Aus "Münchner" mach "Ukrainskoje": Biertrinken auf sowjetische Art

Yuri Belinsky/TASS
In der Sowjetunion war ganztägig Bier-Zeit. Es kam in der Rangfolge gleich nach Wodka. Getrunken wurde es beim Angeln, in der Sauna oder nach einem anstrengenden Arbeitstag.

Sankt Petersburg, Januar 1992  / Nikolai Adamovich/TASS Sankt Petersburg, Januar 1992 / Nikolai Adamovich/TASS

Vor der Revolution 1917 produzierte das Russische Reich verschiedene Biersorten gemäß westlicher Standards. Dazu gehörten Wenskoje (Wiener), Munchenskoje (Münchener), Pilsener, Bawarskoje (Bayerisches), Kulmbakskoje (Kulmbacher), Bogemskoje (Böhmisches) und andere. Nach 1917 wurden die „bourgoisen“ Namen durch sowjetische Bezeichnungen ersetzt. So wurde aus Venskoe die Biersorte Schiguljowskoje (Schiiguli), aus Pilsener plötzlich Russkoe und aus Munchenskoje schließlich Ukrainskoje.

Brauerei im Moskauer Gebiet 1991 / Gennady Khamelyanin/TASSBrauerei im Moskauer Gebiet 1991 / Gennady Khamelyanin/TASS

Sieben Basis-Biersorten wurden in der Sowjetunion gebraut, alle mit einem unterschiedlichen Alkoholanteil. Dies waren: Schiguljowskoje, Russkoje (Russisches), Moskowskoje (Moskauer), Ukrainskoje (Ukrainisches), Leningradskoje (Leningrader), Porter, Martowskoje (März) und Karamelnoje (Karamel).

1967 / Svet/RIA Novosti1967 / Svet/RIA Novosti

Auch die anderen Sowjetrepubliken produzierten ihre eigenen Biermarken. Dazu gehörten zum Beispiel: Bakinskoje Spezialnoje (Baku Spezial), Jerewanskoje Tjomnoje (Jerewan Dunkel), Minsker, Ferganskoje (Ferganer) und viele andere. Insgesamt wurden 350 Biermarken in der Sowjetunion gebraut. Natürlich gab es dabei viele Nachahmungen, erklärt Pawel Jegorow.

Russische Punker / Getty ImagesRussische Punker / Getty Images

In der Sowjetunion gab es Bier sowohl gezapft vom Fass als auch als Abfüllung im Glas. Das Flaschenbier wurde üblicherweise an den Wochenenden zuhause getrunken. Wenn jemand ein Bier vom Fass haben wollte, so musste er dieses an einer Bierbude, die es überall gab, kaufen. Im Sommer wurde Bier eiskalt serviert, im Winter wurde es warm gemacht. Die Sowjetbürger konnten Bier auch an Fasswagen, die ähnlich wie die Kwas-Wagen aussahen, erwerben.

Silvester, 30. December, 1987 / Nikolai Adamovich, Ivan Kurtov/TASS Silvester, 30. December, 1987 / Nikolai Adamovich, Ivan Kurtov/TASS

Niemand verzog das Gesicht, wenn Leute ihr Bier frühmorgens kauften, weil es abends keins mehr gab. Die Menschen waren bereit, sich mit ihren Gläsern und Krügen aller Größen in langen Schlangen nach einem frisch gezapften Bier anzustellen um ihren Durst zu stillen. Während des Anstehens kauten sie an getrocknetem Fisch.  

 / Kinopoisk / Kinopoisk

Jene Sowjetbürger, die ihr Bier nicht an den Buden trinken wollten, gingen in Bierhallen. Dort tranken sie in der Regel ein paar Becher und knabberten an ihrem „kaspischen Rotauge“ oder anderem Trockenfisch. Diejenigen, die es etwas hochprozentiger brauchten, schmuggelten Wodka mit rein, gossen das Zeug unter dem Tisch ein und spülten es mit Bier runter. Ganz Verwegene mixten Bier mit Wodka zum sogenannten Jorsch-Cocktail – einem sehr klassischen Getränk.

In der Bierstube des sowjetisch-westdeutschen Unternehmens "Leningrad-Tschajka" auf dem Leningrader Newskij-Prospekt sitzen die Direktoren Broder Drees und Oleg Tartakowskij (v.l.n.r.) zusammen. / Yuri Belinsky/TASSIn der Bierstube des sowjetisch-westdeutschen Unternehmens "Leningrad-Tschajka" auf dem Leningrader Newskij-Prospekt sitzen die Direktoren Broder Drees und Oleg Tartakowskij (v.l.n.r.) zusammen. / Yuri Belinsky/TASS

Eigentliche Bars entstanden erst in den 1970er Jahren. Schon das Wort „Bar“ an sich war eine Neuheit und klang in den Ohren der Menschen nach etwas westlichem. Diese Läden waren recht einfach eingerichtet. Es gab Fassbier, ein paar Snacks und sogar amerikanische Zigaretten, wenn man Glück hatte. Während der von Michail Gorbatschow initiierten Anti-Alkohol-Kampagne im Jahre 1985 durften die Bars geöffnet bleiben, weil Bier als weit weniger schädlich eingestuft wurde als Wodka.

Bawarskoje (Bayerisches)  / Vladimir Velengurin/TASSBawarskoje (Bayerisches) / Vladimir Velengurin/TASS

Obwohl es im Land nur relativ wenig Abwechslung bei den Biersorten gab, so wurde das Bier doch wenigstens frisch verkauft und hatte ein kurzes Verbrauchsdatum. Es wurde - in den Städten - auch nur einheimisches Bier verkauft. Wenn es alle war, musste auf neu Gebrautes gewartet werden. Harte Zeiten!

Brauerei "Rossija" in Kasnodar, Februar 1991 / Vladimir Velengurin/TASSBrauerei "Rossija" in Kasnodar, Februar 1991 / Vladimir Velengurin/TASS

Büchsenbier gab es in der Sowjetunion nicht. Nur in der Mitte der 1970er Jahre, kurz vor den Olympischen Spielen 1980 in Moskau, begann man, das Goldener Ring Bier in Büchsen zu produzieren. Allerdings war Metall teuer, sodass die Produktion nach der Olympiade wieder eingestellt wurde.

/ Igor Kostin/RIA Novosti/ Igor Kostin/RIA Novosti

Bier aus den sogenannten Bruderstaaten, Polen und Tschechoslowakei, gab es, allerdings war es stark limitiert. Ausländische Marken tauchten in den Geschäften erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf. Viele russische Betriebe begannen damit, das Bier internationaler Marken in Lizenz herzustellen. Nichtsdestotrotz, ist das Schiguljowskoje Bier in Russland immer noch sehr beliebt.

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