Sotschi statt Côte d‘Azur

Sotschi macht europäischen Urlaubsorten in der Krise zunehmend Konkurrenz.

Sotschi macht europäischen Urlaubsorten in der Krise zunehmend Konkurrenz.

Sergej Fadejetchew/TASS
Russen machen immer häufiger Urlaub in der Heimat. Im ersten Halbjahr 2015 buchten gerade einmal 5,4 Millionen Russen einen Urlaub im Ausland. Das ist ein Rückgang um 34 Prozent.

Eigentlich gehörten sie schon längst zum Bild der europäischen Urlaubs-regionen. Jedes Jahr kamen immer mehr russische Touristen. Während des Wirtschaftsbooms der letzten anderthalb Jahrzehnte wuchsen die Zahlen im zweistelligen Bereich.

London und die Côte d´Azur etwa standen bei der russischen Elite hoch im Kurs. Die erschwinglicheren Urlaubsregionen in Spanien und der Türkei waren auf der Beliebtheitsskala der Mittelschicht ganz oben. Sogar nach der globalen Wirtschaftskrise 2009 fing die Welle reiselustiger Russen den Rückgang des Binnentourismus in Europa auf.

Cannes war lange Zeit eine Spielwiese für Hollywoodstars und den Adel. In der letzten Dekade aber sorgten eher die Moskauer Neureichen für Gesprächsstoff. Im laufenden Jahr wandelte sich die Situation: Die Einheimischen erklären unisono, dass die Zahl russischer Besucher dramatisch eingebrochen ist. Natürlich sind Cayennes und Land Cruiser mit Moskauer oder Petersburger Kennzeichen im Straßenbild nach wie vor präsent. Doch es werden weniger. 
Probe aufs Exempel

Ein weiteres wichtiges Barometer in Cannes sind die russischen Geschäfte, deren Kunden fast ausschließlich die Touristen aus dem Osten sind. Der russische Laden im Californie-Viertel ist so authentisch, dass er ohne Weiteres auch ein „Magasin“ im südrussischen Krasnodar sein könnte. Marcel, der Besitzer, gibt zu: Das Geschäft ist am Boden. „Die Besucherzahlen sind in diesem Jahr enorm gefallen. Ich würde schätzen, so um 30 Prozent. Gut, dass viele Russen ständig in Cannes leben und unseren Service brauchen“, sagt er.

Wo seine fehlenden Kunden hingegangen sind, ist für den Ladenbesitzer kein Geheimnis. „Sotschi. Größtenteils sind sie dort“, sagt der Geschäftsmann. „Vielleicht ziehen wir ja dorthin und machen einen französischen Laden auf“, scherzt seine Frau Tanja.

Der wohlsituierte Süden Frankreichs ist nicht der alleinige Leidtragende: Reisen aus Russland in die Türkei gingen von zwei auf 1,4 Millionen zurück, Trips nach Deutschland ließen um 30 Prozent nach und Urlaub in Griechenland fiel ins Wasser, mit einem Schwund von 54 Prozent. Selbst das preisgünstige Bulgarien musste Besuchereinbußen hinnehmen: 36 Prozent. 

Urlaubsländer auf Ideensuche

Auch Spanien hatte mit jährlich sinkenden Zahlen russischer Touristen zu kämpfen. Der Rückgang: satte 41 Prozent. Das seit Jahren leidgeplagte Ägypten ließ sich etwas einfallen, um den russischen Markt zu halten. Kairo ermöglichte Reiseveranstaltern aus Russland ihre Dienstleistungen in Rubel statt in Dollar abzurechnen. Durch diesen weitsichtigen Schritt scheint das nordafrikanische Land die Türkei als das größte Reiseland der Russen abzulösen.

Von dem Problem nicht minder betroffen ist auch Bella Italia. Die Verluste von 31 Prozent steckt das Land nicht locker weg, will sich aber aufrütteln. Die italienische Botschaft in Moskau startete eine russischsprachige Website mit dem Namen „La tua Italia“ (Dein Italien). Potentielle russische Touristen sollen sich so über Reiseziele in Italien informieren können. Spezielle Aufmerksamkeit gilt natürlich der Expo in Mailand. Billigflügen kommt eine eigene Rubrik zu. Auch Rabatte werden angeboten. Doch scheint dies alles nur wenig zu nützen, Marktakteure zeigen sich pessimistisch: „Zwar halten sich die Zahlen meiner russischen Gäste stabil. Aber so wie früher ist es schon lange nicht mehr. Meine Freunde, die Restaurants und Geschäfte betreiben, sagen das auch. Nach allem, was ich von der italienischen Regierung gehört habe, sind es heute fast 80 Prozent weniger Russen als vorher“, sagt der toskanische Hotelier Byron Salvatore Madonna.

Historischer Tiefststand

Die Zahlen des russischen Tourismusverbands belegen es: Solch drastische Einbußen musste die russische Reisebranche noch nie einstecken. Nicht mal 1998, während der Staatspleite. Auch nicht 2009, als die Weltwirtschaft kollabierte. Damals betrugen die Rückgänge 24 und 23 Prozent. Aufgrund restriktiver Visabestimmungen in europäischen Ländern sind Reisebüros in Russland nach wie vor gefragt. Die Do-it-yourself-Ferien im Billigfliegerformat konnten sich bislang nicht durchsetzen. Also bedroht die gegenwärtige Krise Tausende von Jobs.

Doch die Reiseveranstalter stehen nicht nur vor wirtschaftlichen Problemen. Seit dem 14. September müssen alle Russen Fingerabdrücke einreichen, um ein Schengen- Visum zu bekommen. Den um Kunden kämpfenden Reiseländern Europas wird das nicht gerade helfen. Zudem hat der Kreml seine Sicherheitsbeamten angewiesen, Reisen ins Ausland zu vermeiden.
In der Rubelkrise halbierte sich für die Russen die Kaufkraft im Ausland. Wenn die westlichen Sanktionen gegen Russland andauern werden und der globale Ölpreis weiterhin schwächelt, dürfte noch viel Zeit vergehen, bis die Zahl russischer Touristen wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Derweil verzeichnen inländische Reiseziele Besucherrekorde. Wladiwostok und Sotschi empfangen mit offenen Armen die Reiselustigen, die sich vor Kurzem noch an den Stränden in Thailand oder auf Marbella zusammendrängten. Der Goldene Ring im Moskauer Umland profitiert ebenfalls von Russen, die Strandurlaub gegen Kulturreise tauschen. „Menschen fangen an, im eigenen Land zu verreisen, und finden heraus, dass es gar nicht so gruselig ist, wie sie dachten“, betont Irina Schegolkowa von der russischen Tourismusbehörde Rosturism.

Ferienorte mit Kultstatus

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