MEINUNG: Warum die Russen ihren Weihnachtsbaum bis zum Frühjahr nicht entsorgen

Legion Media
Vielleicht ist die Antwort ganz einfach – es gibt zu wenig Helligkeit und Glanz in unserem Leben.

Eines Tages kam ich zu einem Freund, es war im März. Ich staunte, denn sein Weihnachtsbaum stand noch voll geschmückt in der Stube, alles funkelte. Aber ich will ehrlich sein: Es war eine künstliche Tanne und der Baum hatte sich deshalb nicht in einen trockenen Stamm mit nackten Zweigen verwandelt. Ich fragte meinen Freund: „Ist bei euch noch Silvester?“ Er lächelte: „Ja!“ Und fügte hinzu: „Aber wir werden ihn bald wegräumen.“

Im Sommer war ich wieder bei diesem Freund zu Besuch. Der Baum leuchtete immer noch. Ich sagte verwundert: „Ihr habt ihn ja immer noch nicht weggeräumt!“. Er antwortete: „Nun, es ist jetzt Sommer – das ist doch ganz lustig! Allen gefällt es.“

Das nächste Mal besuchte ich ihn im Herbst. Der Weihnachtsbaum stand immer noch da. Ich sparte mir diesmal das Fragen, aber mein Freund antwortete mir unaufgefordert: „Es ist bald Silvester, warum sollen wir ihn da wegräumen?“

Silvester ist der beliebteste Feiertag in Russland. Es gibt nichts Vergleichbares. Die sowjetischen Feiertage sind längst vergessen, nur die über 50jährigen können den Oktoberrevolutionstag noch etwas abgewinnen. Kirchliche Feiertage werden zwar gefeiert, manchmal, wie z.B. Ostern, sogar im großen Stil – jeder trinkt ganz gerne, auch die Nichtgläubigen. Aber am beliebtesten ist immer noch der Silvesterabend.

Einen Weihnachtsbaum zu kaufen und zu schmücken, ist eine freudige Zeremonie. Sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Seit kurzem ist es in Mode, den Baum in sozialen Netzwerken zu posten und damit zu prahlen.

Und dann sind die Feiertage vorbei und man muss den Baum eigentlich entsorgen. Aber mitnichten! Jedermann in Russland wird sagen: „Bis zum alten Neujahr können wir ihn nicht wegräumen.“ Das alte Neujahrsfest ist eine russische Tradition, es findet in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar statt und ist ein Feiertag aus vorrevolutionären Zeiten. Auch wenn dieses Fest nicht zu den offiziellen Feiertagen gehört, feiern wir es in Russland. Allerdings bescheidener als das offizielle Neujahrsfest.

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Nun ist diese Grenze jedoch überschritten. Die Ungeduldigsten räumen ihren Weihnachtsbaum jetzt tatsächlich weg. Wenn es ein richtiger Baum war, bleibt auch nichts weiter übrig – die Nadeln liegen überall auf den Teppichen und in den Schuhen.

Aber wenn es ein künstlicher Baum ist, kann man es ruhig angehen und ihn bis zum Ende des Winters stehen lassen, in seiner ganzen Pracht und Schönheit. Das stört niemanden besonders.

Doch auch der Winter ist irgendwann vorbei. Nur Sturköpfe lassen ihren Weihnachtsbaum nun noch stehen. Manchmal bis Ende März oder sogar April, wenn der Schnee weg ist und das Gras durchkommt. Es ist sogar wie ein Wettbewerb – wer hält am längsten aus. Die Leute in den sozialen Netzwerken prahlen: Wir haben den Weihnachtsbaum noch immer nicht abgeputzt!

Und niemand ist wirklich überrascht. Im Gegenteil, man freut sich und unterstützt sie.

Und nun die eigentliche Frage: Warum lassen wir die Weihnachtsbäume so lange stehen, mit all ihren Kugeln, dem Lametta und der Beleuchtung?

Ich denke, die Antwort ist einfach: Das Leben in Russland ist nicht so fröhlich. Vor allem in den Provinzen. Und in unseren Städten gibt es nicht viel Schönheit. Außer in Moskau und St. Petersburg. Aber das Land ist riesengroß! Eine typisch russische Stadt besteht aus einem winzigen historischen Zentrum, in dem ein paar Kirchen und drei Villen stehen. Und drumherum sind Plattenhäuser, Fabrikschlote und Betonzäune. Wie trübselig! Ich bin viel in Russland herumgereist und habe so Manches gesehen. Man kann keinen Unterschied zwischen Naltschik und Abakan oder Perm und Juschno-Sachalinsk finden. Ja, die Landschaft unterscheidet sich. Aber alles andere ist Standard und deprimierend. Abgesehen von den neuen Einkaufszentren, die jedoch auch selten als architektonische Sehenswürdigkeit bezeichnet werden können.

Und dieser Weihnachtsbaum mit seinen glänzenden Kugeln und den funkelnden Lametta ist unser kleiner ästhetischer Glanzpunkt inmitten dieser völlig abstumpfen Welt. Nach einem harten Tag auf Arbeit, der Fahrt durch die unansehnliche Stadt, dem Einkauf in Geschäften, die nicht voneinander zu unterscheiden sind, kommst du nach Hause in deine kleine Wohnung mit zwei Zimmern und einer Küche. Dort stehen die typischen Möbel – entweder von IKEA oder sogar noch aus Sowjetzeiten. Aber der Weihnachtsbaum lässt Freude in dir aufkommen! Ich schaue ihn an und es geht mir gleich besser.

Wahrscheinlich aus demselben Grund – da bin ich mir sicher – sind unsere Frauen so farbenfroh gekleidet. Denn vor dem Hintergrund von Plattenbauten wollen sie spektakulär aussehen, um einen Kontrast zur grauen Realität zu schaffen. Und den Männer gefällt das.

Wir Russen lieben das Helle, aber wir leben inmitten von Grau in seinen fünfzig Schattierungen. Es ist ein Paradoxon. Zumindest der Weihnachtsbaum ist eine farbenfrohe Alternative für uns.

Und es gibt noch einen weiteren Grund: Den Baum abzuputzen und den Weihnachtsschmuck wieder in die Schachtel zu legen, ist nicht die aufregendste Beschäftigung. Sie ist sogar ziemlich traurig. Und wir sagen uns: „Okay, morgen ist auch noch ein Tag.“

Aber natürlich passiert das auch morgen nicht. Und es besteht ja auch keine Eile. Die nächste Neujahrsfeier steht ohnehin bevor.

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