Eine sibirische Liebesgeschichte: Flucht in die Entschleunigung der Taiga

9. Juli 2017 Julia Schandurenko
Downshiftig auf Russisch: Diese junge Familie ist aus der Bequemlichkeit der Stadt in die Unberechenbarkeit der sibirischen Wildnis gezogen. Und sie bereuen nichts. Hier erzählt die Mutter, warum.

 / Elena Besedina / Elena Besedina

Das ist Elena Besedina aus Sibirien - Künstlerin, Fotografin, Ehefrau eines Reisenden und Mutter zweier Kinder. Zu viert lebt die Familie in einem kleinen Holzhaus im dichten Walt der Taiga in Jakutien (Republik Sacha), über 5000 Kilometer von Moskau entfernt.

 / Elena Besedina/ Elena Besedina

Noch bevor sie ihren Mann kennenlernte, arbeitete sie in Chelyabinsk im Ural. Aber als Paar entschieden sie sich dann zu einer radikalen Veränderung in ihrem Leben: Sie gaben ihr Stadtleben auf und wurden zu Nomaden.

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"Normalerweise sehen die Ehefrauen von leidenschaftlichen Reisenden ihre Männer nur zweimal im Jahr oder sogar nur einmal in zwei Jahren. Sie warten dann, bis ihr Geliebter von seinen weiten Reisen zurückkommt, oft langweilen sie sich selbst und machen sich natürlich Sorgen", schreibt Elena in ihrem Blog "Die Taiga-Frau". "Wir haben das Problem auf eine besondere Weise gelöst - wir nehmen einfach die ganze Familie mit auf unsere Abenteuer."

 / Elena Besedina/ Elena Besedina

Elenas Mann Akbure baute sich und seiner Familie in nur drei Wochen mitten im Wald ein sechsseitiges Holzhaus. Seine Frau ist natürlich sehr stolz auf ihn. Dank Hunderter Möglichkeiten, zu zeigen, was du wirklich kannst, kann die Taiga durchaus ein sehr romantisches Fleckchen Erde sein.

Dieses Familienabenteuer begann vor drei Jahren im sibirischen Krasnojarsker Gebiet, "nur" etwa 200 Kilometer östlich von Moskau. Den nächsten Zwischenstopp machte die Familie dann schon in Jakutien. Dort lebte sie zunächst bei Rentier-Nomaden, reiste zu der berühmten Unesco-Naturerbestätte der Lena-Felsen am gleichnamigen Flussstrom, bestiegen einige der höchstne Berge der Region und feierten im Sommer Neujahr. Wo es keine Eisenbahnstrecken mehr gibt, nahmen sie das Flugzeug. Tausende Kilometer legten sie außerdem auf Wasserwegen und auf staubigen Feld- und Waldwegen zurück.

 / Elena Besedina / Elena Besedina

Jakutien ist ein Land der Legenden - das zeigt schon allein die Sarkjchan-Bergkette. Die Einheimischen glauben, dass hier geborene Kinder später Superhelden werden. Aber man darf nicht vergessen, dass Sarkjchan auch eine der weltweit gefährlichsten Orte und ein Königreich unüberwindbaren Chaoses ist.

 / Elena Besedina / Elena Besedina

Im extrem langen Winter herrscht hier extreme Kälte. Und wenn die Sonne dann die Felsen langsam erwärmt, passieren jedes Jahr unzählige Erdrutsche, die erst wieder aufhören, wenn der Frost zurückkomt und den Boden wieder zusammenhält. Außerdem verursachen heftige Regenfälle im Sommer oft Schlammlawinen.

 / Elena Besedina/ Elena Besedina

Das Leben in Jakutien ist ein Märchen: Zur Schule nimmt man am besten ein Rentier. "Natürlich habe ich auch schon ein Rentier geritten", sagt Elena. "Zuerst bin ich ein paar Mal aus dem Sattel gerutscht oder mit dem ganzen Tier in den Schnee geplumpst. Ich bin auch schonmal 100 Meter geritten, wobei das Rentier nur fast meiner Richtungsangabe folgte - nur eben 80 Gradin die andere Richtung lief. Aber immerhin sind das keine 180 Grad."

 / Elena Besedina / Elena Besedina

Aber unter einer Bedingung sind die Tiere immer schnell unterwegs: wenn es um ihren morgendlichen Salzsnack geht, natürlich. Salz ist ein überlebenswichtiges Mittel, um den Stoffwechsel anzukurbeln. Fleischfresser nehmen es über blutige Nahrung auf, aber in den Pflanzen, die die Rentiere mögen, ist kein Salz. Darum mögen sie diese Salzlecksteine.

 / Elena Besedina / Elena Besedina

In Jakutien wächst der Fisch buchstäblich wie auf Bäumen und er muss nur jeden Tag eingesammelt werden, wie es auch Elena im Winter tut: "So einen Strauß kann ih direkt dort sammeln, so ich auch Wasser hole. Je höher die Sonne steht, desto mehr Spaß macht das Fische Sammeln rund um das Eisloch. Manchmal kann ich die Männer richtig gut verstehen, die ihre Zelte direkt am Loch aufstellen, sich einen mobilen Ofen mitbringen und sich dort Tee kochen. Ich werde das sicher eines Tages auch machen", schreibt sie. 

 / Elena Besedina / Elena BesedinaIn Sibirien wird aus einem einfachen Pinienzapfen ein leckerer süßer Nachtisch mit einem ganz eigenen Taiga-Aroma. "Unsere Aben- und Mittagessen und Frühstücke würden jeden Fan gesunden Essens von Nadelbäumen überzeugen", so Elena.

Die Kinder wachsen in der Wildnis auf und haben eine wundervolle Kindheit. Ihre besten Freunde sind Rentiere und Hunde; sie dürfen abolut alles um sie herum erforschen. Ihr Spielplatz ist ganz Sibirien.

 / Elena Besedina / Elena Besedina

"Der Sinn des Reisens ist, dass du nicht an einen Ort gebunden bist und nicht von der täglichen Bequemlichkeit eingeschränkt wirst. Du bist ein freier Wanderer. Und als ein wandernder Meister deines eigenen Lebens kommst du in den ukrainischen Steppen ebenso gut klar wie in den Bergen Chinas oder auch irgendwo mitten im Ozean", schreibt Elena weiter.

 / Elena Besedina / Elena Besedina

Natürlich, das räumt sie auch ein, ist es nicht immer leicht. Und "nicht leicht" heißt hier nicht, zu wenig Geld zu haben, um ins Restaurant zu gehen oder irgendein neues Gadget zu kaufen. Mit Kindern durch die Wildnis zu reisen, ist kein Picknick. "Wir haben uns Satelliten-Internet und Solarplatten mit eigenen Händne und harter Arbeit verdient und jeder in unserem kleinen Team tut sein Bestes dazu", sagt Elena. "Ich weiß sicher, dass wir unter jeden Bedingungen überleben können, wir passen überall hin. Wenn harte Zeiten kommen, müssen wir eben den Gürtel enger schnallen. Und dasnn können wir uns freuen, wenn wir alles selbst geschafft haben. Wir werdenimmer stärker, unabhängiger. Und wir werden weitermachen."

 
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