Andrei Swjaginzew: „Ich ließ mich von Ingmar Bergman inspirieren“

Sein neuer Film „Loveless“ bereitet dem Regisseur Sorgen.

Sein neuer Film „Loveless“ bereitet dem Regisseur Sorgen.

AP
Bisher kennt niemand seinen neuen Film und doch soll er bereits europaweit an Filmverleihe verkauft worden sein: „Loveless“, eine Koproduktion mit Frankreich und Deutschland, ist das neue Projekt des bekannten Regisseurs Andrei Swjaginzew. Mit RBTH sprach er über die Idee zum Film, seine Sorgen und über Kritik aus Russland.

Auf dem European Film Market in Berlin, einem der wichtigsten Handelsplätze der internationalen Filmindustrie, erzielte Andrei Sjaginzew, der Regisseur des preisgekrönten Films „Leviathan“ (2014), mit seinem neuen Werk einen Rekord: „Loveless“ wurde für den Filmverleih in ganz Europa verkauft.

„In Berlin haben wir Vereinbarungen mit Filmverleihern aus Großbritannien, Spanien, Dänemark und Finnland unterschrieben. Das heißt, wir haben die Verleihrechte in alle Teile Europas verkauft. Jetzt müssen wir nur noch ein paar Vereinbarungen mit Verleihern aus Asien und Lateinamerika abschließen“, erzählte Filmproduzent Alexander Rodnjanski im Anschluss an die Messe, die im Februar parallel zur Berlinale in der deutschen Hauptstadt stattfand. 

Dabei hat niemand der Filmverleiher den Film des Preisträgers von Cannes und Venedig gesehen. Denn der ist noch gar nicht fertig – und es ist offen, ob Swjaginzew es noch bis Mitte Mai schafft. Dann nämlich werden die Filmfestspiele in Cannes eröffnet, wo die Premiere des Films geplant ist. Mit RBTH sprach der Regisseur über seine Pläne und seine Sorgen zum Film.  

RBTH: Ihr Film „Leviathan“ war sehr erfolgreich und Sie wollten danach einen Film über den Zweiten Weltkrieg machen. Der neue Film wird nun aber ganz anders, oder?


Vorweg eine kleine Korrektur – einen Film über den Krieg wollte ich bereits vor „Leviathan“ machen. Diese Idee habe ich seit Langem und es gibt auch schon ein Drehbuch. Ich bin jederzeit bereit, mit den Dreharbeiten zu beginnen. Leider hängt nicht alles nur von meinem Wunsch ab, denn das Projekt wird sehr teuer sein – ich rede von 15 bis 18 Millionen US-Dollar. So eine Summe wird sich nicht schnell amortisieren und das ist ein Risiko für jeden Produzenten. Deswegen weiß ich nicht, ob es diesen Film in absehbarer Zeit geben wird.

Worum geht es in Ihrem neuen Film?

Er behandelt die Geschichte einer Familie, in der Mann und Frau sich trennen. Ich will, dass man diesen Film mit „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman in Verbindung bringt. Bei Bergman erscheinen in allen sechs Folgen jeweils 45 Minuten lang fast immer nur zwei Schauspieler – Josephson und Ullmann. Und das ist faszinierend. Seine Figuren sind denkende und kommunizierende Menschen. Sie schreibt ein Tagebuch, wie es in den Sechzigern populär war, und liest ihm Auszüge vor. All diese Szenen belegen, dass weder Intelligenz noch Analysefähigkeit oder Belesenheit vor einer großen Katastrophe retten können.

Die Idee für „Loveless“ kam mir bei „Szenen einer Ehe“, das sage ich ganz offen; ich habe diesen Film von Bergman immer gemocht. Mein Drehbuchautor Oleg Negin und ich überlegten, eine Familienkrise zu schildern, die nach zehn bis zwölf Jahren Ehe ausbricht, und wie die zwei Menschen nicht mehr zusammen sein können. Im Drehbuch gibt es einen Trigger, der alles in Gang setzt – ihr Kind verschwindet.

Wie weit sind Sie mit den Dreharbeiten?

Die Dreharbeiten sollten in diesem Frühjahr beendet sein. Aber das Moskauer Wetter kam uns dazwischen. Im Film zeigen wir Moskau im Frühling und im Sommer. Das heißt, wir mussten im Grünen drehen. Die Dreharbeiten begannen im August und wir hofften, Ende Oktober fertig zu sein. Aber dann fing es schon Mitte Oktober an zu schneien, sodass wir alles auf Eis legen mussten. Jetzt warten wir auf den April, um weiterdrehen zu können.

Das bringt natürlich einige Schwierigkeiten mit sich, weil wir in der Zwischenzeit an etwas arbeiten müssen. Deswegen habe ich bereits mit dem Schnitt begonnen, obwohl ich das nie mache – eigentlich erst, nachdem die Dreharbeiten zu Ende sind. Ich schneide alle Szenen eines Films immer in der chronologischen Reihenfolge, von der ersten zur letzten Szene. Davon hängt der Rhythmus ab und der Rhythmus ist die musikalische Form des Films.

Den Schnitt ab der 40. Minute zu beginnen, ist deshalb ein Fehler. Aber alles sieht danach aus, dass wir diesen Fehler begehen und akzeptieren müssen. Ich mache mir Sorgen, aber denke, dass wir das schaffen.    

Sie sind vielleicht der bekannteste russische Regisseur weltweit. Deswegen werden Sie manchmal von russischen Medien als „Exportregisseur“ kritisiert. Fühlen Sie sich gekränkt?

Ich versuche, nichts über mich zu lesen. Leider geht es nicht, mich komplett abzuschotten. Einmal war ich bei einer Fernsehshow und da wurde mir vorgeworfen, ich sei kein russischer Regisseur und permanent gegen das Land, das mich sozusagen großgezogen hat. Das ist aber Quatsch. Damals antwortete ich, dass ich mich als Bürger eines Landes namens „Filmwesen“ fühle.

Ich akzeptiere keine nationalen Grenzen für die Filmindustrie. Genau deswegen interessiere ich mich nicht dafür, was im russischen, amerikanischen, französischen oder deutschen Filmwesen passiert. Mein Interesse gilt den Regisseuren, die gute Filme machen, egal welcher nationalen Filmschule sie angehören. Jeder gute Regisseur zeichnet sich durch Universalität aus, seine Filme werden in Russland, den USA oder irgendwo anders verstanden.

Die Tatsache, dass meine Filme im Westen populär sind, spricht dafür, dass ich Menschen verschiedener Nationalitäten ansprechen kann. Das ist, aus meiner Sicht, viel wichtiger, als sich selbst in irgendwelche nationale Rahmen zu drängen oder auf sein Russentum stolz zu sein.

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