Eremitage in der Kritik: Ausstellung von Jan Fabre zeigt tote Tiere

Die Kuratoren wehren sich und verweisen auf die Freiheit der Kunst.

Die Kuratoren wehren sich und verweisen auf die Freiheit der Kunst.

Sergei Konkov / TASS
Der Künstler Jan Fabre genießt weltweit einen guten Ruf. Seine Arbeiten sind allseits geschätzt. Nun stößt eine neue Ausstellung in der Eremitage in Sankt Petersburg jedoch auf heftigen Gegenwind im Internet: Seine Darstellungen toter Haustiere seien eine Schande, heißt es. Museum und Künstler wehren sich.

Die Ausstellung des belgischen Künstlers und Theaterregisseurs Jan Fabre in der Sankt Petersburger Eremitage ruft derzeit eine Welle der Empörung hervor. In seinen Installationen verwendet Fabre ausgestopfte Haustiere, die auf Haken zwischen bunten Bändern hängen.

In sozialen Netzwerken ist nun ein Shitstorm losgebrochen: Unter dem Hashtag #SchandefürEremitage wettern Menschen gegen Fabre, dessen Arbeiten bereits im Louve und anderen Museen, auf der Biennale in Venedig und der legendären Ausstellung documenta in Deutschland ausgestellt wurden. Viele von ihnen fordern, die Ausstellung zu schließen und die Führung der Eremitage zu entlassen. Das Museum wehrt sich: Laut Kurator Dmitri Oserkow habe man nicht vor, die Exponate zu entfernen.

Ausgestopfte Tiere auf Haken würden die auf Konsum basierende Beziehung zwischen Mensch und Tier kritisieren, sagte Fabre zur Eröffnung der Ausstellung in Sankt Petersburg. Der tote Hund sei gar ein Selbstporträt, da ein Künstler „ein streunender Hund" sei. Insbesondere diese Aussage stieß bei vielen Menschen auf Unverständnis.

„Freunde, das ist das Letzte!"

 

„Zu sagen, dass ich schockiert bin, ist noch zu wenig. Freunde, das ist das Letzte! Wie konnte ein solches Museum eine solche Ausstellung erlauben?!", schreibt Daria Samylkina auf Instagram.

„Die Menschen gehen hin, um Gemälde zu bewundern, und stoßen auf diesen Horror. In Moskau wurde eine pädophile Ausstellung geschlossen, während im Zentrum der Kulturhauptstadt Sadisten Tierleichen auf Haken hängen", schreibt Swetlana Sowa bei VKontakte. Dabei nimmt sie Bezug auf die Ausstellung des amerikanischen Fotografen Jock Sturges im Brüder-Lumière-Zentrum für Fotografie. Zu der Ausstellung gehörten ursprünglich auch Aktaufnahmen von Minderjährigen, die in Moskau jedoch nicht vertreten waren. Einige Russen fanden diese jedoch im Netz und äußerten ihren Unmut in Beiträgen in sozialen Netzwerken.

Fabres Ausstellung wurde am 21. Oktober eröffnet, doch wie schon im Fall von Sturges schenkten ihr die „Moralisten" nicht gleich ihre Aufmerksamkeit. Die Hysterie in den sozialen Netzwerken verbreitete sich schließlich jedoch rasend schnell. In den Kommentaren sprach man von geschädigten Kinderaugen, obwohl die Ausstellung erst für Menschen ab 16 Jahren zugänglich ist, und einer gekreuzigten Katze, die es nicht gibt. Auch andere gefälschte Aufnahmen, die angeblich aus der Ausstellung stammen, kursieren. Einige Kommentatoren scheinen sich zudem lediglich deshalb zu äußern, damit sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. So bezeichnete der Duma-Abgeordnete Witali Milonow, der als frenetischer Gegner der Homosexualität bekannt ist, die Ausstellung als einen „Schlag ins Gesicht des russischen Volkes".

Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Vorfall in Chabarowsk, 8 330 Kilometer von Moskau entfernt, die Reaktionen auf die Ausstellung deutlich verstärkt haben könnte. In der Stadt am Amur wurden zwei Studentinnen unter dem Vorwurf festgenommen, Tiere aus Tierheimen entwendet und zerstückelt zu haben. Die jungen Damen sollen die Tiere in einem verlassenen Krankenhaus gequält und Bilder mit ihnen gemacht haben.

„Die Ausstellung trifft einen wunden Punkt"

Ausgestopfte Tiere auf Haken würden die auf Konsum basierende Beziehung zwischen Mensch und Tier kritisieren, sagte Fabre zur Eröffnung der Ausstellung in Sankt Petersburg. Foto: Sergei Konkov / TASSAusgestopfte Tiere auf Haken würden die auf Konsum basierende Beziehung zwischen Mensch und Tier kritisieren, sagte Fabre zur Eröffnung der Ausstellung in Sankt Petersburg. Foto: Sergei Konkov / TASS

Aufrufe, die Installationen abzubauen, werden von der Eremitage zurückgewiesen. Man erinnerte daran, dass Jan Fabre bei der Eröffnung bereits betont habe, dass es sich um herrenlose Tiere gehandelt habe, die auf den Straßen starben.

„Natürlich wissen wir, was wir tun", sagt Dmitri Oserkow, Kurator und Leiter der Abteilung für moderne Kunst der Eremitage, im Gespräch mit RBTH. „Wir haben geschrieben und davon gesprochen, dass es sich um eine schwierige Ausstellung handelt, die verstanden werden muss."

In Russland gebe es keine Rechtsvorschriften, die Tiere schützten. Die Europäische Konvention für Tierrechte sei nicht unterzeichnet worden, der Verkauf von Hunde- und Katzenfellen sei nicht verboten. „Die Reaktion der Öffentlichkeit zeigt, dass wir eine hervorragende Ausstellung gemacht haben, die einen wunden Punkt in der Gesellschaft trifft", glaubt Oserkow. Die feindlichen Reaktionen bezeichnet er als bewusste Provokation und Verleumdung der modernen Kunst, des Museums und der freien Gesellschaft.

Diejenigen, die sich auf die Seite der Eremitage stellen, erinnern daran, dass es in Russland schon lange Museen gibt, die ausgestopfte Tiere und mutierte Embryos ausstellen, ohne dass sich jemand darüber aufrege. „Was passiert mit diesen Menschen bei einem Besuch des zoologischen Museums oder der Kunstkammer?", schreibt so zum Beispiel Elias Panov in seinem Blog.

Das russische Kulturministerium möchte sich nicht einmischen und erinnerte lediglich daran, dass die Eremitage über ein hohes Maß an Unabhängigkeit und Freiheit verfüge. Deshalb könne das Museum selbst über Ausstellungen und das Verständnis von Kunst entscheiden.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland

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