahren“, der Zeit der Neureichen, als witzige Wortspiele und doppelsinnige Abkürzungen populär waren. Der Vorname „Boris“ kam übrigens erst später dazu, nachdem seine Krimis zu Bestsellern wurden.

3. Bei Akunin findet man oftmals Anspielungen auf die Neunziger

In den neunziger Jahren kam es sehr oft vor, dass junge Menschen mit Mitte zwanzig plötzlich zu Bankenchefs aufstiegen. Einen ähnlichen Werdegang durchlebt auch Erast Fandorin, der junge Protagonist in Akunins Romanen. Er hält sich nicht so streng an die Gesetze und macht dank seinen mächtigen Beschützern eine raketenhafte Karriere.

4. Akunins Bücher behandeln philosophische und existenzielle Fragen

Der Riesenerfolg seiner ersten Romane über Fandorin ist nicht nur auf die hervorragende Stilisierung oder eine geschickte Mischung aus verschiedenen literarischen und geschichtlichen Quellen zurückzuführen, sondern auch darauf, dass ein wichtiges Thema angesprochen wird: Kann jemand integer bleiben, wenn er in korrupten Staatsbehörden arbeitet? Im achten Roman „Der Tote im Salonwagen“ wird diese Frage des Protagonisten endgültig negativ beantwortet.   

5. Akunins Romane wurden in Millionenauflagen veröffentlicht und in 30 Sprachen übersetzt

Die Gesamtauflage beträgt etwa 30 Millionen Exemplare. Daneben gibt es fünf Verfilmungen und eine Serie – damit hat Akunin mehr erreicht als jeder andere zeitgenössische russische Schriftsteller. Zudem ist er der einzige russische Autor, dessen Werke im Ausland verfilmt werden. Ein britischer Filmproduzent, dessen Name bislang nicht öffentlich genannt wurde, will angeblich eine Serie über Fandorin drehen. 2015 hatte bereits Hollywood-Regisseur Paul Verhoeven die Rechte für die Verfilmung des ersten Romans „Fandorin“ gekauft. Das Projekt scheiterte wegen der Schwangerschaft von Milla Jovovich.     

6. Nach seinem Erfolg begann Akunin zu experimentieren

Akunin hat seine erfolgreiche Karriere an den Nagel gehängt und 2007 bis 2011 zwei Roman-Serien veröffentlicht: historische Romane ganz ohne Krimiplots und sentimentale Romane. Alles unter neuen Pseudonymen: Anatolij Brusnikin und Anna Borisowa. Das Experiment scheiterte zwar nicht, es war aber auch nicht so erfolgreich. Anfang 2012 beendete Akunin seinen kreativen Ausflug – allerdings nur, um ein neues, noch viel größeres und ambitioniertes Buchprojekt zu starten ...  

7. Sein jüngstes Projekt ist die „Geschichte des russischen Staates“: eine mehrbändige, kommentierte Sammlung von Auszügen aus den wichtigsten historischen Werken

Drei von acht Bänden sind bereits veröffentlicht. Laut Akunin will er der faszinierenden Widerstandsfähigkeit des russischen Staates auf den Grund gehen, die dieser trotz aller Turbulenzen in der Geschichte immer wieder unter Beweis gestellt hat. Dabei erhebt der Schriftsteller keinen wissenschaftlichen Anspruch an seine Arbeit. Ganz im Gegenteil – so sagte er von Anfang an: „Ich schreibe für Menschen, die sich in der russischen Geschichte schlecht auskennen, aber mehr über sie wissen wollen. So wie ich selbst.“

8. Akunin will mehr Zeit im Ausland verbringen

Im Herbst 2014 machte der Schriftsteller, Besitzer eines kleinen Schlosses aus dem 18. Jahrhundert in der französischen Bretagne, bekannt, dass er ab jetzt mehr Zeit außerhalb Russlands verbringen werde. Im April 2015 äußerte er sich im Interview mit der BBC noch deutlicher: „Ich fliege derzeit nicht nach Russland. Erst wenn die Atmosphäre und das Klima sich geändert haben, fliege ich wieder hin. (...) So etwas passiert manchmal genauso auch zwischen zwei Menschen – man trennt sich, um seine Gefühle zu testen.“

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