Tauschte Zar Alexander I. seinen Thron gegen die Einsamkeit Sibiriens?

Die unklaren Umstände des Todes Alexander I. im Jahr 1825 sorgen bis heute für Spekulationen. Einige vermuten, dass der Zar das Leben am Hof gegen die Einsamkeit Sibiriens eingetauscht habe.

/ Varvara Grankova/ Varvara Grankova

„Die Sphinx, die bis ins Grab ein Geheimnis blieb.” So beschrieb Pjotr Wjasemski, ein russischer Poet des 19. Jahrhunderts, Zar Alexander I. Und Wjasemski lag durchaus richtig: Der Herrscher, der den Thron von seinem bei einem Putsch ermordeten Vater Paul I. übernommen hatte, lebte mit vielen Geheimnissen und seine Sicht auf die Welt änderte sich im Verlauf dieses Lebens dramatisch.

Alexander begann seine Herrschaft als liberaler Zar, der voller Reformwillen strotzte: Er wollte ein Parlament schaffen, dem Land eine Verfassung geben und sogar die Leibeigenschaft abschaffen. Letztlich aber entschied er sich dazu, keine ernsthaften Veränderungen einzuführen, um seine aristokratische Machtbasis zufriedenzustellen. Seine Reformen sollten letztlich reine Gedankenspiele oder zumindest unvollendet bleiben.

Dennoch war seine Herrschaftszeit durchaus glorreich. Es war schließlich unter Alexanders Führung, dass Russland Napoleons Armee besiegen konnte, das französische Reich in die Knie zwang und sogar dessen Hauptstadt Paris besetzte. Zum Ende seines Lebens war der Zar jedoch in Apathie verfallen und verbrachte seine Tage in Gebete versunken. Das Land wurde von seinen Ministern geführt. Vielleicht war dies der Grund, dass sein plötzlicher Tod in der Bevölkerung ein so großes Misstrauen hervorrief.

Sein mysteriöser Tod

Der offiziellen Verlautbarung zufolge starb Alexander im November 1825 in der Stadt Taganrog, 960 Kilometer südlich von Moskau, an einer Typhuserkrankung. Laut Andrei Sacharow, einem Historiker der Russischen Akademie der Wissenschaften, befand sich der 47-jährige Zar zum Zeitpunkt seines Todes in guter körperlicher Verfassung. Hinzu kommen weitere erstaunliche Vorkommnisse im Zusammenhang mit seinem Ableben.

Alexanders Leichnam wurde in einem geschlossenen Sarg aufgebahrt. Kaum jemand bekam das Gesicht des Verstorbenen zu sehen. Jene, die die Chance hatten, sagten später, der Tote habe nicht wie der Zar ausgesehen. Dafür könnte es aber auch eine ganz einfache Erklärung geben: Es hatte zwei Monate gedauert, den Körper Alexanders aus Taganrog nach Sankt Petersburg zu schaffen. Die einsetzende Verwesung hätte das Antlitz des Zaren verändern können.

Sollte es sich bei dem Toten nicht um den Zaren gehandelt haben, bleibt die Frage, warum ein so mächtiger Mann seinen Thron aufgeben würde. Sacharow vermutet, dass Alexander unter schweren Schuldgefühlen gelitten habe. Dokumente aus der Zeit legen nahe, dass der Zar in den Komplott gegen seinen Vater eingeweiht war. Das Verbrechen hätte seine Herrschaft unerträglich machen können – vor allem nachdem er im Alter von 40 Jahren wieder zurück zum orthodoxen Glauben gefunden hatte.

Ein alter Mann aus dem Nichts

1836, mehr als zehn Jahre nach dem Tod Alexanders, tauchte nahe Perm, 1 125 Kilometer östlich von Moskau, ein seltsamer Mann auf. Der großgewachsene, bärtige 60-Jährige, dessen Rücken Spuren von Peitschenschlägen aufwies, wurde von Sicherheitskräften eingesperrt, nachdem er weder seine Identität noch seine Herkunft erklären konnte. Er wurde nach Sibirien geschickt. Der Mann schien damit zufrieden zu sein und ließ sich nahe Tomsk, 2 800 Kilometer östlich von Moskau, nieder. Die einzige Information, die er den Behörden gab, war sein Name: Feodor Kusmitsch.

Kusmitsch sollte noch lange leben. Er starb als alter Mann im Januar 1864. Als überzeugter Christ war er zeitlebens immer bereit, seinen Nachbarn zu helfen, und seine Güte und Weisheit brachten ihm schnell die Zuneigung der Menschen in seiner Umgebung ein. Schließlich wurde er von ihnen wie ein „starets“, ein spiritueller Vater, angesehen.

Es ist schwer, bei Nachforschungen über das Leben Feodor Kusmitschs zwischen Realität und Legende zu unterscheiden. Er sprach nie über seine Vergangenheit, doch es heißt, er habe fließend französisch gesprochen. Dieses Wissen soll er bei einem Gespräch mit Offizieren einer lokalen Garnison unter Beweis gestellt haben. Er habe zudem auch Geschichten über das Leben in Sankt Petersburg und den Vaterländischen Krieg von 1812 erzählt. Über russische Kommandeure soll er gesprochen haben, als hätte er diese persönlich gekannt. Einige Soldaten, die zuvor in der Hauptstadt gedient hatten, berichteten zudem, dass Kusmitsch genauso aussehe wie der verstorbene Zar.

Die Wahrheit ist irgendwo da draußen

Selbst 150 Jahre nach dem Tod Kusmitschs konnte seine Verbindung zu Alexander I. weder bewiesen noch widerlegt werden. In seinem wegweisenden Buch „Kaiserliche Legende: Das Verschwinden des Zaren Alexander I.“ erwähnt der Historiker Alexis Troubezkoi, dass selbst zur Mitte des 20. Jahrhunderts in Paris lebende, bekannte russische Adelige glaubten, dass Alexander I. nicht 1825 gestorben sei. Sie seien überzeugt gewesen, dass er als Feodor Kusmitsch den Rest seines Lebens in Sibirien verbracht habe.

Obwohl es viele Zeugen gab, die behaupten, dass die zwei Männer in Wirklichkeit ein und derselbe gewesen seien, gibt es einige Argumente, die gegen diese Theorie sprechen. So sei Kusmitsch zum Beispiel dafür bekannt gewesen, besondere ukrainische und südrussische Worte zu verwenden. Diese hätte Alexander I., der in Sankt Petersburg aufgewachsen war, kaum gekannt.

Bis heute hat es keine genetischen Untersuchungen gegeben, die den Fall aufklären könnten. Der Anthropologe Michail Gerasimow gab zu verstehen, dass sich die russische Regierung beständig dagegen sperre, Alexanders Grabkammer zu öffnen, um seine DNA mit der anderer Romanows abzugleichen. Handschriftliche Vergleiche brachten bislang kein klares Ergebnis: Spezialisten konnten sich nicht auf eine gemeinsame Meinung einigen.

Bis auf weiteres bleibt die Wahrheit über Alexanders Tod und seine mögliche Flucht in die Wildnis Sibiriens also ein Geheimnis.

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