Was liest der Russe?

Insbesondere Krimis sind in Russland sehr beliebt.

Insbesondere Krimis sind in Russland sehr beliebt.

Kirill Kallinikov/RIA Novosti
Laut einem aktuellen Ranking stehen insbesondere Krimi-Autorinnen in Russland hoch im Kurs. Sie führen die Liste der populärsten Schriftsteller in Russland an. Obwohl russische Krimis oft wenig Qualität bieten, zeigen sich Experten nicht besorgt. Auch klassische Autoren würden wieder mehr gelesen. Und insgesamt steige die Zahl der Leser wieder an.

Ende August hat die Russische Buchkammer ihr Ranking der populärsten Schriftsteller in Russland veröffentlicht. Gleichzeitig wurde von der Föderalen Agentur für Presse und Massenkommunikationen (Rospetschat) ein Jahresbericht über die Lage auf dem russischen Büchermarkt herausgegeben. Fazit: Die Massenliteratur ist Marktführer. 

Was wird herausgegeben und was liest man?

Laut der Russischen Buchkammer seien die Bücher der Krimi-Autorin Darja Donzowa die meist verlegten. Die Donzowa-Krimis werden als Taschenbücher verkauft und in der Branche als Einweg- und Urlaubslektüre eingestuft. Die Auflagen sind jedoch beeindruckend. Die Autorin schreibt mehrere Krimis pro Jahr: Alleine 2015 wurden ihre Bücher knapp zwei Millionen mal verkauft. Und auch Anfang 2016 blieb Donzowa mit ihren 74 Krimis die Marktführerin.  

Den zweiten und dritten Platz belegen ebenso Krimi-Autorinnen: Tatjana Ustinowa mit 41 Büchern und Tatjana Poljakowa mit 40 Büchern.

Die Bestsellerliste 2015 sah allerdings anders aus. Laut der Agentur Rospetschat wurden die historischen Romane von Boris Akunin am meisten verkauft. Den zweiten Platz belegte wiederum die Schriftstellerin Ustinowa und den dritten Platz eine weitere Krimi-Meisterin: Alexandra Marinina.

Was lesen Kinder?

Unter Kinderbüchern seien das “ABC-Buch” von Nadezhda Zhukowa und “Harry Potter und der Stein der Weisen” von Joanne K. Rowling am populärsten, so Rospetschat.  

Der Autor mit den meisten verlegten Kinderbüchern bleibt jedoch der sowjetische Schriftsteller Kornei Tschukowski: Innerhalb der ersten sechs Monate 2016 wurden 76 Bücher angeboten. Tschukowski folgt die sowjetische Autorin von Kindergedichten Agnia Barto (47 Bücher) und der drittpopulärste Kinderbuchautor ist laut dem Ranking der Russischen Buchkammer Hans Christian Andersen (24 Bücher).  

“Es freut mich, dass wir Kornei Tschukowski im Ranking finden“, meint Alisa Ganiewa, Schriftstellerin und Literaturkritikerin der Zeitung “Nezawisimaja Gazeta”. „Seinen Ruf konnten weder sowjetische Direktiven, noch die Perestroika oder populäre Neuerscheinungen moderner Autoren ruinieren.”

Leichte Lektüre ist immer gefragt

Auch die weiteren Ergebnisse der Leserumfragen sind für Ganiewa keine Überraschung. “Natürlich belegen Autoren von Massenliteratur und Krimis die ersten Plätze. In Russland sind sie schon lange als Marktführer für leichte Lektüre bekannt. Und sie sind sehr produktiv”, erklärt die Expertin.

Oksana Gruntschenko, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Winogradow-Instituts für russische Sprache, meint, dass man zwischen der echten Vorliebe der Leser und der Anzahl der verkauften Bücher unterscheiden müsse: „Die meistverkauften Bücher sind natürlich die billigsten Exemplare, die man ohne Skrupel nach dem Lesen in den Müll wirft. Die Entscheidung des Lesers kann sehr stark von der Verkaufsstrategie des Verlags abhängen und nicht von der echten Qualität des Textes.“ 

Die Expertin betont, dass Liebesromane oder Krimis deshalb immer zu den Top-Bestesellern gehörten, weil man beim Lesen nicht besonders tief greifen oder sich anstrengen müsse. Und die Leser, die anspruchsvollere Literatur wählten, blieben genauso wie die Auflagen solcher Bücher immer in der Minderheit.

“Außerdem lassen sich Puschkin, Tschechow, Tolstoi oder Dostojewski erneut lesen und man muss diese Bücher nicht jedes Mal neu kaufen. Deswegen bin ich überhaupt nicht überrascht, dass es unter den Bestseller-Autoren keine russischen Klassiker gibt”, sagt Gruntschenko.

Die Hauptsache ist: man liest!

Das Buch von Michail Sygar wurde 2015 ins Deutsche übersetzt. Cover: Amazon.deDas Buch von Michail Sygar wurde 2015 ins Deutsche übersetzt. Cover: Amazon.deDie Hauptsache sei doch, dass die Menschen überhaupt läsen, meint Ganiewa. Die Nachfrage nach tiefgreifender Literatur sei auch gestiegen, obwohl solche Bücher nie in den großen Rankings landeten. “Mich würde interessieren, wie es bei der Sachliteratur aussieht, weil der eigentliche intellektuelle Schwerpunkt dort liegt. Ich glaube nicht, dass nur solche Bücher wie “Reich in 10 Tagen” oder “Einen Prinzen heiraten” zu den Top-Büchern gehören”, vermutet die Expertin. 

Laut Rospetschat schafften es 2015 folgende Sachbücher in die Top-10: das Buch „Die Kreml-Heerschar. Eine kurze Geschichte des modernen Russlands“ des Journalisten Michail Sygar, „Die Geschichte des russischen Staates. Von Iwan III. bis zu Boris Godunow. Zwischen Asien und Europa“ von Boris Akunin und “Atlas wirft die Welt ab” von Ayn Rand.

„Das Interesse am Lesen steigt und das gilt nicht unbedingt für die Massenliteratur, sondern eher für tiefgreifende Bücher. Die Krise hat den Markt nicht zerstört, ganz im Gegenteil sogar“, erzählt der Verleger und Leiter des Bücherladens für Sachliteratur „Falanster“ Boris Kuprijanow. „Bücher können unseren Alltag für wenig Geld ein bisschen angenehmer machen. Man liest derzeit mehr als vor drei Jahren. Man geht wieder in die Bibliothek, was schon lange nicht mehr der Fall war. Man leiht Bücher bei Freunden aus.“

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