Jewno Asef: Das gefährliche Spiel eines Doppelagenten

Jewno Asef

Jewno Asef

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Jewno Asef (1869-1918) war ein Provokateur, ein Terrorist und ein Doppelagent, der sowohl gegenüber den Revolutionären als auch dem zaristischen Regime Loyalität vortäuschte. Nur zufällig wurde sein Geflecht aus Lügen aufgedeckt. Heute ist er ein Symbol des Verrats in der russischen Geschichte.

Im Jahr 1908 erschütterte ein schwerer Schock die Partei der Sozialisten-Revolutionäre (Sozialrevolutionäre), die damals eine der führenden revolutionären Kräfte in Russland war und mit mehreren Terroranschlägen auf hochrangige Beamte auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Der Skandal nahm seinen Lauf, als der prominente Verleger Wladimir Burtsew behauptete, dass der Chef der Kampfgruppen der Sozialrevolutionäre, ein Mann, der für seine Tapferkeit und sein Organisationstalent berühmt war, ein Informant der Geheimpolizei gewesen sei.

Zunächst war niemand in der Partei bereit, Burtsew zu glauben, denn der Mann, Jewno Asef, den er des Verrats beschuldigte, war eine Legende unter den Revolutionären. Schließlich hatte Asef die erfolgreichsten Operationen in der Geschichte der Partei geplant und angeführt, wozu die Ermordung des Innenministers Wjatscheslaw von Plehwe und des Großherzogs Sergei Alexandrowitsch, einem Onkel von Nikolai II. und Gouverneur von Moskau, gehörten.

"Du bist ein schrecklicher Mann, du verleumdest einen Helden", warf einer der Führer der Sozialrevolutionäre Burtsew während der internen Auseinandersetzung mit dem Fall vor. Letztendlich allerdings behielt Burtsew Recht. Asef hatte bereits zu Beginn seiner terroristischen Karriere für die Polizei gearbeitet. Doch die Revolutionäre waren nicht die einzigen, die getäuscht wurden. Asef hatte auch die Regierung hinters Licht geführt. Tatsächlich war er nur sich selbst und dem Geld loyal.

Ein junger Spion

Asef war 23 Jahre alt als er 1892 einen Brief an die russische Polizei schrieb und seinen Dienst als Spion anbot. Zu dieser Zeit lebte er in Deutschland und studierte am Karlsruher Institut für Technologie. Historiker glauben, dass Asef, der als Sohn einer armen jüdischen Familie in der Nähe von Grodno (heute Belarus) geboren wurde, Russland aufgrund einer Strafverfolgung wegen Diebstahls verlassen musste und deshalb nach Deutschland gezogen war.

Der junge Asef / Archive imageDer junge Asef / Archive image

Er war oft in Kontakt mit russischen Studenten in Karlsruhe die revolutionäre Ideen propagierten. Und da er Geld brauchte, beschloss er diese Informationen zu verkaufen. Die Ochrana, die „Abteilung für den Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“, nahm das Angebot des enthusiastischen Studenten gerne an. Asefs Offiziere lobten ihn als einen talentierten und akribischen Agenten. "Am meisten Angst habe ich davor, Dich und Deine Dienste zu verlieren", schrieb einer seiner Chefs an ihn.

Nachdem er sechs Jahre lang Informationen über seine Mitstudenten, illegale Schriften und die Beziehungen zwischen russischen und deutschen Sozialisten an seine Auftraggeber weitergegeben hatte, zog Asef nach Russland zurück, wo er seine Spionagetätigkeit fortführte.

Doppelspiel

Hier gelang es Asef nicht nur, sich erfolgreich in die Partei der Sozialrevolutionäre einzuschleusen; nach ein paar Jahren leitete er bereits die geheimste Abteilung, die Kampfgruppe der Partei. Diese organisierte Anschläge auf hochrangige zaristische Beamte, da sie glaubte, dass dies der beste Weg sei um Zusammenstöße zwischen den Regierungskräften und den Massen zu provozieren um damit eine Revolution auszulösen.

In der Geheimpolizei Ochrana kannte niemand die tatsächliche Position Asefs bei den Sozialrevolutionären. Die Führung ging davon aus, dass er ein normales Mitglied sei. Diese Situation ermunterte den Spitzel, sein eigenes Spiel zu spielen. Als Chef der Kampfgruppe plante er eine große Anzahl von Terroranschlägen und informierte die Polizei nur über einige davon.

