Russlands Wirtschaft: Neue Krise, altbekannte Ursachen

Tatjana Perelygina
Öl ist auf dem Rohstoffmarkt derzeit so billig wie nie. Der russische Staatshaushalt hat deshalb mit massiven Einnahmeverlusten aus dem Energieexport zu kämpfen. Der Ökonom Konstantin Korischenko meint, dass ein Anstieg der Ölpreise alleine die Probleme der russischen Wirtschaft nicht lösen werde.

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass der russische Markt und der russische Durchschnittsverbraucher Wirtschaftsverhältnisse erleben, die sich vom letzten Jahrzehnt ebenso wie von den Krisenjahren 2008 und 2009 grundlegend unterscheiden. Derzeit mehren sich die Expertenstimmen, die glauben, dass die Ursache für die damalige Krise nicht beseitigt worden sei. Vielmehr habe man diese mit „billigem Geld“ bloß unterdrückt. Was wir jetzt erleben sei daher die Rückkehr der Krise in einer deutlich schärferen Form, mit denselben Problemen, die schon damals nicht gelöst wurden. Die Politik der quantitativen Lockerung in den USA, den EU-Staaten und Japan hätte das Problem der bis 2007 angesammelten überschüssigen Kredite und Risiken nicht gelöst. Das Problem sei lediglich auf die Wartebank geschoben worden und inzwischen seien die Schwierigkeiten noch größer geworden.

Ebenso wie andere Entwicklungsländer erlebte Russland im Laufe der letzten Jahre eine Flut von „heißem Geld“, ein Wachstum der privaten Auslandsverschuldung und einen weiteren Anstieg der Haushaltsausgaben vor dem Hintergrund eines durchschnittlichen Ölpreises von 100 US-Dollar pro Barrel. Dennoch zeichnete sich beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) bereits seit 2013 eine negative Entwicklung ab. Es kam zu einem Rückgang sowohl des Realeinkommens der privaten Haushalte als auch des Einzelhandelsumsatzes sowie zur Verschlechterung des Investitionsklimas. Das alles war von rückläufigen Staatsausgaben und sinkenden Nettoexporten begleitet. Das Schlimmste war jedoch eine Überstabilisierung des Rubelkurses, was zwangsläufig an jene Situation erinnerte, die bereits 1998 und 2008 zu Krisen geführt hatte. Die damaligen Krisen unterschieden sich von der aktuellen grundsätzlich dadurch, dass der Preisverfall des Erdöls heute deutlich stärker ist als in den Jahren 1997 und 1998, wenn auch die russische Wirtschaft heutzutage um einiges stabiler ist als damals.

Gefährdung durch innere und äußere Faktoren

Sollte der Ölpreis kurzfristig wieder auf 60 US-Dollar pro Barrel steigen, wäre die russische Wirtschaft dennoch in keinem guten Zustand. Zumindest wäre der russische Reservefonds nicht allzu schnell ausgeschöpft und das Bruttoinlandsprodukt könnte wieder wachsen. Trotzdem wäre eine positive Entwicklung der russischen Wirtschaft sowohl durch äußere als auch durch innere Faktoren weiter gefährdet. Bei den inneren Faktoren ist wohl die mangelnde Kapitalisierung des russischen Bankensystems ausschlaggebend, vor allem im Hinblick auf die starken Rubelkursschwankungen. Die Freigabe von Staatsgeldern zur Lösung dieses Problems ist daher ein wichtiger Schritt, damit neue Kredite in die Wirtschaft fließen können.

Ein weiteres Problem sind die hohen Zinssätze, die indirekt an den Leitzins der russischen Zentralbank gebunden sind. Begleitet von starken Kursschwankungen kann eine Senkung des Leitzinses zur Ankurbelung der Wirtschaftskonjunktur wiederum einen massiven Kapitalabfluss nach sich ziehen.

Zu den äußeren Risikofaktoren gehören die Ölpreisdynamik und die Entwicklung in China und den USA. Die Stagnation der chinesischen Wirtschaft stellt ein hohes Risiko für das Wachstum der Weltwirtschaft dar und verursacht eine negative Entwicklung der Rohstoffpreise. Unter diesen Umständen setzt die bisher ausbleibende Erhöhung des US-Leitzinses zur Normalisierung der monetären Politik der Vereinigten Staaten die Weltwirtschaft weiter unter Druck und trägt nicht gerade zu einem Anstieg der Wirtschaftsaktivitäten bei.

Konstantin Korischenko ist Leiter des Lehrstuhls für Fondsmärkte und Finanzinstrumente an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst in Moskau und ehemaliges Vorstandsmitglied der russischen Zentralbank.

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