Pawel Astachow: Russischer Kinderbeauftragter tritt zurück

Pawel Astachow.

Pawel Astachow.

Zurab Dzhavahadze/TASS
Pawel Astachow hat die russische Öffentlichkeit des Öfteren schon mit unangebrachten Äußerungen provoziert. Nun ist der Kragen geplatzt – in einer Petition an Wladimir Putin forderten viele den Rücktritt des Kinderrechtsbevollmächtigten des russischen Präsidenten. Mit Erfolg.

Mehr als 150 000 Menschen haben in nur einer Woche eine Online-Petition unterschrieben, die den Rücktritt des russischen Kinderbeauftragten Pawel Astachow forderte. Vor zehn Tagen, am 24. Juni, war das Gesuch an den russischen Präsidenten bei Change.org erschienen. Anlass war eine pietätslose Anmerkung des Ombudsmanns zum Tod von vierzehn Kindern auf dem Sjamosero-See gewesen. Bei einem Treffen mit den überlebenden Kindern hatte Astachow lächelnd gefragt: „Na, wie war das Schwimmen?“

Am vergangenen Donnerstag berichteten Medien, Astachow werde sein Amt als Ombudsmann niederlegen. Der Politiker selbst kommentierte die Gerüchte zunächst nicht. Erst als die russische Zeitung „RBC Daily“ unter Berufung auf Kremlkreise schrieb, der Bevollmächtigte habe einen Antrag auf Urlaub mit anschließender Amtsniederlegung beim Präsidenten eingereicht, äußerte sich Astachow. Er bestätigte tags darauf, Wladimir Putin „in einem ernsthaften Gespräch“ um Rücktritt ersucht zu haben. Kremlsprecher Dmitri Peskow gab am heutigen Montag bekannt, dass Astrachow auf eigenem Wunsch nach einem kurzen Urlaub sein Amt niederlegen werde.

Kein Fettnäpfchen ausgelassen

Seit 2009 war Pawel Astachow für den Schutz der Kinderrechte in der Russischen Föderation zuständig. In den sieben Jahren seiner Tätigkeit sorgte er häufig für Aufregung – mit Kommentaren unter der Gürtellinie. Zur Heirat einer 17-Jährigen mit einem 47 Jahre alten Sicherheitsbeamten in Tschetschenien sagte Astachow, derartige Hochzeiten seien normal, weil die Frauen im Kaukasus schneller reifen und altern würden: „Es gibt Orte, an denen Frauen schon mit 27 runzlig sind. Nach unseren Maßstäben sind sie dann 50“, erklärte der Kinderrechtsbeauftragte.

Die Nachricht über den Angriff eines Tigers auf ein 13-jähriges Mädchen, das dabei verletzt und entstellt wurde, kommentierte Astachow im April dieses Jahres mit den Worten: „Dummheit und Böswilligkeit. Der Darwin-Award wartet schon!“ Laut dem Ombudsmann hatte das Mädchen den

Zur Einführung der Sexualaufklärung als Schulfach erklärte der konservative Politiker 2014: „Immerzu werde ich gefragt, wann bei uns in Russland Sexualunterricht eingeführt wird. Meine Antwort ist: Nie!“ Die russische Literatur kläre ausreichend über Sexualität auf. Daraus sollten die Kinder die notwendigen Informationen ziehen, erklärte er.

Auch auf Kritik hat Astachow stets mit deutlichen Worten reagiert. 2013 nannte er Gegner, die seinen Rücktritt forderten, „Pädophile“. Zur Petition bei Change.org sagte er, sie werde ausschließlich von Bots und Ukrainern unterzeichnet. Die Betreiber des Portals haben das dementiert.

Die Petition läutete das Ende seiner Amtszeit ein

2012 hat sich Astachow vehement für ein Gesetz stark gemacht, das US-Bürgern die Adoption russischer Kinder verbietet. Benannt wurde es nach Dima Jakowlew, einem russischen Jungen, der von seinem US-amerikanischen Stiefvater fahrlässig getötet wurde.

Die Opposition kritisierte das sogenannte Dima-Jakowlew-Gesetz aufs Schärfste. Die Kritiker bezeichneten es als ein „Schurken-Gesetz“, weil es Heimkindern die Aussicht auf eine Familie – wenn auch eine im Ausland – nehme. Für Astachow war das kein Argument: Er sei grundsätzlich gegen Adoption im Ausland, erklärte er. „Dies erniedrigt unser Land und stellt es auf eine Stufe mit der Dritten Welt“, sagte der Ombudsmann. „Man hätte das Gesetz schon viel früher verabschieden müssen“, fügte er hinzu.

Astachows Rücktritt war nach der Veröffentlichung der Petition nur noch eine Frage der Zeit, wie der Politologe Waleri Solowei vom Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen in Moskau erklärt: „Astachow war wegen seiner Aussagen zu einem großen Ärgernis in der Öffentlichkeit geworden. Für die Regierung ist das im Vorfeld der Wahlen ungünstig, denn die Regierungspartei Einiges Russland schneidet bei den Umfragen schlecht ab. Die Machthaber wollen also alle loswerden, die die Umfragewerte weiter nach unten ziehen. Astachow war dafür der ideale Kandidat“, sagt der Experte.

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