Schaufenster des sowjetischen Lebens: Was wurde in den berühmten „Schrankwänden“ aufbewahrt?

Wladimir Kasanzew/TASS
Das Herzstück fast jedes sowjetischen Wohnzimmers war die Anrichte – das Hauptelement der Wohnungseinrichtung (die „Wand“) mit Glasschiebetüren und einer verspiegelten Rückwand. Wie es sich für ein stolzes Möbelstück gehört, wurden darin nur die wertvollsten Kostbarkeiten aufbewahrt – sowohl materielle als auch ideelle.

Porzellan

Jede sowjetische Hausfrau, die etwas auf sich hielt, hatte ein edles Teeservice. Es wurde jedoch nur zu besonderen Anlässen genutzt – wenn Gäste zu großen Familienfesten oder staatlichen Feiertagen nach Hause eingeladen wurden. Das Teeservice der Lomonossow-Porzellanfabrik (LFZ) mit kobaltblauer Gestaltung lag voll im Trend. Dieses Design, das zu einem der Markenzeichen von St. Petersburg geworden ist, wurde 1944 nach einer Skizze der Künstlerin Anna Jazkjewitsch zum 200-jährigen Bestehen des Werks entworfen und ging 1950 in Serienfertigung.

Moskauer Familie, 1953.

Es gibt zwei Versionen über den Ursprung dieses Designs. Nach der ersten (der offiziellen) ist das Muster eine Kopie des „persönlichen“ Services der Zarin Elisabeth Petrowna, unter deren Regentschaft die Porzellinmanufaktur (der Vorgänger der Porzellanfabrik) gegründet wurde. Nach einer zweiten (volkstümlichen) Version ist das Muster eine Metapher für die über Kreuz zugeklebten Fenster der Häuser in der belagerten Stadt Leningrad. Als Überlebende der Belagerung hatte Jazkjewitsch in diesen Jahren ihre Mutter und ihre Schwester verloren und wollte auf diese Weise an sie erinnern. Für ihre Kreation des „Kobaltnetzes“ wurde die Künstlerin 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.

Sowjetisches Teeservice mit

Neben dem Leningrader Geschirr war auch das nur schwer zu ergatternde „Madonnen“-Service aus der DDR sehr begehrt. Das „bürgerliche“ Design des Porzellans – Perlmutt, Goldrand, Zeichnungen halbnackter Frauen – passte eigentlich nicht zu einer sowjetischen Einrichtung, aber die Bevölkerung ließ sich davon nicht abschrecken.

„Ich erinnere mich, dass meine Großmutter diese Teller an der prominentesten Stelle im Schrank stehen hatte und sie mich faszinierten. Sie nahm sie einmal im Jahr heraus, wenn die Familie zu ihrem Geburtstag zusammenkam und sie den Tisch für das Tee-Kränzchen deckte. Heute scheint mir, dass dieses pompöse Geschirr im Durchgangszimmer einer Chruschtschowka-Wohnung (die mit ihren niedrigen Decken und den sowjetischen Möbeln aus den 1980er Jahren eigentlich sehr gemütlich war) etwas seltsam aussah. Aber für meine Mutter sind die Überreste der ,Madonnaʻ eine Erinnerung an ihre Mutter, und für mich ist es eine Erinnerung an meine Kindheit und die geselligen Feste meiner Verwandten, von denen viele heute nicht mehr am Leben sind“, erinnert sich Maria Afanasjewa, die mehrere Service aus der Sowjetzeit besitzt.

Madonna Teeservice.

Typischerweise wurde ein Festtags-Service als Hochzeitsgeschenk verschenkt, so dass es nicht nur als Dekoration für die Wohnungseinrichtung oder eine Festtagstafel diente, sondern auch als Erinnerung an ein wichtiges Familienereignis.

Die Teetassen, -untertassen, -kanne und die Zuckerdose wurden in der Regel auf der untersten Ablage der Schrankwand platziert. Diese konnten von ungewöhnlichen, abgeflachten Schnabeltasse für Thermalwasser flankiert sein, die die Sowjetbürger aus den Kurorten mitbrachten.

Wohnung in Moskau, 1987.

In den 1950er Jahren wurde in der UdSSR der Kuraufenthalt in Sanatorien zu einem Massenphänomen: Es gab kaum eine Familie im Lande, die ihren Urlaub nicht mit „Heilwasser“ verbracht hätte. Die Heilquellen im Nordkaukasus galten als die wichtigsten Kurorte. In der Porzellanfabrik in Kislowodsk wurden spezielle Becher für Urlauber hergestellt, damit diese das Mineralwasser trinken konnten, ohne den Geruch von Schwefelwasserstoff einzuatmen und ohne die Zähne den schmelzzerstörenden Mineralien auszusetzen. Sie waren oft mit dem Herstellungsjahr gekennzeichnet und erinnerten die Besucher der Sanatorien auch an ihren Urlaub im Süden.

Kristall

Die sowjetische Skiläuferin und Olympiasiegerin Galina Kulakova in ihrer Wohnung in Ischewsk, 1972.

Die Speisen für die Festtafel (Olivier-, Vinaigrette-, Mimosen-Salat, Hering unter dem Pelzmantel u.a.) wurden in schweren Kristallschüsseln serviert, die ebenfalls in den Schrankwänden aufbewahrt wurden. Dieses Geschirr wurde in der Regel in der Mitte platziert. Meisten stammte es aus der Glashütte Gus-Chrustalnyj in der Stadt Gusjew. Schwere Kristallschüsseln wurden oft zu wichtigen Anlässen wie Jubiläen, Pensionierungen und dem 8. März verschenkt, so dass fast jeder sowjetische Haushalt eine ganze Sammlung davon besaß.

