Schlangestehen in Russland: Früher Brot, heute das neue iPhone

From matches to burgers. The history of one line

From matches to burgers. The history of one line

Alexey Iorsh
Stau im Moskauer Zentrum: Viele Bewohner der Hauptstadt und zahlreiche Pilger stehen in einer kilometerlangen Schlange. Sie alle wollen die Gebeine des heiligen Nikolaus von Myra verehren, die in der Christ-Erlöser-Kathedrale aufgebahrt sind. Es ist nur ein Beispiel von vielen, das die Vorliebe russischer Bürger für das Schlangestehen zeigt. Wieso machen wir das?

/ Alexey Iorsh/ Alexey Iorsh

Neulich stieß ich im Internet auf eine Liste der „zehn Gewohnheiten russischer Touristen, die Europäer nerven“. Nummer fünf war die Angewohnheit unserer Landsleute, in den Kurorten dieser Welt bereits morgens früh zum Schwimmbad oder Strand zu laufen, um dort eine Liege zu belegen. Andere Hotelgäste stehen später vor einem skurrilen Bild: ein leerer Strand mit zahlreichen Badetüchern, die alle verfügbaren Liegen zieren.

Man stellte sich für alles an – ob man es brauchte oder auch nicht. Allerdings benötigte man alles, weil es an allem mangelte: Socken, Wurst, Streichhölzer, Butter, Wodka, Seife, Kleidung, Schuhe, Hygieneartikel, Haushaltsgeräte, Medikamente und Verhütungsmittel.  

Für Europäer wirkt dies so läppisch und absurd wie es für uns verständlich ist – wenn auch wir die Praxis als absurd bezeichnen würden. Wie kann man einem Westler erklären, dass die Wurzeln dieses Benehmens nicht in angeborener Gier liegen, sondern auf dem in den hungrigen sowjetischen Jahren geborenen Wunsch basieren, auch mal etwas abkriegen zu wollen. Ein Engländer oder Deutscher kennt die Idee wortwörtlich leerer Regale nur aus Filmen über Weltuntergänge und Zombies. Sowjetische Bürger hingegen mussten mit ihnen beinahe 70 Jahre lang leben.    

Heutzutage gilt das Modell der Planwirtschaft als Hauptgrund für den totalen Warenmangel. Der Staat konnte in seinen Planungen weder die Verfügbarkeit der Waren noch die sich ständig ändernde Nachfrage berücksichtigen. Schlangestehen wurde zu einem besonderen Bestandteil des sowjetischen Alltags. Man rechnete damit, lange stehen zu müssen, manchmal tagelang. Und selbst das garantierte nicht, dass man etwas abbekam. So stand man schichtweise und wechselte sich mit Verwandten ab – bei jedem Wetter.    

Inspiration für viele Scherze

Man stellte sich in den Regionen und in der Hauptstadt an. In Moskau gab es gar den Witz, dass man Landeskunde in einer Schlange lernen könne – so viele Bürger kämen aus allen Ecken der Sowjetunion nach Moskau, um Schlange zu stehen. Man konnte sogar spezielle Steher beauftragen, die für einen anstanden. Solche Leute nannte man Tramitadoren.    

Schlangen gehörten zum Leben russischer Bürger und wurden so zur Inspirationsquelle – sowohl für einzelne Künstler als auch für das gesamte Volk. Zeitungen schrieben Artikel über das Schlangestehen, TV-Sender drehten Dokumentationen, Kabarettisten und Satiriker spotteten drüber. Die Kreativität des Volkes konnte die Öffentlichkeit jedoch nicht übertreffen. Besonders populär waren Rätsel wie „Was wird, falls Bulgarien der Sowjetunion beitritt? – Es wird an Tomaten mangeln!“ und Witze wie „Das beste Geschenk sind die ins Toilettenpapier gewickelten Socken“. Alle dachten, nach der Eröffnung des ersten McDonald‘s am Puschkin-Platz wäre Schluss mit Schlangen. Was ein Irrtum!

Bis heute hält die Tradition an

Die Firma Apple kündigt ein neues iPhone-Modell an – Apple-Fans übernachten vor den Läden zum Verkaufsstart. Der amerikanische Rapper Kanye West startet eine eigene Schuhlinie – in Moskau bildet sich eine Schlange, deren Länge nur mit einer Drohne zu erfassen ist. Der russische Rapper Timati eröffnet in der Hauptstadt ein Burger-Restaurant – um ein Fleischbrötchen mit schwarzen Handschuhen zu essen, stellen sich so viele Menschen an, dass man kaum noch durch die Innenstadt spazieren kann.

Russen sind noch immer bereit, große Unannehmlichkeiten zu ertragen, um ein begehrtes Stück vom Kuchen zu bekommen. Die Ironie dabei: Früher waren es Weißbrot, Wurst, Wasser und Jeans, also all jenes, was man mittel- oder unmittelbar zum Überleben brauchte. Heute ist das anders: Die Kultur des Konsums und ausgeklügelte Marketingstrategien haben es so weit gebracht, dass Menschen aufeinander losgehen, nur um als Erster etwas zu bekommen oder, wie im Falle von Kunst oder Reliquien, gar nur zu sehen. Vielleicht ist die Idee, das Schlangestehen in Schulen zu unterrichten, noch immer aktuell!