Die Stadt der vielen Sprachen: Wie lebt es sich in Machatschkala?

Iljas Hadschji
Viele Touristen trauen sich nicht in die kaukasischen Berge. Doch die dagestanische Hauptstadt Machatschkala hat einiges zu bieten. RBTH hat sich in der Stadt umgeschaut und berichtet aus dem Alltag der Menschen, die hier, ganz im Süden Russlands, leben.

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Obwohl Machatschkala oft wegen vieler lokaler Konflikte in den Nachrichten erwähnt wird, stehen die Einwohner der Stadt für ein friedliches Miteinander. Alles andere wäre auch schwer vorstellbar, an einem Ort nahe dem Kaspischen Meer, in dem die Sonne ganze 310 Tage im Jahr scheint und das von traumhaft schönen Bergen umgeben ist. „Hier, umgeben von Wasserfällen und wirbelnden Adlern, scheint alles möglich und unmöglich zugleich“, schreibt auch der Journalist Jaime Rann im „Calvert Journal“.

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Berge und Schluchten bedecken mehr als die Hälfte der Republik Dagestan, deren Hauptstadt Machatschkala ist. Die Oblast grenzt an Aserbaidschan im Süden, an die russische Republik Tschetschenien im Westen, an Georgien im Südwesten und an die russischen Regionen Stawropol und Kalmückien im Norden. Das dagestanische Derbent ist eine der ältesten Städte der Welt, die in ihrer Geschichte bereits von Orthodoxen, den Chasaren, den Tatar-Mongolen, dem arabischen Kalifat und den russischen Zaren regiert wurde. Dagestanische Ringkämpfer gewinnen bei internationalen Wettbewerben und Olympischen Spielen. Aufgrund der konservativen Traditionen müssen Frauen und Minderheiten in der Region aber noch immer um ihre Rechte kämpfen. Es ist eine Welt, in der die Menschen vor Freude Lesginka tanzen.

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Im Internet warnen andere Länder ihre Bürger, dass Reisen durch den nördlichen Kaukasus nicht empfohlen seien, und Touristen selbst fragen ängstlich in Lonely-Planet-Foren, welche Orte ungefährlich wären. Auch deshalb kommen nur wenige Ausländer nach Dagestan: Die Städte ähneln Dörfern, in denen jeder jeden kennt, und Zugereiste sind leicht auf den Straßen zu erkennen. Doch niemand behandelt sie feindselig. Nach einem kurzen Plausch aus Neugierde eilen Einheimische meist einfach weiter.

Touristen sind gern gesehen

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Machatschkala ist eine junge Stadt im Kaukasus. Mehr als eine halbe Million Menschen leben hier, 160 Jahre nach ihrer Gründung. Auf den Straßen der Stadt hört man Awarisch, Nogaisch, Lesginisch und elf andere Sprachen, die hier zusammen mit Russisch als offizielle Sprachen gelten.

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Doch die wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt ist die „jüngere Schwester“ der Istanbuler Blauen Moschee, die Juma-Moschee Machatschkala, die bis zu 16 000 Gläubige gleichzeitig fasst. „Das Freitagsgebet in der Juma-Moschee setzt endlose Menschenmassen in Bewegung und verursacht riesige Staus“, erzählt Wladimir Serwinowskij, Reiseführer und Forscher im Bereich der kaukasischen Kultur. „Zugleich aber wirkt die Stadt wie ein Naturschutzgebiet, in dem sowjetische Intellektuelle der 1980er-Jahre überlebt haben.“

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Obwohl sich 90 Prozent der Einwohner Machatschkalas zum Islam bekennen, existieren auch Tempel anderer Religionen: Orthodoxe Kirchen und Synagogen befinden sich in der Stadt. Auf den Straßen sieht man Frauen sowohl in traditioneller Kleidung, die den Kopf, die Arme und die Beine bedeckt, als auch Liebhaberinnen ganz anderer Stilrichtungen. Für Touristen gibt es keinen Dresscode: Den Kopf bedecken und einen langen Rock tragen müssen Frauen nur, wenn sie die Moschee besuchen wollen. Die Reiseführerin Jana Martirosowa gibt jedoch zu bedenken, dass Dagestan ganz im Süden Russlands liegt. Deswegen könne man leicht einen Sonnenbrand bekommen. Und Machatschkala gehört tatsächlich zu den fünf heißesten Städten Russlands: Die durchschnittliche Temperatur beträgt im Sommer mehr als 30 Grad.

