Gusel Jachina: „Schon als Kind habe ich viel geschrieben“

Der Debütroman der Schriftstellerin Gusel Jachina, „Suleika öffnet die Augen“ holte 2015 den Grand Prix des russischen Literaturpreises „Bolschaja Kniga” (Großes Buch).

Der Debütroman der Schriftstellerin Gusel Jachina, „Suleika öffnet die Augen“ holte 2015 den Grand Prix des russischen Literaturpreises „Bolschaja Kniga” (Großes Buch).

Artyom Geodakyan/TASS
Es ist ihr erster Roman und er erobert die Welt der Literatur im Sturm: „Suleika öffnet die Augen“ ist die Liebesgeschichte einer Muslimin und eines Kommunisten und lässt tief in die komplizierte Realität der Sowjetunion in den 1930er-Jahren blicken. Nun erscheint ihr Werk auch auf Deutsch. RBTH hat Autorin Gusel Jachina zum Interview getroffen.

Der Debütroman der Schriftstellerin Gusel Jachina, „Suleika öffnet die Augen“ holte 2015 den Grand Prix des russischen Literaturpreises „Bolschaja Kniga” (Großes Buch). / Artyom Geodakyan/TASSDer Debütroman der Schriftstellerin Gusel Jachina, „Suleika öffnet die Augen“ holte 2015 den Grand Prix des russischen Literaturpreises „Bolschaja Kniga” (Großes Buch). / Artyom Geodakyan/TASS

Frau Jachina, worum geht es in Ihrem Roman?

Am 30. Januar 1930 verabschiedete das Politbüro die Direktive „Über Maßnahmen zur Eliminierung von Kulakenhaushalten in Gebieten mit vollständiger Kollektivierung“ (Zu Sowjetzeiten nannte man wohlhabende Bauern Kulaken. Kommunistische Parolen riefen dazu auf, ihr Eigentum zu beschlagnahmen und sie selbst zu verhaften, Anm. d. Red.). Es war der Beginn einer breiten Kampagne gegen wohlhabende Bauern. Man enteignete sie und vertrieb sie in abgelegene, kaum besiedelte Regionen der Sowjetunion – nach Sibirien, Kasachstan oder in den Altai. Mein Roman handelt genau davon. Es ist die Geschichte einer Frau, die zu den drei Millionen entkulakisierten Bauern und sechs Millionen Menschen gehörte, die in den sogenannten Sondersiedlungen wohnen mussten. 

Wenn wir aber ein bisschen abstrakter denken, dann handelt der Roman von der Überwältigung des Mythos-Bewusstseins. Die Hauptprotagonistin ist die tatarische Bäuerin Suleika, die in einer geschlossenen, düsteren Welt lebt, in der neben dem Glauben an Allah auch Hausgeister und eine patriarchalische Gesellschaftsordnung existieren. So hätte sie auch weitergelebt, doch es passiert etwas und sie muss in die äußere Welt eintauchen.

Eine Reihe tragischer Ereignisse in ihrem Leben befreien sie auf wundersame Weise innerlich und verändern ihre Persönlichkeit.

Das Buch handelt aber auch von der Liebe.

Selbstverständlich. Liebe ist eines der wichtigsten Themen des Romans. Der zweite Hauptprotagonist ist ein Mann einer anderen Nationalität und Religion sowie aus einem anderen sozialen Umfeld. Die Tatarin Suleika ist Muslima, der Russe Iwan ist Kommunist. Zu Beginn sind sie zwei Gegenpole, aber nach und nach nähern sie sich einander an. 

Ihr Roman wurde in 16 Sprachen übersetzt und wird demnächst in 24 Ländern veröffentlicht. Im Text gibt es viele tatarische Wörter. Was können Sie den Übersetzern in diesem Zusammenhang raten?

Das stimmt. In den ersten „Dorfkapiteln” sind reichlich tatarische Wörter vorhanden, die aber sehr gut zu den russischen Wörtern passen. Ich habe den Text absichtlich so geschrieben, dass man die Bedeutung der tatarischen Wörter aus dem Kontext heraus versteht und keine Übersetzung benötigt. Ich glaube, das schafft eine besondere Atmosphäre. 

Übersetzer hatten andere Fragen an mich, die nichts mit tatarischen Wörtern zu tun hatten: was ich mit einigen russischen Synonymen meinte oder welche Bedeutung manche Gaunerwörter haben. Auch historische Fakten haben Schwierigkeiten bereitet.

Sie haben gesagt, dass es die Geschichte Ihrer Oma sei. Der russische Literaturkritiker Pavel Basinsky meinte dazu: Um so ein Buch zu schreiben, solle man sich in diese Vorfahrin hineinversetzen, und zwar in die Zeit ihrer Jugend, um das damalige Leben zu verstehen. Wie ist Ihnen dies gelungen?

Das Buch ist keine Autobiografie. Aus dem Leben meiner Oma habe ich lediglich die Periode zwischen 1930 und 1946 und den Weg aus einem tatarischen Dorf über Kasan, Krasnojarsk und den Fluss Angara an einen abgelegenen Ort übernommen. Dorthin wurden sie ohne jegliche Mittel zum Überleben vertrieben. Zudem habe ich zwei Erinnerungen meiner Oma in den Roman integriert: ein sinkendes Lastschiff mit ein paar Hundert Gefangener, die in ihm eingeschlossen sind, und ein verbannter Professor, der meiner Oma nach seinem eigenen Schulbuch Mathematik beibrachte. Alles andere ist entweder ein Produkt meiner Vorstellungskraft oder wurde aus den Memoiren der entkulakisierten Bauern übernommen, die vertrieben und in die Gulags geschickt wurden. 

Meine Oma musste nach Sibirien ziehen, als sie noch sehr klein war. Dort wuchs sie mit ihren entkulakisierten Eltern auf. Für mich war es aber interessanter, zu verfolgen, wie sich eine erwachsene Frau verändert – die Protagonistin ist am Anfang des Romans 30 Jahre alt.

Es ist Ihr erster Roman. Was hat Sie zum Schreiben bewegt?

Schon als Kind habe ich viel geschrieben: Erzählungen, Krimis, Abenteuergeschichten und natürlich Gedichte. Ich habe eine Schulzeitung verlegt und bin später Redakteurin in einer regionalen Jugendzeitung gewesen. Die letzten zehn Jahre habe ich allerdings etwas Anderes gemacht und war unter anderem im Marketing tätig. Letztlich bin ich zu dem zurückgekommen, was ich immer gerne getan habe.