Russland strebt ein unabhängiges Internet an – Für und Wider

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WIKTORIA RJABIKOWA
Seit 2019 wird in Russland, von den Internetnutzern oft unbemerkt, das vom World Wide Web unabhängige Runet getestet. Wir erklären, wie sich Russland auf ein „souveränes Internet" vorbereitet und wie sich das System vom chinesischen „Projekt Goldener Schild“ unterscheidet.

Was wird getestet?

Vom 15. Juni bis zum 15. Juli 2021 testete Russland sein unabhängiges Internet „Runet“, berichtete die Zeitung „RBC“ unter Berufung auf die Infosec-Arbeitsgruppe der unabhängigen gemeinnützigen Organisation Digital Economy.

Alle großen russischen Telekommunikationsbetreiber (MTS, Tele2, Beeline, Megafon sowie Rostelecom, Transtelecom und ER-Telecom Holding) beteiligten sich an den Testläufen, bei denen den Quellen zufolge geprüft wurde, ob das Runet auch im Falle eines Angriffs oder einer Blockade durch einen feindlichen Staat funktionieren könnte. Eine andere Quelle berichtete der Zeitung, dass „die Möglichkeit einer physischen Abschaltung des russischen Teils des Internets getestet wurde".

Es sind nicht die ersten Tests dieser Art. Bereits im Dezember 2019 wurden in Moskau, Rostow, Wladimir und anderen russischen Städten vergleichbare Tests angekündigt, um Betreibern und Regierungsbehörden die Möglichkeit zu geben, die Sicherheit der persönlichen Daten von Mobilfunkteilnehmern sowie der Netze und IT-Ausrüstung von Energie- und Finanzunternehmen vor externen Bedrohungen, einschließlich Hackerangriffen, zu überprüfen, auch im Hinblick auf das Mitlesen von Nachrichten und die Standortermittlung.  

Die Tests sollten im Jahr 2020 stattfinden, wurden aber aufgrund der Pandemie verschoben.

Warum wird die Verbindung zum weltweiten Internet unterbrochen?

Im Oktober 2017, nach drei großen Hackerangriffen, von denen Russland und eine Reihe anderer Staaten betroffen waren, forderte der russische Präsident Wladimir Putin auf einer Sitzung des russischen Sicherheitsrats mehr Sicherheit für das Runet.

„Das Eindringen von außen und das Durchsickern von elektronischen Dokumenten in den Bereichen Verteidigung, öffentliche Verwaltung, lebenserhaltende Infrastruktur und Finanzen kann schwerwiegende Folgen haben. <...> Die Sicherheit und Stabilität der Infrastruktur des russischen Segments des Internets muss verbessert werden", sagte der Präsident damals.

Ein Jahr später, im Dezember 2018, brachte eine Gruppe von Senatoren des Föderationsrates und Abgeordneten der Staatsduma einen Gesetzentwurf über den autonomen Betrieb des Runet ein, der später unter den Bezeichnungen „Runet-Schutz", „souveränes Runet" und „Runet-Isolierung" bekannt wurde. In einer Begründung heißt es, dass der Gesetzentwurf die Hacking-Vorwürfe gegen Russland und die im September 2018 verabschiedete Nationale Cyber-Strategie der USA berücksichtigt, die nach Ansicht der Senatoren das Prinzip „Frieden durch Stärke" wieder aufgreift.

Der Kern des Gesetzes besteht darin, eine eigene Infrastruktur zu schaffen, die es dem Runet ermöglicht, auch dann weiterzuarbeiten, wenn Russland von den globalen Servern abgeschnitten ist.

Das Gesetz sieht auch vor, dass die russische Kommunikationsaufsichtsbehörde Roskomnadzor und die Betreiber, die von den russischen Nutzern ausgetauschten Daten kontrollieren und sie gegebenenfalls nicht ins Ausland weiterleiten und den Datenverkehr sperren, wenn versucht wird, auf Websites mit verbotenen Informationen zuzugreifen.

Eine gesonderte Klausel sieht jährliche Tests vor, die von staatlichen Aufsichtsbehörden und den Telekommunikationsbetreibern durchgeführt werden sollen.

