„Der Bär begrub mich und wollte mich fressen”: Zwei Frauen erzählen von Bärenangriffen

Marina Fokina (l) und Natalia Pasternak (r) haben Bärenangriffe überlebt.

Aus dem persönlichen Archiv
Einen Bären in freier Wildbahn zu treffen, kann fatal enden. Zwei Frauen berichten, wie sie es geschafft haben, eine solche Begegnung zu überleben. Ihre Geschichten sind gruseliger als ein Horrorfilm.

„Es sah so aus, als wolle er ihm das Bein abreißen. Ich fühlte nur noch blinde Wut”

Marina Fokina aus Sajanogorsk (in der Republik Chakassien) ist eine mutige junge Frau. Ihre Vorstellung von Erholung ist es, ein paar Tage mit ihren Freunden im Wald zu verbringen. Sie lebt nur 200 km vom Ergaki-Nationalpark entfernt, einem der beliebtesten in der Region. Marina kommt schon seit 25 Jahren hierher.

An jenem Tag, dem 12. Juni 2015, nahm sie ihren fünfjährigen Sohn, ihre Schwester, ihren Neffen und eine 72-jährige Freundin mit in den Wald. 

Marina mit ihrem Sohn, ihrer Schwester und ihrem Neffen. Das Foto wurde zwölf Stunden vor dem Angriff gemacht.

Nachts, als alle schliefen, kam ein junger Bär ins Zelt. Der Geruch von Essen hatte ihn angelockt.

„Anfangs habe ich an einen umgestürzten Baum gedacht, dann an einen Wolf. Doch es war ein Bär und er biss sofort zu”, erzählt Marina. Es war ein schrecklicher Schmerz, doch Marina hatte mehr Angst um die Kinder als um sich selbst.

Der Bär hob die Pranke in Richtung ihres Sohnes. „Es sah so aus, als wolle er ihm das Bein abreißen. Ich fühlte nur noch blinde Wut und beschloss, den Bären zu töten.”

Sie erinnerte sich an die Axt, die draußen vor dem Zelt lag, mit der sie Feuerholz gehackt hatten. Es gelang ihr, aus dem Zelt zu schleichen und die Axt mit der verletzten Hand zu greifen. Der Schock verlieh ihr ungeahnte Kräfte. Der Bär griff sie erneut an und packte sie am Bein. In diesem Moment floh ihre Schwester mit den Kindern und der Freundin aus dem Zelt. Für den Bären wurden die Menschen plötzlich uninteressant, sie waren nur noch ein Hindernis auf dem Weg zu den Lebensmittelvorräten. 

So gelang ihnen schließlich allen die Flucht. Sie konnten in den Wald entkommen und die Rettung alarmieren.

Im Nachhinein glaubt Marina, dass es gut war, dass sie den Bären nicht mit der Axt attackieren konnte. Er wäre wohl nur noch aggressiver geworden und möglicherweise hätten sie ihm dann nicht entkommen können. 

Ihr Gesicht musste Stück für Stück zusammengeflickt werden 

„Wir hatten schon vorher Bären auf unseren Wanderungen gesehen, aber immer nur aus der Ferne. Ich wusste, dass sie da draußen sind, aber ich hätte nicht gedacht, dass sie mir jemals so nahe kommen würden, vor allem nicht im Sommer”, sagt Marina.

Später erklärte mir ein Waldhüter, dass der Sommer Brunftzeit ist und die männlichen Bären völlig durchdrehen. Und da waren wir mit unserem Essen, ganz in der Nähe. Der Bär wollte an unsere Leckereien.” Bären haben einen ausgeprägten Geruchssinn.

Marina nach Operationen

Daher gilt für Wanderer die Regel, Essen nicht im Zelt aufzubewahren und die ganze Nacht über ein Feuer brennen zu lassen. Doch in dieser Nacht regnete es und sie beschlossen, das Essen ins Zelt zu räumen, um es vor der Nässe zu schützen. Das war ein entscheidender Fehler, räumt Marina ein.

Der Bär hat dem Sohn ins Bein und in die Seite gebissen. Die ältere Freundin wurde beinahe skalpiert. Bis heute hat sie sich von dem Schock nicht erholt.

