Krisenmanager und Premier: Alexei Kossygin, der Pragmatiker der Sowjetära

Alexei Kossygin gehörte mehr als 40 Jahre lang zur Machtelite der UdSSR.

Alexei Kossygin gehörte mehr als 40 Jahre lang zur Machtelite der UdSSR.

Yakov Khalipa / TASS
Die Kulturstiftung Jekaterina in Moskau zeigt derzeit eine Fotoausstellung über den einstigen sowjetischen Ministerpräsidenten Alexei Kossygin. Der Politiker genoss die Anerkennung so unterschiedlicher Persönlichkeiten wie Stalin, Chruschtschow und Breschnew und hielt sich mehr als 40 Jahre lang in wichtigen politischen Positionen. RBTH blickt auf sein Wirken zurück.

Alexei Kossygin kämpfte im Bürgerkrieg, überstand die Stalinherrschaft, den Großen Vaterländischen Krieg, die Tauwetter-Periode unter Chruschtschow und schließlich die Zeit der Stagnation unter Breschnew. Der Abkömmling einer Petrograder Arbeiterfamilie schaffte in der Sowjetunion einen rasanten Aufstieg. Nach seinem Dienst in der Roten Armee arbeitete Kossygin einige Jahre in einer Genossenschaft in Sibirien und absolvierte schließlich in Leningrad ein Studium an einer Textilhochschule. Es folgten wenige Jahre als Direktor einer Weberei. 1938 wurde er zum Vorsitzenden des Leningrader Stadtsowjets gewählt und regierte damit faktisch die nach Moskau zweitgrößte Stadt der Sowjetunion. Bereits ein Jahr später bekleidete er das Amt des Textilministers, damals noch „Volkskommissar“ genannt. Kossygin war zu der Zeit 35 Jahre alt.

Rettung der Industrie in den Kriegsjahren

Kossygins organisatorisches Talent kam während des Großen Vaterländischen Krieges zur vollen Entfaltung. Nur wenige Tage nach Kriegsbeginn wurde er zum stellvertretenden Leiter des Evakuierungsrates der Regierung ernannt. Dieses Organ hatte die gigantische Aufgabe, Tausende Industriebetriebe aus den vom Einmarsch der deutschen Wehrmacht bedrohten Regionen der Sowjetunion in den Osten zu evakuieren.

Es gelang das vermeintlich nicht Leistbare: Bis zum Jahr 1942 wurden 2 500 Betriebe verlagert, die nach ihrem Wiederaufbau die Produktion erneut aufnahmen. Historiker glauben heute, dass das erfolgreiche Management dieser Evakuierungen zu einem nicht unerheblichen Teil ein Verdienst Kossygins war.

„Straße des Lebens“

Im Januar 1942 wurde Kossygin in das von deutschen und finnischen Truppen umstellte Leningrad gesandt. Er sollte die Evakuierung von Hunderttausenden Bürgern der Stadt und die Versorgung Leningrads unter der Blockade organisieren.

Dort beteiligte sich Kossygin am Bau der „Straße des Lebens“, eines Eiskorridors über den Lagodasee, der einzigen Verbindungsstraße zwischen der Stadt und dem Hinterland. Über die „Straße des Lebens“ konnten Lebensmittel in das hungernde Leningrad geliefert und dessen entkräftete Bewohner hinausgeschafft werden. Die Fahrt über den Korridor war jedoch hochriskant. Er stand unter ständigem Beschuss durch die deutsche Luftwaffe und Artillerieverbände. Die Autos brachen nicht selten in dem zu dünnen Eis ein. Andere Wege, die Blockade zu überwinden, gab es nicht.

Über die „Straße des Lebens“ wurden mehr als eine halbe Million Menschen aus der Stadt evakuiert. Eine Rohrleitung über den Grund des Ladogasees versorgte Leningrad mit Brennstoff. Die erfolgreiche Organisation des Projektes soll Kossygin bis ans Ende seines Lebens mit Stolz erfüllt haben.

Stalin war ihm wohlgesonnen

Nach Kriegsende waren die administrativen Fähigkeiten Kossygins sehr gefragt. Er setzte sie in unterschiedlichen Ämtern ein. Es heißt, Stalin, der ihn bereits im Jahr 1940 zu seinem Stellvertreter in der Regierung ernannt hatte, sei ihm sehr gewogen gewesen. Viele gehen davon aus, dass es die Sympathie des Führers war, die Kossygin vor Repressionen bewahrte.

Kossygins Enkel Alexei Gwischiani ist davon überzeugt, dass „der Machtapparat, das Regime, seinen Großvater brauchte – als Praktiker und Experten, der konkrete Aufgaben in der Wirtschaft des Landes angehen und konkrete Ergebnisse erzielen konnte. Andere hätten das nicht geschafft.“ Die organisatorisch-administrative Begabung des sowjetischen Politikers fand bereits in den 1960er-Jahren auch in ausländischen Medien Beachtung. Die amerikanische Zeitschrift „Newsweek“ schrieb damals: „Ein Mensch mit solchem Format könnte auch ein Großunternehmen wie Ford oder General Motors managen“.

In der Ära Chruschtschows unterstützte Kossygin diesen anfangs in seinem innerparteilichen Kampf. Dann aber näherte er sich den Gegnern des Generalsekretärs an. Nach der Amtsenthebung Chruschtschows wurde Kossygin sowjetischer Ministerpräsident. In diesem Amt blieb er praktisch bis zu seinem Tod im Jahr 1980. Er stellte damit einen ungewöhnlichen Rekord auf: Kossygin brachte es auf die längste Regierungszeit in Russland seit Beginn des 20. Jahrhunderts.

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