Das Stadtbild wandelte sich

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Die Strände Machatschkalas pulsieren am Nachmittag vor Leben. Neben dem Schwimmen und Sonnenbaden spielt man hier Domino oder handelt gar. „Wir können uns nicht beklagen: ruhige Menschen, keine Eile, laute Musik oder betrunkene Gesellschaften“, sagt auch der Tourist Sergej Kudrjaschow, der hier mit seiner Familie den Urlaub verbringt. In Machatschkala gibt es zudem auch einen „geschlossenen“ Strand. Der Abschnitt „Gorjanka“ (zu Deutsch: Bergebewohnerin) ist speziell für Frauen angelegt, aber die meisten bevorzugen trotzdem den gewöhnlichen Stadtstrand.

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Das moderne Machatschkala ist „disproportional“, meint Serwinowskij. Die Planung der Stadt würde avantgardistische Künstler begeistern, die gerne in einem Bild da ein Ohr malen, wo eine Nase sein sollte, findet er. Nicht immer sah Machatschkala so aus: 1970 zerstörte ein Erdbeben große Teile der Stadt und nach dem Ende der Sowjetunion veränderten Wirtschaftskrisen und eine starke Abwanderung der Bevölkerung die Stadt zusätzlich.

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„In den letzten 20 Jahren hat sich hier vieles verändert: die Bevölkerung in erster Linie, aber auch die Infrastruktur“, schreiben Polina Sanajewa und Swetlana Anochina, zwei Journalistinnen aus Dagestan. Ihr Buch „Es gab eine solche Stadt“ ist dem Bild des damaligen und heutigen Machatschkalas gewidmet. Es ist eine Art Familienalbum mit 1 500 Fotos und Erinnerungen von 83 Einwohnern. In den 1990er-Jahren verließen viele Bewohner die Stadt wegen der wirtschaftlich schwierigen Lage oder militärischen Konflikten. Unter ihnen waren viele gebildete Menschen. Ihren Platz haben Dagestanis aus den Bergdörfern eingenommen. „Jetzt hat Machatschkala ein völlig anderes kulturelles Gesicht“, sagt Magomedrasul Magonedow, der in der Stadt lebt.

Wer am besten kocht, bleibt umstritten

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„Das Zentrum der Stadt rund um das Parlament und die Universität sind jene Orte, an denen man friedlich spazieren kann, und es ist möglich, an der Küste des Kaspischen Meeres zu bummeln“, schreibt ein Besucher auf Reddit. „Der zentrale Markt in Machatschkala ist das größte Open-Air, das ich je in Russland gesehen habe. Und außerdem: Probieren Sie mal den Lamm-Döner an der Nördlichen Busstation.“

Dagestanisches Lammfleisch wurde zu einer bekannten Marke –sogar Moskauer Restaurants kaufen es. Aber die Menschen vor Ort haben wenig Lust darauf, jeden Tag dasselbe Essen zu essen. Deshalb probieren sie auch verschiedene Arten der dagistanischen Chinkala, den jede der hier lebenden Volksgruppen auf eigene Weise zubereitet und der den georgischen Chinkali kaum ähnelt. „Die nationale Zugehörigkeit dieser oder jener Art Chinkala oder Fleischpasteten Tschudu kann scherzhafte Streitigkeiten zwischen den Bewohnern hervorrufen“, erzählt Martirosowa. Aber gestritten wird nicht nur wegen des Essens: Dagestan hat seinen eigenen Fußballverein, Anschi Machatschkala. Deshalb sind hier auch Konflikte mit den Fans gegnerischer Mannschaften keine Seltenheit.

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