Augustputsch 1991: Was wäre, wenn die Putschisten gewonnen hätten?

Der Präsident der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik Boris Jelzin feiert am Weißen Haus gemeinsam mit seinen Anhängern das Ende des Augustputsches.

Der Präsident der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik Boris Jelzin feiert am Weißen Haus gemeinsam mit seinen Anhängern das Ende des Augustputsches.

Andrei Babushkin / TASS
Im August 1991 übernahm das selbsternannte Staatskomitee für den Ausnahmezustand einen Versuch, die Sowjetunion zu retten. Er scheiterte kläglich. 25 Jahre danach fragen wir uns, was wäre, wenn die Putschisten Erfolg gehabt hätten.

„Landsleute! Bürger der Sowjetunion! Wir wenden uns an Euch in einer für das Schicksal unseres Vaterlandes und unserer Völker schwierigen, ja, kritischen Stunde! Unsere große Heimat schwebt in Todesgefahr!“ Mit diesen Worten alarmierte das selbsternannte Staatskomitee für den Ausnahmezustand am 19. August 1991 die Sowjetbürger. Die von Michail Gorbatschow initiierte Reformpolitik – ursprünglich konzipiert, um die Entwicklung des Landes und die Demokratisierung der Gesellschaft voranzutreiben – sei in eine Sackgasse geraten. Extremistische Kräfte würden die gewährten Freiheiten ausnutzen und die aufkeimende Demokratie mit Füßen treten. Sie hätten sich den Zerfall des Staates, die Auflösung der Sowjetunion und die Machtergreifung um jeden Preis zum Ziel gesetzt, so das Staatskomitee weiter. Von der Existenz des Komitees hörten die Sowjetbürger an diesem Tag zum ersten Mal.

Menschen stellen sich den Putschisten entgegen

Das Gremium wurde am Vortag von Spitzenvertretern der Sowjetführung gegründet. Unter ihnen waren KGB-Chef Wladimir Krjutschkow, Premierminister Walentin Pawlow und Vize-Präsident Gennadi Janajew. Dieser ernannte sich selbst per Verordnung zum Staatsoberhaupt, begründet mit einem angeblich schlechten Gesundheitszustand Gorbatschows. Der sowjetische Staatschef steckte derweil auf der Krim fest, wo er mit seiner Familie den Urlaub verbrachte.

Die Pressekonferenz des selbsternannten Staatskomitees für den Ausnahmezustand: Am 19. August 1991 wollten der Vize-Präsident der Sowjetunion Gennadi Janajew (zweiter von rechts) und seine Anhänger die Macht übernehmen. Foto: Vladimir Musaelyan / TASS Die Pressekonferenz des selbsternannten Staatskomitees für den Ausnahmezustand: Am 19. August 1991 wollten der Vize-Präsident der Sowjetunion Gennadi Janajew (zweiter von rechts) und seine Anhänger die Macht übernehmen. Foto: Vladimir Musaelyan / TASS

Michail Gorbatschow war vom 15. März 1990 bis zum 25. Dezember 1991 Präsident der Sowjetunion. Boris Jelzin war Präsident der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik – einer Teilrepublik der Sowjetunion – vom 12. Juni 1991 bis zum Zerfall der UdSSR. 
Das Staatskomitee verhängte eine Zensur und schränkte TV-Übertragungen ein. Das Fernsehen zeigte in einer Endlosschleife den Schwanensee – bis heute assoziieren einige das Ballett mit dem Augustputsch. Die Putschisten verlegten Truppen nach Moskau. Dennoch schafften sie es nicht, den Widerstand im Epizentrum – dem Weißen Haus – niederzuschlagen. Tausende Moskauer Bürger kamen, um das Regierungsgebäude zu verteidigen. Unter ihnen waren auch Anhänger Boris Jelzins, der zwei Monate zuvor zum Präsidenten der Russischen Sowjetrepublik (RSFSR) gewählt worden war. Für sie war der Putsch ein reaktionärer Versuch, in die Vergangenheit, in die Zeit vor der Perestroika zurückzukehren.

