„Russen sind auch Arier“: Geheimes aus dem Zweiten Weltkrieg

Verhöre und Befehle: Wie die sowjetische Militäraufklärung arbeitete.

Verhöre und Befehle: Wie die sowjetische Militäraufklärung arbeitete.

Ullstein Bild/Vostock-Photo
Erstmals sind Unterlagen der sowjetischen Militäraufklärung herausgegeben worden – 341 Akten geben neue Einblicke in die Arbeit der Geheimdienste während des Zweiten Weltkriegs. Matthias Uhl, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Moskau, hat einige ausgewählte Schriftstücke kommentiert.

Gemeinsam mit dem Zentralarchiv des russischen Verteidigungsministeriums hat das Deutsche Historische Institut in Moskau erstmals Unterlagen der sowjetischen Militäraufklärung veröffentlicht. Die 341 Akten enthalten teils Übersetzungen ins Russische, die der Nachrichtendienst für den Generalstab der Roten Armee anfertigte.

Darüber hinaus enthält der Aktenstoß Protokolle von Verhören deutscher Gefangener, Analysen, Berichte sowie interne Schriftwechsel der Geheimdienste. Gemeinsam mit Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut durfte RBTH einen Blick in die Akten werfen.

Russen gehören zur „arischen Volksgruppe“

Bei der Betrachtung dieses Dokuments sei wichtig, „sich bewusst zu werden, in welchem Jahr es veröffentlicht wurde“, kommentiert Matthias Uhl. „Zu Beginn des Ostfeldzugs wurde angenommen, dass Russen überflüssig sind. Dementsprechend war auch der Umgang mit ihnen“, erklärt der Historiker. Dieses Merkblatt sei jedoch nicht 1941 erschienen, sondern wesentlich später. Zu dem Zeitpunkt habe sich die Politik gewandelt: „Es war bereits klar, dass der Krieg kein schneller sein wird, dass Arbeitskräfte aus der einheimischen Bevölkerung gebraucht werden. Hinzu kommt, dass es schon Pläne gab, aus Russen bestehende Armeeeinheiten aufzustellen“, sagt Uhl.

Das Titelblatt des Protokolls. Quelle: wwii.germandocsinrussia.orgDas Titelblatt des Protokolls. Quelle: wwii.germandocsinrussia.org

„Soviel ich weiß, war Werner Tillessen der erste deutsche Admiral, der in sowjetische Gefangenschaft geriet. In seine Heimat kehrte er nicht mehr zurück – er kam ins Lager und starb 1953. Diesem Dokument ist zu entnehmen, dass er sehr genau die Zusammensetzung der deutschen Marine beschrieben hat. Für die Offiziere der obersten Riege ist dieses Verhalten typisch: zwei bis drei Tage hielten sie durch, danach sahen sie ein, dass es keinen Ausweg mehr gab. Sie beschrieben genauestens die Strukturen der Wehrmacht oder den Hergang der Kampfhandlungen. Mir ist bislang kein Protokoll begegnet, in dem der Verhörte nur Angaben zu seinem Namen und Dienstgrad machte“, sagt Matthias Uhl. 

„Ein interessantes Dokument. Hier sehen wir die sowjetische Jugendliteratur über die jungen Armeehelfer bestätigt. Wir sehen, dass die sowjetische Aufklärung tatsächlich junge Agenten im Alter von 14 bis 16 Jahren eingesetzt hat, um an Informationen über den deutschen Gegner zu gelangen“, kommentiert Uhl.

Kein Kriegsende in Sicht

  • Meldung der Militäraufklärung über die 12. Panzerdivision der Wehrmacht, Dezember 1942: „Klagen über Kälte, Erfrierungen, schlechte Einsatzkleidung, was jedoch keine Kritik an der Führung Hitlers nach sich zieht.“

„Diese Meldung zeigt, unter welchem Druck die Wehrmacht stand. Wir sehen, dass die deutschen Divisionen stark erschöpft sind. Sie sind nicht mehr die von 1941“, erklärt der Historiker.

  • Bericht über den geistigen Zustand der Wehrmachtsoldaten: „Die im Wald aufgefundenen sowjetischen Flugblätter wurden bislang nur unter der Hand weitergereicht. Inzwischen geschieht das recht offen.“

„Hier können wir den Krieg mit den Augen der Soldaten, die an der Ostfront kämpfen, und ihrer Verwandten in Deutschland erleben. Dieses Schriftstück verdeutlicht die Stärke der Roten Armee und die zahlreichen Verluste an der Ostfront“, meint Matthias Uhl.

Foto: wwii.germandocsinrussia.orgEiner der Auszüge aus den Briefen und Tagebüchern deutscher Soldaten. Quelle: wwii.germandocsinrussia.org

  • Auszüge aus den Briefen der Wehrmachtssoldaten, 1943: „Es ist schrecklich, dass das Ende dieses Krieges nicht abzusehen ist. Wir sehen nichts Aufheiterndes mehr.“

Weder die Soldaten selbst noch ihre Verwandten in Deutschland glaubten noch an den Sieg, sagt Matthias Uhl.

Der Historiker ist von dem Fundus begeistert: „Alle Dokumente, mit denen wir derzeit arbeiten, waren für die Wissenschaft bislang unzugänglich.“ Für eine Entdeckung reiche es aber nicht aus, ein einzelnes Dokument zu untersuchen. „Die Unterlagen müssen in ihrer Komplexität betrachtet werden. Das ist ein arbeitsintensives, wissenschaftliches Unterfangen. Es wird mindestens vier bis fünf Jahre nach der Digitalisierung des gesamten Korpus in Anspruch nehmen“, schätzt der Historiker.

Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags erschien zuerst bei der Zeitung Vzgljad.ru.

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