Warum Pjotr Pawlenski aus Russland floh

Pjotr Pawlenski mit seiner Frau Oksana Schalygina.

Pjotr Pawlenski mit seiner Frau Oksana Schalygina.

Reuters
Der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski hat Russland verlassen, um in Frankreich politisches Asyl zu beantragen. Die Geschichte dahinter weckt Zweifel.

Es waren nicht die zahlreichen Strafverfahren wegen Randalierens und Vandalismus, die Pjotr Pawlenski angehängt wurden, weil er unter anderem seine Hoden auf dem Roten Platz festnagelte. Es war auch nicht die enorme Geldstrafe von einer halben Million Rubel (7 900 Euro), die er bezahlen musste, weil er am Sitz des russischen Geheimdienstes FSB eine Tür in Brand steckte. Der Aktionskünstler Pjotr Pawlenski musste seinen Kampf gegen das russische System einstellen, weil ihm Vergewaltigung vorgeworfen wird.

Bereits Ende vergangenen Jahres floh Pawlenski mit seiner Familie nach Frankreich, wo er um politisches Asyl bitten will. Den Vorwurf der Vergewaltigung, der auch gegen seine Frau und Weggefährtin Oksana Schalygina gerichtet ist, bezeichnet er als politisch motiviert.

Pawlenski glaubt an eine Verschwörung

Alles soll am 14. Dezember 2016 begonnen haben, als das Paar aus Warschau in Moskau landete. Am Flughafen warteten bereits Mitarbeiter der Polizei. Laut Pawlenskihabe man sie nach sieben Stunden Verhör mit den Worten entlassen: „Wir werden alle Beweise sammeln. Heute könnt ihr gehen, aber Ihr seid beim ersten Anruf wieder hier.“

Noch am selben Tag sollen Pawlenski und seine Familie über Belarus in die Ukraine gereist und von dort nach Frankreich geflogen sein. Im Falle eine Verurteilung droht dem Paar eine Haft von bis zu zehn Jahren. Dann würden ihre beiden Töchter in Kinderheimen untergebracht werden.

Im November 2013 nagelte Pawlenski seine Hoden auf dem Roten Platz fest. / ReutersIm November 2013 nagelte Pawlenski seine Hoden auf dem Roten Platz fest. / Reuters

Das Paar wurde von Anastasia Slonina, einer Schauspielerin am Moskauer Teatr.doc, angezeigt. „Pawlenski und Schalygina riefen sie an und luden sie zu sich ein. Sie ging hin. Dann fand eine versuchte Vergewaltigung statt, sie erlitt Stichwunden, die nicht lebensgefährlich waren. Sie verließ die Wohnung mit Schnittwunden in den Fingern und fast nackt. Das war im Dezember“, erzählte Wsewolod Lisowski, Produzent von Teatr.doc, der „Nowaja Gaseta“. Slonina selbst spreche nicht über den Vorfall.

Pawlenski glaubt an eine Verschwörung. „Jeder wusste, dass Oksana und ich eine offene Beziehung führen, wir erkennen die Ehe nicht an. Deshalb hat man es auf uns abgesehen. Ich kann nicht sagen, wie lange Slonina mit der Polizei zusammenarbeitet und was sie sich dadurch erhofft“, kommentierte der Aktionskünstler.

Unterstützung erhält Pawlenski von Künstlerkollegen. „Nachdem die Behörden Pussy Riot buchstäblich zu Heldinnen gemacht haben, indem sie sie für ihre Aktion inhaftierten, ist es durchaus möglich, dass sie Pjotrs Ruf nun über die Geheimdienste zerstören wollen“, vermutete Marat Gelman, ein berühmter russischer Kunstsammler, in einem Gespräch mit RBTH.

Die Indizien sprechen gegen ihn

Doch nur wenige Stunden, nachdem die Flucht des Aktivisten bekannt wurde, machten die Künstler von Teatr.doc auf einen weiteren Fall aufmerksam. Gemeinsam mit seiner Frau und einigen Kollegen habe Pawlenski auf Anastasia Sloninas Ex-Freund eingetreten. Als Beweis wurden Aufnahmen einer Überwachungskamera im Netz veröffentlicht. Gesichter sind allerdings nicht zu erkennen. Pawlenski räumte ein, es habe eine Auseinandersetzung gegeben, doch von einem Strafverfahren wisse er nichts.  

Im Februar 2014 ließ Pawlenski in Sankt Petersburg eine Aktion namens "Freiheit" stattfinden, indem er Autodecken im Stadtzentrum anzündete. Diese Aktion war die Anspielung auf Maidan-Proteste in Kiew.  / ReutersIm Februar 2014 ließ Pawlenski in Sankt Petersburg eine Aktion namens "Freiheit" stattfinden, indem er Autodecken im Stadtzentrum anzündete. Diese Aktion war die Anspielung auf Maidan-Proteste in Kiew. / Reuters

Aber auch Personen, die Pawlenski nahestehen, erklärten, er hätte das Land nicht verlassen, wenn es nicht eine begründete Gefahr für eine Freiheitsstrafe gäbe. Die Berichte von Teatr.doc machten eine politische Verfolgung sehr unwahrscheinlich.

„(Pawlenski und seine Frau) flohen vor einer strafrechtlichen Verfolgung aufgrund sexueller Übergriffe. Es stellt sich eine Frage – wie konnte ihnen (die Flucht) gelingen und warum hat man sie überhaupt gehen lassen?“, bemerkte Anton Litwin, selbst Aktionskünstler und Inhaber der Galerie Ru.Litwin, in einem Gespräch mit RBTH. 

„Meiner Meinung nach findet hier keine politische Verfolgung statt“, erklärt Litwin, „für was denn? Pawlenski ist ein Einzelgänger und arbeitet nur für sich selbst. Er vereint keine Menschen, im Gegenteil.“ Pawlenskis Aktionen unterstützten das System, da seine kontroversen Aktionen den liberalen Teil der Bevölkerung spalten würden. „Pawlenski und Schalygina sind zu weit gegangen. Das, was für sie eine offene Beziehung ist, war für die Schauspielerin Gewalt“, fügte er hinzu.

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