Entzückt die Kamera gezückt: Petersburgs schönste Kommunalkas

Sie sind alt und wunderschön: Die großen Gemeinschaftswohnungen mit ihren hohen und mit Stuck verzierten Zimmerdecken wurden zu Sowjetzeiten oft an mehrere Bewohner vermietet. Heute sind sie vor allem etwas für Liebhaber.

Große Wohnung, viele Zimmer, gemeinsame Küche, Flur und Bad – so etwas findet man hier noch an jeder Ecke. Stand 2015 gibt es in Sankt Petersburg 85 000 solcher Altbauwohnungen.

 / Maxim Kosmin Maxim Kosmin

„Gemeinschaftswohnungen gab es bereits unter Peter dem Großen. Als Sankt Petersburg erbaut wurde, gab es nicht ausreichend Unterkünfte für all die Handwerker, Ingenieure, Bauern und Kaufleute. Reiche Leute bauten Privathäuser und vermieteten Zimmer an Auswärtige. Eigentlich waren das die ersten Gemeinschaftswohnungen“, erzählt der Historiker Juri Kruschnow in einem Interview mit „The Village“.

Nach der Oktoberrevolution im Jahr 1917 bauten die Bolschewiki die Wohnungen der Reichen in Gemeinschaftswohnungen um. Sie teilten die Räume und füllten ihre Bewohner mit neuen Familien auf. Da die Wände der Räume mehrfach verschoben wurden, kann es heute mitunter vorkommen, dass Reste von reich verzierten Holzdecken in einfachen Abstellkammern zu finden sind.  

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Die Gesellschaft „Staryj Fond“ (zu Deutsch: Altbau) sammelt Aufnahmen von Innenräumen aus dem vorrevolutionären Sankt Petersburg und veröffentlicht diese im Internet. „Es ist gut möglich, dass solche Wohnungen in unwissende Hände geraten. Nur Fotos können die Erinnerung an die Vergangenheit bewahren“, lautet die Motivation hinter dem Projekt.

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Projektinitiator Maxim Kosmin liebt die alten Gemeinschaftswohnungen. In seiner Kindheit wohnte er am Stadtrand von Sankt Petersburg in einer gewöhnlichen Neubauwohnung. In seine neue Wohnung zog Kosmin, weil er in einem Altbau mit hohen Decken wohnen wollte.

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„Die erste Gemeinschaftswohnung habe ich mir vor einem Jahr angeschaut. Das war ein halbes Jahr, bevor ich anfing, Fotos von Immobilienseiten zu sammeln. Ich begann damit, als ich gemerkt habe, dass die Innenräume dieser Wohnungen so gut wie nicht erkundet sind. Am besten sind sie in den alten Gemeinschaftswohnungen erhalten“, erzählt Kosmin.

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Die Innenräume seien besser erhalten, da die Mieter die Wohnungen nicht renovieren würden, meint der Hobbyarchivar. „Renovieren“ bedeute in Russland, dass alles abgerissen und neu gebaut werde. Manches würde dabei natürlich verloren gehen. Auch das Bewohnen selbst nutze die Innenausstattung ab. Am schlimmsten seien jedoch Modernisierungsmaßnahmen, findet Kosmin.

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Der junge Petersburger spürt Wohnungen auf ganz verschiedene Art auf – über Makleranzeigen, auffällige Fenster oder Menschen, die ihm oft selbst Bildmaterial zusenden. „Wenn ich einen schönen alten Fensterrahmen sehe, dann weiß ich, dass es drin etwas zu sehen gibt. Ich gehe dann hin und rede mit den Bewohnern. Viele lassen mich nicht herein. Aber es gibt in den Gemeinschaftswohnungen auch einige gesprächige Menschen, die einen sofort hereinbitten“, erzählt Kosmin.

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Was er findet, veröffentlicht er auf Instagram: alte Öfen, Stuckdecken, ehemalige Ballsäle, zugemauerte Türen. In einer der bekanntesten Gemeinschaftswohnungen in Sankt Petersburg am Suworowski Prospekt 11 blieb die Innenausstattung von 1904 erhalten. „The Village“ vermutet, dass sich in dem Gebäude ein Theater befand. Eine Art Postament ist darin bis heute erhalten geblieben. Die schmuckvolle Zimmerdecke hielten die Bewohner für eine Holzdecke, bis sie vor ein paar Jahren im Nebenzimmer einstürzte. Wie sich herausstellte, bestand die Decke aus Gips.

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Manchmal organisiert Maxim Kosmin Exkursionen durch die schönsten Gemeinschaftswohnungen von Sankt Petersburg. Anmelden kann man sich nur auf seinem Instagram-Account. Routen, Orte sowie die Adressen von verlassenen Gebäuden mit wunderschönem Innenleben hält er geheim. Er sagt, er möchte nicht, dass alte Glasfenster geplündert oder Kamine demontiert werden.

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„Staryj Fond“ hat Aufnahmen von einigen besonderen Wohnungen, die einst berühmte Bewohner hatten. Dazu zählt beispielsweise die Wohnung von Rasputin. Weder der Stuck an den Decken noch die Öfen haben überlebt. Dafür entdeckte man unter der Tapete alte vorrevolutionäre Zeitungen.

In dieser schlichten Wohnung existiert noch die Hintertür, durch die Rasputin und sein Mörder Felix Jussupow am 30. Dezember 1916 gegangen waren. Sie waren unterwegs zum Moika-Palast der Familie Jussupow. Nur wenige Stunden später wurde Rasputin ermordet. 

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Nach der Revolution wurde Rasputins Wohnung zu einer Kommunalka umfunktioniert, heute steht sie fast leer. Der letzte verbliebene Bewohner habe die Wohnung nur wegen Rasputin gekauft, erzählt Maxim Kosmin. Er sei ein Künstler und male in dieser Wohnung Porträts des Ältesten.

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„Gemeinschaftswohnungen haben einen gewissen Charme. Viele Menschen wollten von dort nicht mehr wegziehen. Sie wollten nicht alleine, sondern im Kollektiv leben. Trotz aller Skandale und der Aufregungen. Heute ist das anders: Die meisten sind den Kommunalkas gegenüber negativ eingestellt“, erzählt der Historiker Juri Kruschnow.

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