Survival Guide: Wie Sie beim Autofahren in Russland nicht wahnsinnig werden

“Welcher Russe hat keine Freude an einer schnellen Fahrt?” Diese rhetorische Frage stellte der russische Schriftsteller Nikolai Gogol bereits im 19. Jahrhundert. Seitdem hat sich nichts verändert. Auch die Straßenverhältnisse sind oft noch durchaus vergleichbar.

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Regel Nr. 1: Das Tempolimit gilt nur bedingt

Russische Fahrer beherrschen die Mathematik. Wann immer ein Tempolimit ausgeschildert ist, schlagen sie automatisch 20 km/h oben drauf. Denn erst ab einer größeren Überschreitung werden Strafzahlungen fällig. In einigen Regionen kann man zwar bereits für Geschwindigkeitsüberschreitungen zwischen zehn und 15 km/h angehalten werden, doch dies ist die absolute Ausnahme. In Großstädten zumindest gilt die Regel „Tempolimit plus 20 km/h“ meist.

Wenn Sie sich doch an das Geschwindigkeitslimit halten oder gar langsamer fahren, werden Sie viele Fahrer für einen Anfänger oder Dummkopf halten und Ihnen mit Missgunst begegnen. Und wenn Sie zu langsam fahren, können Sie auch dafür von der Polizei angehalten werden. Deren Logik ist: Sie müssen betrunken sein und versuchen deshalb, durch langsames Fahren einen Unfall zu vermeiden.

Regel Nr. 2: Vermeiden Sie Blickkontakt mit anderen Fahrern

Wenn Sie jemanden schneiden oder einfach etwas Dummes getan haben, schauen Sie anderen Fahrern nicht in die Augen. Diese werden Sie anstarren und wenn Sie es ihnen gleichtun, könnte daraus eine Konfliktsituation entstehen.

Die beste Option sind deshalb getönte Scheiben. Sie wollen ja schließlich nicht in einem Aquarium herumfahren; denken zumindest viele russische Fahrer. Selbst die Strafe von 500 Rubel, rund sieben Euro, schrecken sie nicht davon ab, alle Scheiben im Auto zu verdunkeln.

Regel Nr. 3: Blinker werden nur selten genutzt

Es ist eine gute Sache, dass Autos nicht fliegen können. Auf russischen Straßen sollten Sie davon ausgehen, dass jedes Auto jeden Moment in jede erdenkliche Richtung fahren könnte. Einige Fahrer sind überzeugt, dass nur Anfänger, Frauen und Menschen mit zu viel Zeit ihren Blinker einsetzen.

Warnblinker hingegen werden gerne genutzt. All jene Fahrer, die noch nie vom regulären Blinker gehört zu haben scheinen, setzen diese besonders oft ein. Wenn diese plötzlich vor Ihnen einscheren, wird der Warnblinker angeschmissen. Unklar bleibt meist, ob sie sich bei Ihnen entschuldigen wollen, oder Ihnen signalisieren, dass Sie sich zum Teufel scheren sollen.

Grundsätzlich bedeuten Warnblinker entweder „Dankeschön” oder schlicht „Vorsicht, ich fahre jetzt rückwärts in diese enge Parklücke. Hupe, falls ich anhalten soll.“

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Regel Nr. 4: Gelbe Ampeln können russische Fahrer nicht stoppen

So denken einige russische Fahrer: Wenn die grüne Ampel auf Gelb umschaltet, tritt so feste aufs Gas wie nur irgend möglich. Seien Sie darauf vorbereitet! Wenn Ihre Ampel auf Grün schaltet, lassen Sie sich besser ein wenig Zeit. Ein kleines Hupkonzert hinter Ihnen ist sicherlich angenehmer als ein Zusammentreffen mit einem russischen Schumacher.

Regel Nr. 5: Stellen Sie sich auf Staus ein

Wenn Sie in Moskau oder jeder anderen Großstadt Russlands auf einer leeren Straße fahren, überprüfen Sie Ihre Route! Vielleicht befinden Sie sich auf einer Straße ans Ende der Welt? Es ist beinahe unmöglich, in russischen Städten staufrei unterwegs zu sein – egal zu welcher Tageszeit.

Sie können versuchen, Dienste wie “Yandex.Maps” oder “Google Maps” zu nutzen. Diese zeigen Staus in Realzeit an. Yandex ist sogar in der Lage, die Verkehrslage für die nächsten Stunden vorherzusagen. Wenn Sie doch in einem Stau gelandet sind und der Verkehr komplett zum Erliegen gekommen ist, seien Sie bereit für einen Kulturschock: Russische Staus haben ihren eigenen Wirtschaftskreislauf. Bettler fragen nach Geld und Verkäufer bieten Ihnen Ladegeräte, Blumensträuße oder auch „Fidget Spinner“. Auch Flyer und kostenlose Zeitungen werden gerne verteilt.

Interessant zu beobachten sind auch all jene besonders cleveren Menschen, die den Standstreifen zum Vorwärtskommen nutzen wollen. Sie ziehen lange Staubwolken hinter sich her und machen alles noch viel schlimmer, wenn sie versuchen, wieder in den Verkehr einzuscheren, weil plötzlich ein Zaun oder eine Überwachungskamera auftaucht.

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Regel Nr. 6: Größe zählt

Es gibt zwei Grundregeln, die bestimmen, wer auf russischen Straßen nachzugeben hat. Eine ist dabei universell gültig: Machen Sie jedem Idioten Platz! Diese sind immer in Eile, rasen gerne, fahren auf Standstreifen und verweigern jedes Blinken. Machen Sie sich das Leben einfacher und lassen Sie diese ziehen.

Eine weitere Regel ist aber ebenfalls wichtig: Im Zweifel hat das größere Auto Vorfahrt. Das mag sehr mittelalterlich und wenig intelligent klingen, aber seien Sie nachsichtig! Die Menschen in Russland leben erst seit 27 Jahren in einer freien Gesellschaft. Lassen Sie ihnen also den Spaß mit ihren schwarzen SUVs. Mit Nachsicht zeigen Sie Ihre intellektuelle Überlegenheit!

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Das sind die wichtigsten Regeln im russischen Straßenverkehr. Fahren Sie sicher, haben Sie Spaß auf Russlands Straßen und vergessen Sie die Kamera auf dem Armaturenbrett nicht: Sie wissen nie, was für spektakuläre Aufnahmen Ihnen damit gelingen könnten!

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