Absturz nach Gagarin: Woran scheiterte das sowjetische Mondprogramm?

12. August 2017 Oleg Jegorow
Persönliche Konflikte, ein zu geringes Budget und andere Herausforderungen sorgten dafür, dass das einst führende sowjetische Weltraumprogramm in den 1960ern zurückfiel.

 / Varvara Grankova / Varvara GrankovaIn den frühen 1960er Jahren galt die Sowjetunion als führende Nation in der Raumfahrt. Nachdem sie 1957 schon den ersten Satelliten überhaupt (Sputnik) in die Erdumlaufbahn gebracht hatte, schickte sie am 12. April 1961 mit Juri Gagarin im Raumschiff Wostok auch den ersten Menschen ins Weltall.

Die USA reagierten prompt auf diesen Triumph der Sowjets und nahmen eine bemannte Mondlandung ins Visier. Somit war ein neuer „Kampf ums Weltall“ eröffnet, den die Vereinigten Staaten im Jahre 1969 gewinnen konnten. Doch warum hielt die Sowjetunion dieses Mal nicht mit?

Der Hauptgrund lag vermutlich in der suboptimalen Organisation. Der damalige sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow handelte häufig emotional und unberechenbar, was sich auch auf das Mondprogramm der UdSSR auswirkte. Auf einem Treffen mit dem führenden Raketeningenieur Sergej Koroljow, Kopf der erfolgreichen sowjetischen Weltraummissionen, verweigerte Chruschtschow dem Ingenieur weitere Staatsgelder. Schon ein Jahr später hieß es hingegen, dass die Sowjetunion den Mond keinesfalls an die Amerikaner verlieren wolle und dass die Ingenieure alle benötigten Ressourcen und Finanzmittel zur Verfügung gestellt bekämen.

Als zusätzliche Erschwernis gilt heute die Tatsache, dass die Regierung gleich zwei konkurrierende Forschergruppen mit dem Mondprogramm beauftragte. Ein Team wurde von Koroljow, geleitet, das andere von dem Forscher Walerij Chelomej. Der für Koroljow arbeitende Astronaut Alexej Leonow behauptete im Jahre 2010 gegenüber der Zeitung Komsomolskaja Prawda, es sei unter anderem auch die persönliche  Rivalität zwischen Chelomej und Koroljow gewesen, die die Arbeit der Wissenschaftler hemmte. Dieser Aussage stimmt auch ein anderes Mitglied von Koroljows Team, der Raketeningenieur Boris Tschertok, zu. In seiner Autobiographie „Raketen und Menschen” schreibt Tschertok, dass Koroljow aufgrund starker Kritik von rivalisierenden Wissenschaftlern dazu gezwungen war, sein Projekt, die N-1 Rakete, zu vereinfachen und das Budget zu schmälern – ein großer Fehler wie sich später herausstellte.

Als ob es nicht schon kompliziert genug wäre, änderten sich nach der Amtsenthebung Chruschtschows 1964 auch die personellen Gegebenheiten. Zwei Jahre später starb Koroljow und das Mondprogramm wurde eingestellt. „Für uns Kosmonauten war es wie das Ende der Welt“ erinnert sich Leonow.

In den 1960ern waren die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion so angespannt wie nie, die Welt stand am Rande eines Atomkrieges. Da die UdSSR zwar im Wettlauf ins All die Nase vorne hatte, aber dafür deutlich weniger Waffen besaß, investierten Chruschtschow und seine Nachfolger eher in Aufrüstung als in das Weltraumprogramm.

Diese Umstände warfen die Sowjetunion in Bezug auf die Erkundung des Weltalls massiv zurück. Während die USA mit der wasserstoffbetriebenen Saturn V-Rakete bis zu 140 Tonnen transportieren konnten, waren es beim sowjetischen Pendant, Koroljows kerosinbetriebener N-1-Rakete, gerade einmal 75 Tonnen. Die vier sowjetischen Raketenstarts zu der Zeit scheiterten unterdessen allesamt, so dass die Amerikaner am 20. Juli 1969 die Mondlandung der Apollo 11 und den ersten Menschen auf dem Mond, Neil Armstrong, feiern konnten.

Im Kreml entschied man nach dieser Niederlage, das Mondprogramm einzustellen und stattdessen noch mehr finanzielle Ressourcen in die Waffentechnik zu stecken. Laut Tschertok war dies einer der Hauptgründe, warum die Sowjets den strategischen Ausgleich schafften und der Kalte Krieg weiterging…

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