Vor der Unterzeichnung wurde das Gesetz wiederholt kritisiert, insbesondere von Betreibern und großen IT-Unternehmen. Ihrer Ansicht nach könnten die Anforderungen zu Störungen bei Kommunikationsdiensten und im Internet führen. Auch die internationale Organisation Reporter ohne Grenzen kritisierte den Gesetzentwurf und erklärte, das Gesetz würde es Russland ermöglichen, den digitalen Informationsfluss nach Belieben zu unterbrechen.

Wie wird das „souveräne Runet" funktionieren?

Alle Betreiber installieren spezielle Geräte, um einen andauernden Datenaustausch in Russland zu gewährleisten, falls es einmal notwendig sein sollte, das Land vom globalen Internet abzukoppeln.

Roskomnadzor beabsichtigt, ein Kontrollzentrum einzurichten, um diese Geräte und mögliche Bedrohungen von außen zu überwachen.

Sollten Cyber-Akteure jemals versuchen, Russland von den globalen Servern abzukoppeln, den Mobilfunk oder den Internetzugang zu unterbrechen oder die IT-Infrastruktur kritischer Einrichtungen anzugreifen, würde Roskomnadzor die Kontrolle über den internen Datenverkehr übernehmen.

Wie auf der Website der Staatsduma dargelegt, soll der Verkehr mit Hilfe spezieller „Austauschpunkte" verwaltet werden - physische Räume mit Schaltstellen, an denen die Netze von Großunternehmen, Internet-Diensteanbietern, Hosting-Providern usw. angeschlossen werden und der interne Verkehr ausgetauscht wird.

Darüber hinaus wird die Regulierungsbehörde in der Lage sein, verbotene Websites in Russland eigenständig zu sperren, ohne sich mit den betreffenden Betreibern und Anbietern in Verbindung zu setzen (diese Aufgabe wird derzeit von Roskomnadzor wahrgenommen). Gleichzeitig wird auf der Website der Staatsduma betont, dass das Gesetz nicht dazu dient, soziale Netzwerke und Videoplattformen wie Twitter, YouTube und Facebook zu sperren. Aber die Frage, wie es möglich sein soll, beliebte ausländische Websites am Laufen zu halten, wenn Russland vom globalen Internet abgeschnitten ist, blieb bisher unbeantwortet.

Roskomnadzor hat bereits Erfahrung, wenn es darum geht, sich in ausländische Kommunikationsdienste einzumischen. Bereits im März 2021 bremste die Behörde Twitter aus, weil verbotene Inhalte nicht entfernt wurden. Laut „RBC“ nutzte die Regulierungsbehörde dazu die gleiche Technik, die zur Umsetzung des Gesetzes „Souveränes Runet" installiert wurde. Im Mai 2021 hob sie die Beschränkungen für das beliebte soziale Netzwerk teilweise wieder auf.

Russland sei technologisch bereits in der Lage, sich vom globalen Netz zu trennen, erklärte Dmitri Medwedew, stellvertretender Vorsitzender des Sicherheitsrates der Russischen Föderation, im Februar 2021. Nach Angaben der Mobilfunkbetreiber musste jedoch die Technik im März 2021 bereits instandgesetzt werden. Darüber hinaus stellt das russische Ministerium für Kommunikation regelmäßig neue Anforderungen an die Modernisierung der Ausrüstung, was ebenfalls zu einer Abnahme der Kommunikationsqualität führen kann, heißt es vom Telekommunikationsdienstleister MTS.

Wird Russland also in Bezug auf das Internet so isoliert sein wie China?

Nein, aber das ist dennoch kein Grund zum Feiern.

Der Hauptunterschied zwischen dem „souveränen Runet" und dem „Projekt Goldener Schild“, auch als „Große Firewall“ Chinas bezeichnet, liegt in der Architektur, erklärte Michail Klimarew, Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation Internet-Schutz-Gesellschaft, in einem Beitrag für „Znak.com“

In Russland sind die Filter- und Verkehrsmanagementsysteme bei den Telekommunikationsbetreibern installiert, in China an der Grenze zum Rest der Welt. Facebook und andere beliebte soziale Netzwerke funktionieren in China zwar nicht, aber selbst, wenn die Filtersysteme ausfallen, wird das Internet dort noch funktionieren. In Russland hingegen könnte es im ganzen Land zu unerwarteten Ausfällen kommen.