Wer ist Opfer, wer Täter? Sexualmord in Moskau schlägt hohe Wellen

Ein Moskauer Student ermordete und vergewaltigte eine Kommilitonin. So brutal, so schlimm. Sein Schuldeingeständnis veröffentlichte der junge Täter noch in sozialen Netzwerken. Und trat damit online Diskussionen um die Schuldfrage an sich los.

“Hallo Leute! Mein Name ist Artjom Ischakow und ich will euch erzählen, was heute Nacht passiert ist. Ich habe meine Mitbewohnerin umgebracht. Und ich habe sie gef***t. Zweimal...“

So beginnt der Abschieds- und Schuldbrief des Mörders der 19-jährigen Moskauer Studentin Tatjana Strachowa. Ischakow behauptet in dem Brief immer wieder, in sein späteres Opfer verliebt gewesen zu sein.

Nach Fertigstellung des Briefes und Einplanens der Publikation in dem russischen sozialen Netzwerk VKontakte beging Ischakow Selbstmord. Die Polizei fand dann nur noch beide Leichen in der Wohnung.

Eine verzwickte Geschichte

Strachowa studierte an der angesehenen Moskauer Universität Higher School of Economics (HSE) und lebte mit Ischakow, der an der Moskauer Technischen Bauman-Universität eingeschrieben war, in einer Wohngemeinschaft.  Als Strachowa die Gefühle ihres Verehrers und Nachbarn offenbar nicht erwiderte, wurde dieser wohl rasend vor Leidenschaft und Eifersucht und beschloss, seinen Schwarm zu töten. So jedenfalls stellt es sein Abschiedsbrief dar.

Am Morgen des 22. Januar wartete Ischakow dann zuhause auf seine Mitbewohnerin. Dort überfiel er sie dann, schlug ihr ins Gesicht, würgte sie. Dann erstach er Strachowa. In seinem Online-Abschiedbrief gibt er dann außerdem an, dass er sie noch nach dem Mord zweimal vergewaltigt habe. Nach dem Mord schrieb er noch über zwölf Stunden lang den Brief, indem er viele Verwandte und Bekannte markierte, aß, schlief und tötete sich dann selbst.

Schwache Psyche, scharfes Messer

Psychologen vermuteten bei Ischakow sowfort psychische Probleme. So sagte beispielsweise der Moskauer Psychiater Pjotr Kamentschenko gegenüber dem russischen Nachrichtenportal Lenta.ru über dem jungen Mörder: „Sein Verhalten erinnert an das eines Psychopathen: krankhafte Eifersucht, Verlangen zu dominieren und Gewaltfantasien in der Vergangenheit.“

In seinem Abschiedsbrief schreibt Ischakow auch selbst von ersten Mordfantasien in der frühen Krankheit und seiner Angewohnheit, sich selbst zu ritzen. Außerdem war Ischakow bereits in psychologischer Behandlung, wie er selbst einräumte.

 “Selber Schuld”?

Aber Ischakows offensichtlichen Störungen hielten viele Medienoutlets und Einzelpersonen in sozialen Netzwerken nicht davon ab, auch eine mögliche Schuld des Opfers zu diskutieren. Möglicherweise hätten ja das enge Zusammenleben mit Ischakow und Strachowas Lebensstil eine solche Tat provoziert, fragt man sich mancherorts. So sagte beispielsweise ein anonymer und angeblicher Freund des Täters gegenüber dem TV-Sender REN-TV: „Ich denke, Tanja hat das mit Artjom gemacht – mit ihrer Mehrdeutigkeit (bezüglich seiner Gefühle – Anm. d. Red.).“

Noch wilder wurden die Diskussionen, als die Medien Strachowas Accounts bei Instagram und Vkontakte entdeckten und öffentlich ausschlachteten. Dort post sie in zahlreichen Bildern mit Zigarette und Alkohol und oft nur in Unterwäsche. Einige Kommentatoren schrieben hier daraufhin die Schuld oder wenigstens eine Teilschuld an dem Geschehenen zu.

„Tanja Strachowa, so stellte sich heraus, war doch weit weniger unschuldig, als alle dachten“, schrieb beispielsweise das Portal Dni.ru. Sie als „potentielles Opfer“ habe Artjom mit solchen Bildern „provoziert“. In den Kommentaren auf Strachowas Insta-Account, der noch einige Tage nach der Tat online war, fielen Beleidigungen wir „Schlampe“ u.ä.

“Kein Grund zu töten”

Aber natürlich waren das Einzelmeinungen. Die Bloggerin Darija Andrejewa sagte dem Magazin Wonderzone: „Die Reaktionen auf den Mord an Tanja lassen mich erschaudern. Das heißt ja, selbst wenn du plötzlich brutal ermordet wirst, denken immer noch viele Leute, dass du es verdient hast, nur weil du ein paar Bilder mit Alkohol oder von Sexspielzeug bei Instagram hast.“

Die Entrüstung über diese Wendung formierte dann die belarussische Bloggerin Anastassija aus Minsk mit dem Hashtag #этонеповодубить (“Kein Grund zu töten”). Unter diesem Schlüsselbegriff sammeln nun zahlreiche Mädchen Bilder, in denen sie klarstellen wollen, dass ein bisschen Haut auf einem Foto noch kein Grund für einen Mord sein könne und dürfe.

Hier sehen Sie einige Beispiele der #KeinGrundZuTöten-Kampagne:

„Jeder trägt einen Körper unter seinen Sachen, manche zeigen ihn auch. Das ist #KeinGrundZuTöten. Es gibt keinen Grund für Mord.“

“Leute, was stimmt nicht mit euch? Warum denkt ihr, dass das Opfer beleidigt werden muss?“

„Ich erinnere daran, dass jedes Mädchen hier erotische Bilder hochladen kann. Sie kann auch einen Korb geben, aber das ist kein Grund zu töten. Du kannst sie disliken und auch das ist kein Grund zu töten. Sie kann trinken, rauchen und ihr Leben leben, wie sie möchte. Das ist alles kein Grund zu töten. Nichts ist das.“

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