Baltijsk: Die westlichste Stadt Russlands

Viktor Koshelev
Menschenleere, glitzernde Sandstrände, post-apokalyptisch anmutende Metallbauwerke und eine erfrischende Ostsee – Baltijsk in der Oblast Kaliningrad ist ein Geheimtipp für Entdecker und Abenteuerlustige.

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Lange Zeit war Baltijsk für Besucher geschlossen. Der Hauptstützpunkt der russischen Ostseeflotte wurde größtenteils von jungen Marinesoldaten und ihren Familien bewohnt. Nach dem Wehrdienst zogen die meisten von ihnen in Gegenden mit einladendem Klima und besseren Arbeitsmöglichkeiten. Trotz dieser demografischen Herausforderung ist Baltijsk eine der jüngsten Städte Russlands: Die meisten ihrer Einwohner sind Mitte 30.

Die touristische Infrastruktur der Stadt hingegen ist sehr alt. Die Bahnstrecke etwa, die Baltijsk mit Kaliningrad verbindet, ist immer noch nicht elektrifiziert – die Lokomotiven werden mit Diesel betrieben. Dennoch ist Russlands westlichste Stadt einen Besuch wert, und das hat gleich mehrere Gründe.

Tanzende Dünen und Bernstein-Strände

Eine Landzunge schließt südwestlich der Stadt die Bucht von Kaliningrad ein. Derart weite und breite Sandstrände wie hier sind in der Region nirgends sonst zu finden. Die größte Attraktion sind dabei die tanzenden Dünen – bis zu 40 Meter werden sie hoch. Und sie können buchstäblich wandern, je nach Windrichtung. Bei Spaziergängen und Radtouren ist allerdings Vorsicht geboten: Unter dem Sand können sich riesige Löcher verbergen – versteckte Eingänge zu unterirdischen Bunkern, die die Erinnerung an Kriegszeiten wach halten.

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Ansonsten bestechen die Strände durch ihren gelblichen Schimmer. Diesen verleihen dem Sand die zahlreichen Bernsteinstückchen, die bei Stürmen ans Land gespült werden. Über Jahrhunderte trieb das Bernsteinfieber Schatzjäger in die Region. Und auch heute stehen die Chancen trotz der industriellen Gewinnung des natürlichen Bernsteins nicht schlecht, ein glänzendes Souvenir von der Ostsee mit nach Hause zu nehmen.

Zu erreichen ist die Landzunge mit einer Fähre, die in Baltijsk ablegt. Die bequemere Variante ist die Überfahrt in einem Motorboot, die viele Privatleute anbieten. Beide Möglichkeiten sind günstig, die Überfahrt dauert knappe 20 Minuten.

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Neben riesigen Kriegsschiffen und kleinen Fischerbooten besiedeln auch Schwäne die Hafenbucht. Sie sind von den Einheimischen derart verzogen worden, dass sie bei den Passanten unablässig nach Futter betteln. Übrigens eine Besonderheit in der dünnbebauten Kleinstadt: Der spärlichen Nachtbeleuchtung wegen erstrahlt der Sternenhimmel über Baltijsk in seiner vollen Pracht.

Das ganze Jahr über wehen in Baltijsk starke Winde – ein Segen für Segelsportler. Und: Da die Strände bislang touristisch kaum erschlossen sind, kann man in aller Ruhe trainieren, ohne wertenden Blicken der Strandbesucher ausgeliefert zu sein.

Deutsches Erbe: Von alt bis apokalyptisch

Wer von Sport und Naturabenteuern genug hat, kann sich im Stadtkern von Baltijsk auf Entdeckungstour machen. Im Herzen der Stadt, die im 14. Jahrhundert gegründet wurde, steht die sternförmige Zitadelle Pillau – sie sticht durch die exakte Form eines fünfeckigen Sterns hervor. Seit Jahrhunderten dient das robuste Bauwerk aus Backstein als Militäranlage, und das bis heute.

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Das deutsche Erbe ist in der Stadt allgegenwärtig. Davon zeugen zahlreiche Wohngebäude vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die damals für die Soldaten des Deutschen Reichs erbaut wurden. Das älteste Bauwerk ist wohl die St.-Georgs-Kapelle. Die im gotischen Stil erbaute Kathedrale ist heute eine russisch-orthodoxe Kirche. Der deutsche Friedhof sieht inzwischen wie ein Landschaftspark aus, mit einigen hier und da stehenden weißen Kreuzen unter großen Bäumen.

Außerhalb der Stadt, mitten auf der Landzunge, finden sich weitere Hinterlassenschaften der Deutschen – riesige Metallkonstruktionen: ehemalige Flugzeughangars. Hier ist von Idylle keine Spur mehr, die post-apokalyptisch anmutende Landschaft ist ein Magnet für Fotografen und Science-Fiction-Fans. Der Neutief-Stützpunkt wurde in den 1930er-Jahren erbaut. Seine Start- und Landebahnen wurden im 45-Grad-Winkel zueinander angeordnet und beheizt, sodass die Flugzeuge bei jedem Wind und Wetter starten konnten.

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Das architektonische Highlight der Stadt ist jedoch der 33 Meter hohe, aus Holz erbaute Leuchtturm aus dem Jahr 1741. Im 18. Jahrhundert wurde er mit Pflanzenöl befeuert, danach mit Kerosin. Heute ist das Leuchtfeuer elektrisch und auf einer Entfernung von 16 Seemeilen sichtbar.

Und noch ein Tipp für Schiffsliebhaber: Am 9. Mai, dem Tag des Sieges, und am letzten Sonntag im Juli findet in Baltijsk traditionell eine Flottenparade statt. Die russische Ostseeflotte präsentiert all ihre Schiffstypen, auch ihre U-Boote. Wer an den Tagen nicht dabei sein kann, der hat jeweils eine Woche zuvor die Chance, die Show mitzuerleben: Dann nämlich wird die Schiffsschau geübt.

So weit das Auge reicht: Russlands schönste Aussichten