Jelzins Vertrauten gelang es, Gorbatschow nach Moskau zu bringen. Die Mitglieder des Staatskomitees wurden verhaftet – drei Tage lang waren sie an der Macht.

Boris Jelzin profitierte von dem Putsch, weil das Ansehen Michail Gorbatschows – und mit ihm der gesamten Sowjetführung und der Sowjetunion als politisches Projekt – schwer beschädigt war.

„Die Sowjetunion war zum Scheitern verurteilt“

Was aber wäre gewesen, hätte das Staatskomitee einen Sieg errungen? Wäre das überhaupt möglich gewesen?

Tausende Moskauer Bürger kamen, um das Regierungsgebäude zu verteidigen. Foto: Fedoseev / RIA Novovsti Tausende Moskauer Bürger kamen, um das Regierungsgebäude zu verteidigen. Foto: Fedoseev / RIA Novovsti

Der Politologe Alexei Sudin ist überzeugt, dass der Zerfallsprozess der Sowjetunion zum Zeitpunkt des Putsches eine unaufhaltsame Dynamik entwickelt hatte. „Ein Erfolg der Putschisten hätte die Agonie nur verlängert“, sagt der Experte. Die Sowjetunion sei zum Scheitern verurteilt gewesen – und mit ihr alle weiteren Schritte des Komitees.

Nach Ansicht Sudins bestand das Problem der Sowjetunion darin, dass der Führung bereits vor Gorbatschow eine strategische Vision für die Weiterentwicklung des Landes fehlte. „Die Sowjetführung glaubte nicht an die Ziele, die sie verkündete. Das war die Hauptursache für den Zerfall der UdSSR. Das Land hatte weder Ziele, noch Sinn für seine weitere Existenz“, sagt der Politologe.

Der ehemalige Präsidialamtsmitarbeiter und Chef der Nachrichtenagentur Regnum, Modest Kolerow, sieht ebenfalls nicht, wie und womit das Staatskomitee erfolgreich hätte sein können. Der Zentralstaat sei in den letzten Jahren der Perestroika – zwischen 1989 und 1991 – zerstört worden. Mehrere Republiken im Baltikum und dem Südkaukasus hätten bereits ihre Absicht erklärt, aus der Sowjetunion auszutreten. Zudem habe den Putschisten ein Reformprogramm gefehlt, betont der Politikexperte.

Ließ Unfähigkeit den Putsch scheitern?

Wiktor Militarew vom Rat für nationale Strategie, einem privaten Think-Tank, ist hingegen überzeugt, dass die Putschisten eine Chance hatten. Das Scheitern des Komitees sei auf ihre misslungene Öffentlichkeitsarbeit zurückzuführen: „Ihre öffentlichen Auftritte wurden als Bedrohung empfunden“, sagt der Experte. Doch die Putschisten hätten eine Politik verfolgt, die vom Vorhaben Gorbatschows im Grunde nicht abgewichen sei: „Aus den Auftritten des Komitees lässt sich nicht ableiten, dass sie wirklich eine Diktatur wollten. Sie hatten die gleichen Ziele wie Gorbatschow auch – den Erhalt einer reformierten Sowjetunion“, so Militarew.

Dmitrij Andrejew, Politologe und Historiker an der Moskauer Lomonossow-Universität, stimmt dem zu und betont: „In der Ansprache des Komitees an die Sowjetbürger war von unternehmerischer Freiheit, Demokratie und Bekämpfung der Kriminalität die Rede. Das Komitee hätte erfolgreich sein können, hätten sich die Mitglieder besser auf die Machtergreifung vorbereitet. Von einem strategischen Standpunkt betrachtet wurde 1991 alles sehr schlecht umgesetzt“, urteilt der Historiker.

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