Familienfest, 1950er Jahre.

„Der Hering im Pelzmantel sah sehr schön in einer Kristallschüssel aus. Mein Vater war LKW-Fahrer und wir hatten eine Menge von diesem Kristall und Glas, vor allem von Gus-Chrustalnyj. Aus einem Kristallglas trinkt es sich besser und angenehmer. Und ich mag dieses Kristallgeschirr sehr – ich habe praktisch alles behalten“, schreibt ein Forumsteilnehmer in einem Thread über Nostalgie für die Sowjetunion.

Während das „schwere“ Kristall meist aus der Sowjetunion stammte, bevorzugte man Wein-, Sekt- und Schnapsgläser aus den sozialistischen Bruderländern. Tschechoslowakisches böhmisches Kristallglas zu Hause zu haben, galt als Zeichen des guten Geschmacks und des Reichtums der Familie: Es war teurer als seine einheimischen Pendants.

Boris Ratnowskij in der Wohnung von Georgij Lesskis, 1986.

Die Reinigung des Kristalls war ein besonderes Ritual. Mehrmals im Jahr holte die sowjetische Hausfrau ihre Schätze aus dem Schrank und wusch sie in einer Essiglösung. Dank dieser Prozedur – und der seltenen Benutzung – sah das Geschirr wie am ersten Tag aus.

„Seit meiner Kindheit wurde mir gesagt, dass man Kristallgeschirr nicht aus der,Wandʻ nehmen dürfe, da es nur für besondere Anlässe bestimmt war. Gleichzeitig wurde das gesamte Geschirr zwei- oder dreimal im Jahr herausgenommen, gewaschen und wieder hineingestellt. Können wir das Kristallgeschirr jetzt aus dem Schrank nehmen oder noch nicht?“, scherzte ein Nutzer eines Internetforums und postete ein Foto des Schranks seiner Großmutter voller Kristallgeschirr.

Moskwa-Geschäft in Moskau, 1963.

„Und dieses Kristall holten wir früher zu jeder Feier heraus: Du öffnest die Schranktüren und holst das Kristallgeschirr und das DDR-Service heraus – und schon kommst du in Festtagsstimmung, wie mit einem geschmückten Tannenbaum zu Silvester“, antwortet der Kommentator allen Ernstes.

Andere Artefakte

Neben dem Geschirr wurden die Schränke auch zur Aufbewahrung von Erinnerungsstücken aller Art genutzt. Dabei konnte es sich um Porzellanstatuetten oder Figuren aus farbigem Glas und Matrjoschka-Puppen handeln. An der spiegelnden Wand der Anrichte waren oft Bilder der nächsten Verwandten zu sehen – Frontaufnahmen von den Eltern oder Großeltern, Bilder der Kinder und Enkel in schicker Schuluniformen (die Mädchen unbedingt mit Schleife im Haar und weißer Schürze, die Jungen mit roten Pionierhalstuch). Manchmal lagen daneben Zeitungsausschnitte mit Artikeln über die Arbeitserfolge von Familienmitgliedern oder deren Unternehmen.

Natalia Tschechowskaja und Wassili Poluschin, Tänzer des Staatlichen Opern- und Balletttheaters Krasnojarsk, zu Hause, 1987.

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wollte die damalige junge und „fortschrittliche“ Generation die sowjetische Schrankwand und deren Inhalt als „überholten Plunder“ ganz schnell loswerden. Dreißig Jahre später kehrt das Interesse am sowjetischen Erbe zurück, und die jungen Leute von heute suchen auf Flohmärkten nach „großmütterlichem“ Geschirr und Kristallgefäßen, während Designer den Retro-Stil in der Inneneinrichtung reproduzieren, indem sie eben diese Schränke kopieren und restaurieren. Einerseits ist dies eine Hommage an das sowjetische Design, das in seinen ästhetischen und funktionalen Eigenschaften moderne Möbel und Haushaltsgegenstände oft übertrifft. Andererseits – und vielleicht sogar im größeren Maße – ist dies eine Manifestation der Nostalgie.

Im Jahr 2018 wurde in Russland eine Umfrage durchgeführt, bei der 66 % der Befragten zugaben, dass sie sich nach der UdSSR sehnten – das höchste Ergebnis in den letzten zehn Jahren. Und dieser Trend wurde in allen Altersgruppen verzeichnet, auch bei jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren, die die Sowjetunion gar nicht miterlebt haben, aber vielleicht mit sowjetischen Utensilien aufgewachsen sind.

Udelka-Flohmarkt in St. Petersburg.

„[Mit sowjetischen Gegenständen] will jemand die Atmosphäre seiner Kindheit und Jugend wiederherstellen. Man sucht es für sich selbst, weil es in ihrer Familie vorhanden war und dann verloren ging oder zerbrochen oder gestohlen wurde. Um den Schaden wiedergutzumachen, geht man auf den Flohmarkt oder durchsucht Internetseiten. Manche brauchen einen Deckel für ihren Wasserkocher, andere einen Löffel aus dem Besteckset. Tassen, Teller, Vasen, Figuren, Schmuck und sogar Bilder ... Einmal sah ich auf einem Flohmarkt einen Mann stehen und weinen, weil nach langem Suchen endlich etwas gefunden hatte, das wie ein Familienerbstück aussah“, erzählt die Antiquitätenhändlerin Marina Wesjolowa. „EIn Mensch muss sich mit Dingen umgeben, die bei ihm positive Erinnerungen wecken.“

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