Es war kein Zufall, dass die Regierung die von Asef verratenen Übergriffe vereitelte, während die anderen meist erfolgreich verliefen wie zum Beispiel die Anschläge auf von Plehwe (1904) und den Großherzog Sergei (1905). Gleichzeitig hatte Asef keine Skrupel, seine revolutionären Kameraden, vor allem diejenigen, die seine Widersacher waren, zu denunzieren.

Auf diese Weise erarbeitete sich Asef eine einmalige Position. Sowohl die Sozialrevolutionäre als auch die Polizei vertrauten ihm bedingungslos. Die Revolutionäre konnten sich nicht vorstellen, dass ein Mann, der die beiden erfolgreichsten Operationen der Partei geplant hatte, ein Spitzel der Geheimpolizei war. Gleichzeitig lobten ihn die Ochrana-Oberen dafür, dass sie mit seiner Hilfe eine Reihe von Anschlägen hatten verhindern und gefährliche Verbrecher verhaften können. Der Agent entwickelte sich zu einem Meister des doppelten Spiels, der beide Seiten beliebig an der Nase herumführte.

Agent gegen 'Sherlock Holmes'

Wladimir Burtsew, ein den Revolutionären nahe stehender Verleger, kam Asef fast zufällig auf die Schliche. Im Jahr 1906 traf er sich mit einem ehemaligen Ochrana-Offizier, der ihm offenbarte, dass ein hochrangiger Führer der Sozialrevolutionäre für die Regierung arbeite. Nach intensiver Recherche wurde Burtsew, der später "der Sherlock Holmes der russischen Revolution" genannt wurde, auf Asef aufmerksam.

Wladimir Burtsew / National Library of FranceWladimir Burtsew / National Library of France

Der Verleger identifizierte einen von Asefs ehemaligen Vorgesetzten, den früheren Polizeichef Alexej Lopuchin und fragte ihn geradeheraus, ob Asef sein Agent gewesen sei. Dabei listete er auch alle Taten von Asef als oberster Kommandeur der Kampfgruppen auf. Der völlig schockierte Lopuchin, kam zu dem Entschluss, dass es besser wäre die Wahrheit über den Mann zu enthüllen, der beide Seiten verraten hatte und antwortete mit ja.

Die erschütternde Wahrheit

Lopuchins Aussage war für die Sozialrevolutionäre von entscheidender Bedeutung und half Burtsew, zu beweisen, dass der legendäre "Iwan" (Asefs Pseudonym) ein von der Regierung bezahlter Provokateur war. Diese Erkenntnis hatte für die Partei verheerende Folgen. Asefs Verrat warf einen dunklen Schatten auf den revolutionären Kampf. "Wir haben unser Recht verloren, naiv zu sein. Ein Mann, dem wir vertrauten, erwies sich als ein Betrüger und ein Verräter, der alles, was wir für heilig hielten, entweiht hat", schrieb der Aktivist Wladimir Zenzinow niedergeschlagen.

Asefs Täuschung ging an niemandem im russischen Reich, egal ob sie die Regierung oder die Revolutionäre unterstützten, spurlos vorüber. Sein Name wurde für Jahrzehnte zum Symbol des Verrats und des Bösen. Zum Beispiel nutzte der Dichter Wladimir Majakowski, als er 1915 in seinem Gedicht „Wolke in Hosen“ die Dunkelheit einer sternenlosen Nacht beschrieb das Bild "schwarz wie Asef". Der Schriftsteller Mark Aldanow, bezeichnete Asef in einem seiner Artikel über ihn als "etwas zwischen einem Mann und einer Pythonschlange".

Asefs Schicksal

Der in ganz Russland verhasste Asef verließ schnell das Land und floh nach Deutschland, wo er fast ein ganzes Jahrzehnt als wohlhabender Bürger unter dem Namen Alexander Neumayer lebte.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach erklärte ihn die deutsche Regierung zum Feind und verhaftete ihn. Asef verbrachte zwei Jahre von 1915 bis 1917 im Gefängnis und starb in weniger als einem halben Jahr nach seiner Freilassung an Nierenversagen. Sein Grabstein in Berlin hat keinen Namen, nur eine Nummer.

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