Doch Marina traf es am schlimmsten. Die Ärzte in Chakassiens Hauptstadt Abakan mussten ihr Gesicht buchstäblich wieder zusammenflicken. Nur einen Millimeter neben wichtigen Nerven des Gehirns und der Augen hatte der Bär zugebissen.

„Die Ärzte im Krankenhaus dachten nicht, dass ich überleben würde. Aber schon am zweiten Tag war ich wieder auf den Beinen und machte bereits ein paar Übungen. Mir war der Ernst der Lage nicht bewusst. Die Erkenntnis, das von nun an alles anders sein würde, kam erst später”, erzählt Marina.

Sie ist jetzt 38 und hat mehrere plastische Operationen hinter sich. Die Nerven der linken Gesichtshälfte sind teilweise geschädigt. Mit dem linken Auge kann sie nur noch eingeschränkt blinzeln. 

„Er zerfleischte mich und ich fing an zu beten!” 

Im Wald einem Bären zu begegnen, ist nicht ungewöhnlich, doch in der Stadt kommt es völlig unerwartet. Natalia Pasternak aus Tynda im russischen Fernen Osten kannte Bären bisher nur aus Zoo und Zirkus. 

Am 11. Mai 2015 ging die 54-jährige Frau zusammen mit ihrer 82-jährigen Freundin Walentina Gorodezkaja und Natalias Hund zum Stadtrand, um Birkensaft zu zapfen. 15 Jahre machten sie das schon. Sie kannten sich aus.

Der Hund bemerkte die Gefahr zu erst. Eine vier Jahre alte Bärin war nach ihrem Winterschlaf auf Nahrungssuche.

„Ich wollte nicht einfach so aufgeben.”

„Der Hund fing an zu bellen und mir war klar, dass Gefahr drohte. Dann sah ich, wie ein Bär von den Bäumen sprang und auf mich zulief”, berichtet Natalia. Sie wollte weglaufen, doch dann fiel ihr ihre Freundin ein. Sie blieb stehen und schrie ihrer Freundin zu, sie solle wegrennen.

„Das war mein Fehler, denke ich. Mein Schrei muss den Bären erschreckt haben, und er ist auf mich gesprungen. Und das war es.

Walentina hörte die verzweifelten Schreie ihrer Freundin und eilte zu ihr. Der Bär bemerkte sie und hieb ihr die Pranke in den Rücken. Die Spuren seiner Krallen sind noch heute zu sehen. Walentina gelang zum Glück die Flucht und sie alarmierte den Rettungsdienst.

Der Bär hatte sich in der Zwischenzeit wieder seinem Opfer zugewandt, Natalia. Ihren Körper hatte er schon fast begraben. Erschreckt durch Walentinas Eingreifen, beschloss er, die Beute an einen abgelegeneren Ort zu verschleppen.

Natalia wehrte sich mit aller Kraft. Sie klammerte sich an Büsche und Bäume. Irgendwann verlor sie vor Schmerzen das Bewusstsein. „Ich wusste, dass ich sterben würde, aber ich wollte nicht einfach so aufgeben”, erinnert sie sich. „Während der Bär mich zerfleischte, fing ich an zu beten.”  

Die Jäger kamen nach 40 Minuten. Der Bär versuchte sie ebenfalls anzugreifen, aber sie konnten ihn erschießen. Ihr Hund machte sie durch sein Bellen auf die Stelle aufmerksam, an der der Bär Natalia begraben hatte.

Zum Glück war ihr Kopf noch frei, so dass sie atmen konnte. „Mein Schädel war kahl, blutig und verschmutzt. Die Ärzte sagten mir später, dass sie, als sie mich so sahen, nicht einmal gewusst hätten, wo sie anfangen sollten”, berichtet Natalia weiter.

Nach der Operation wurde sie nach Blagoweschtschensk geflogen, wo sie zahlreiche Hauttransplantationen erhielt. Zwei Monate blieb sie dort. Sie muss sich noch immer von den Folgen der Attacke erholen - körperlich und seelisch. 

>>> Survival-Tipps vom russischen Zivilschutz: Was tun, wenn Sie auf einen wilden Bären treffen

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