Militärübungen: Warum Russland keine Statisten einsetzt

Soldaten während einer russisch-belarussischen Militärübung.

Soldaten während einer russisch-belarussischen Militärübung.

Maksim Blinov/RIA Novosti
Zivilisten als Darsteller bei Militärübungen einzusetzen – davon hält Russland nichts. Das Motto lautet: Im Krieg kämpfen Soldaten gegen Soldaten. Manchmal aber auch gegen Attrappen.

Soldaten während einer russisch-belarussischen Militärübung.  / Maksim Blinov/RIA NovostiSoldaten während einer russisch-belarussischen Militärübung. / Maksim Blinov/RIA Novosti

Medien berichteten Ende März über eine sehr spezielle Stellenausschreibung: Das US-Militär sucht für seine Militärübungen Statisten. Die Rollenspieler sollen die Zivilbevölkerung mimen, wodurch das Übungsszenario für die US-Soldaten realistischer wird. Die russische Armee nutzt solche Methoden zwar nicht, doch für sie sind Militärübungen von großer Bedeutung.

Der Realität angepasst

Während der jüngsten Militärübungen mussten russische Soldaten auf einen Probealarm reagieren und zwar in verschiedenen Teilen des Landes. Dafür wurden Personen und Fahrzeuge aus Zentralrussland nach Sibirien und in den Fernen Osten verlegt. Künstlich angelegte Dörfer für Nukleartests sowie Statisten für die Darstellung von Zivilbevölkerung gab es dort nicht – sie sind sehr teuer und unpraktisch. Außerdem sind nicht die Zivilbevölkerung, sondern Streitkräfte das Ziel der russischen Armee. Bei den Übungen wird in Russland zwar noch alte Militärtechnik eingesetzt, doch nicht nur.  

Soldaten mit weißen Tarnanzügen bei einer groß angelegten Militärübung mit russischen Fallschirmjägern im Februar 2016. / Sergei Konkov/TASS Soldaten mit weißen Tarnanzügen bei einer groß angelegten Militärübung mit russischen Fallschirmjägern im Februar 2016. / Sergei Konkov/TASS

So werden in einer Fabrik eigens für die russischen Streitkräfte aufblasbare Attrappen von Militärtechnik hergestellt. Diese Attrappen sind keine großen Spielzeuge, sondern echte technische Geräte. Die Panzerattrappen werden aus einem metallisierten Material auf Gummibasis hergestellt – auf den Monitoren der Ortungsgeräte werden sie wie die echten Panzer angezeigt. Sogar im Infrarotspektrum sind sie zu sehen. Außerdem unterscheiden sich die Attrappen äußerlich kaum von ihren Vorbildern: Sie sind mit einem drehbaren Geschützturm und Kraftstoffbehälter ausgestattet.

Nach derselben Machart werden auch für fast jede andere Art von Militärtechnik Attrappen produziert. Dank neuer Entwicklungen in diesem Bereich ist der Einsatz von Schützenpanzer-Attrappen aus Furnier nicht mehr notwendig. Das verbessert die Qualität der Übungen. Moderne Kriege werden unter Einsatz der neusten Entwicklungen aus Wissenschaft und Technik geführt und vor diesem Hintergrund sind solche Innovationen von besonderer Bedeutung.

In den vergangenen Jahren werden groß angelegte Militärübungen in Russland wieder regelmäßig durchgeführt. Anders nach dem Zerfall der Sowjetunion: Damals erlebte die Armee nicht gerade ihre besten Zeiten – die Soldaten mussten wegen Geldmangels Übungen in Kasernen absolvieren.  

Militärübungen sind Chefsache

Militärübungen haben in Russland Tradition. Früher dienten sie oft dazu, die Kondition der Soldaten, ihre Uniformen, Ausrüstung und Waffen zu demonstrieren. Diese Übungen waren in der Regel mit wichtigen Staatsbesuchen zeitlich abgestimmt. So war im zaristischen Russland der Zar selbst bei den Übungen der Zarenarmee anwesend.  

In der Sowjetunion wurden die Militärübungen ausgedehnt. In den 1930er-Jahren begann die UdSSR – als erster Staat überhaupt –, größere Manöver unter Einsatz von Luftstreitkräften durchzuführen. 1935 fand bei Militärübungen in der Ukraine und Belarus in Anwesenheit sowjetischer und ausländischer Generäle eine Landungsmission mit jeweils 3 700 und 5 700 teilnehmenden Soldaten statt. Die Operation war dermaßen beeindruckend, dass sogar europäische Medien darüber berichteten. Keine andere Armee hatte damals schon etwas Ähnliches getan.    

Im September 1966 wurde die Übergabe einer Militärkarte von einem Hubschrauber an Bodentruppen geübt.  / Yevgeny Kassin, Mark Redkin/TASSIm September 1966 wurde die Übergabe einer Militärkarte von einem Hubschrauber an Bodentruppen geübt. / Yevgeny Kassin, Mark Redkin/TASS

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ man sich bei der Durchführung solcher Militärübungen von den wichtigsten Prinzipien der Kriegswissenschaft leiten. Anfang der Fünfzigerjahre übten die Weltmächte den Einsatz von Nuklearwaffen, um die Befestigungen des Gegners im Falle einer Konfrontation zu durchbrechen. 1954 fanden deswegen ausgedehnte Militärübungen auf dem Militärstützpunkt in Tozk im Süden des Urals statt. Um die Folgen eines Atomangriffs zu testen, wurden im Epizentrum kilometerlange Befestigungen errichtet und Dutzende alte Militärgeräte platziert. 45 000 Soldaten waren an den Übungen beteiligt.   

Die größten Militärübungen in der Geschichte der russischen Armee aber waren die Übungen unter dem Titel „Sapad-81“ („West-81“) im Jahr 1981 an der westlichen Grenze des Landes. Mehr als 100 000 Soldaten und Tausende von Panzern und Kampfjets waren im Einsatz. In ihrem Ausmaß waren diese Übungen mit den größten Kampfeinsätzen im Zweiten Weltkrieg vergleichbar. 

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