Craft Beer: Szenegetränk dank Wirtschaftskrise

Slava Petrakina
Das neue It-Getränk heißt Craft Beer – Bier, das in kleineren Mengen gebraut wird. Auf dem Weg zum Braumeister gibt es nur wenige bürokratische Hürden in Russland. Dadurch bleiben Qualität und Reinheitsgebot oft auf der Strecke.

Craft Beer ist zum gastronomischen Hit des vergangenen Jahrs geworden. Hinter dem Begriff steckt Bier, das in kleineren Mengen hergestellt wird. Immer mehr Brauhäuser sind entstanden, die nun um Marktanteile kämpfen. Die Wirtschaftskrise kam ihnen dabei entgegen, denn die Mieten für Bars sind drastisch gesunken. Das Bier ist zudem vergleichsweise preiswert. Allerdings ruft die Verlockung des schnellen Geldes mit Craft Beer auch Stümper auf den Plan: Oft wird nur minderwertige Ware angeboten.

Grund ist die Gesetzeslage. In Russland kann praktisch jeder Braumeister werden: „Bierbrauen erfordert im Gegensatz zum Vertrieb von Hochprozentigem kaum Genehmigungen“, erklärt Igor Bucharow, Präsident der Russischen Föderation der Gastronomen und Hoteliers. Der Trend des Craft Beers sei eben der aktuellen Situation geschuldet, meint er. Es ist das derzeit wohl preisgünstigste alkoholische Getränk.

Kirill Jeremejew, Geschäftsführer des Restaurants Erik Ryshi, stimmt Bucharow zu: „Statt zum Weintrinken trifft man sich heute auf ein Craft Beer. Wein ist sehr teuer geworden.“ Jeremejew kann zudem bestätigen, dass der Preisverfall auf dem russischen Immobilienmarkt den Siegeszug des Craft Beers begünstigt hat: „Es gibt zahlreiche gut gelegene Objekte zu einem zumutbaren Preis, die früher unerschwinglich teuer waren. Daher eröffnen nun überall neue Kneipen.“

Qualitätsunterschiede

Es gibt jedoch gravierende Qualitätsunterschiede beim Craft Beer. Denn richtig Bier brauen ist gar nicht so einfach. „Die Auswahl einer Brauanlage wird von mehreren Faktoren beeinflusst. Die wichtigsten Kriterien sind die Biersorte und die zu erwartenden Investitionskosten. Letzteres ist vor allem für Kleinunternehmen entscheidend“, erklärt Alexander Belkow, Inhaber der Brauerei Odna Tonna. Hinzu kommen Aufwendungen für das Personal. „Es gibt kaum unbeschäftigte qualifizierte Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt und eigene auszubilden, kostet viel Zeit und Geld. Nur wenige Hersteller von Craft Beer kümmern sich um die Reinheit ihres Produkts und unterhalten ein entsprechendes Labor mit einem Mikrobiologen“, erläutert Belkow.

Nach Angaben der RAR entfallen auf die Heimbrauer nur zehn Prozent des russischen Biermarkts. Die Statistik der russischen Steuerbehörde zählt 800 Heimbrauereien, die für die Bierproduktion autorisiert sind. Die Anzahl an inoffiziellen Bierbrauern liegt indes viel höher. Über eigene Großbrauanlagen verfügen nur die russischen Spitzenmarken. Einen weiteren großen Marktanteil haben sogenannte Vertragsbrauereien, die für die Bierherstellung lediglich Betriebshallen anmieten.

In manchen Brauereien entstehen häufig Biere mit nicht nachvollziehbarer mikrobiologischer Zusammensetzung, die zudem teurer sind, da in den Produktionskosten die Miete der Anlagen inbegriffen ist. Dabei ist die Brauereimiete nicht einmal rechtens, weil jeder Bierbrauer laut Gesetz seine eigene technische Ausstattung besitzen muss. Allerdings finden Produzenten immer wieder Schlupflöcher, indem sie angeben, dass das Bier zwar in einer fremden Brauerei, jedoch im Auftrag einer bestimmten Biermarke gebraut wurde.

Nicht genug für alle

Der Craft-Beer-Trend hat ein Überangebot an entsprechenden Pubs zur Folge. „Im Endeffekt haben wir eine Unmenge von Craft-Produkten, denen es an Individualität mangelt. Dies trifft sowohl auf die Biere als auch auf die Kneipen zu“, bedauert Restaurantinhaber Jeremejew. Für die Barbetreiber ist es schwierig, gutes Bier anzubieten. Nicht alle Produzenten stellen Qualitätsbiere her, die Nachfrage danach übersteigt das Angebot deutlich. Gute Kontakte zu den Bierproduzenten zahlen sich da in Form einer bevorzugten Belieferung aus. 

Alexander Malzew, Anteilseigner der Bar Rule taproom, kann den Angebotsmangel bestätigen. Biere russischer Hersteller, die länger als zwei Jahre auf dem Markt vertreten seien, Wegbereiter des Heimbraumarktes sowie renommierte Marken seien schwer zu bekommen. „Neue Brauereien kommen nach, die Qualität ihres Craft Beers reicht aber oft nicht an die Premiummarken heran“, bemerkt Malzew. Um die Nachfrage dennoch zu bedienen, greifen einige Bars auf Importbier zurück – dieses ist jedoch zwei- bis dreimal so teuer. Das Bier kommt aus Belgien, Großbritannien und Deutschland. Um echtes Craft Beer handelt es sich dabei natürlich nicht, betont Malzew.

Lesen Sie den kompletten Beitrag auf Gazeta.ru

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland

Weiterlesen

Diese Webseite benutzt Cookies. Mehr Informationen finden Sie hier! Weiterlesen!

OK!