Kirillo-Beloserski-Kloster: Bollwerk des russischen Nordens

Hoch oben im russischen Norden liegt das größte Kloster Russlands - und Europas.

Im Sommer 1909 reist der russische Chemiker und Fotograf Sergej Prokudin-Gorski auf Wasserwegen in die historischen Siedlungen im Norden Russland. unter anderem besucht er auch das Kirillo-Beloserski-Kloster in dem kleinen Ort Kirillow. Mit seinen massiven Mauern, Ziegelsteintürmen und Kirchenfülle ist es eines der eindrucksvollsten Sehenswürdigkeiten im russischen Norden. Und es ist das größte Kloster Russlands und sogar ganz Europas. Seine Lage unweit des Flusses Scheksna am Siwerskoje-See hatte nicht nur ästhetische, sondern vor allem strategische Bedeutung. Prokudin-Gorski fotografierte das Kloster vom Südufer des Sees aus.

Mit dem Wiederaufleben der Klosterkultur im 14. Jahrhundert unter dem Heiligen Sergius von Radonesch suchten die Mönche besonders nordische Gegenden Russlands auf, um ihr Leben so asketisch wie möglich zu gestalten. Die Moskauer Prinzen unterstützte ihr Ansinnen, da es nicht nur den orthodoxen Glauben weiter verbreitete, sondern gleichzeitig auch das Territorium des Moskauer Fürstentums.

1397 kam Kirill von Belosersk (1337-1427) an den Siwerskoje-See und lebte dort zunächst in einer Erdhöhle. Inspiriert hatte ihn zu dieser Reise eine Vision der Heiligen Gottesmutter. Begleitet wurde Kirill von dem Mönch Ferapont, der im Folgejahr am nahen Borodawo-See eine eigene Mönchskommunität gründete. Mit der Zeit wuchs die Mönchsgemeinschaft um Kirill an, das entstehende Kloster widmete er der Gottesmutter. 1547 wurde Kirill dann von der Orthodoxen Kirche heiliggesprochen.

Während der zahlreichen politischen Turbulenzen des 15. Jahrhunderts spielte das Kloster Kirillo-Belosersk eine bedeutende Rolle bei der Stabilisierung der Moskauer Vorherrschaft. Darum erhielt es immer mehr Spenden aus der Hauptstadt und wuchs so zum zweitgrößten Kloster nach dem Dreifaltigkeitskloster bei Moskau der Moskauer Rus im 16. Jahrhundert heran.

Die ersten Gebäude des Klosters waren zwar, wie es im mittelalterlichen Russland üblich war, aus Holz gebaut worden, aber schon 1496 wurde mit dem Bau des ersten Steingebäudes begonnen: der Maria-Entschlafens-Kathedrale. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurden ihr zahlreiche kleinere Kirchen und Kapellen zur Seite gestellt.

Ein besonders wichtiger Patron des Klosters war Prinz Wassilij III. (1479-1533). 1528 machte er noch eine Pilgerreise mit seiner Frau Elena Glinskaja in das nordische Kloster, um dort für einen Sohn für ihre Ehe zu bitten. Wassilij spendete zwei Ziegelsteinkirchen. Erst 1530 – drei Jahre vor seinem Tod – gebar Elena ihm dann den ersehnten Erben Iwan.

Die vielen Arbeiter für das Kloster lebten rund um das Kloster, mehrere Mauern schützten die kleine Gottesstadt vor Eindringlingen. In den Jahren der Großen Wirren im 17. Jahrhundert musste es sich dann auch wirklich gegen Angriffe und Räuber schützen. Zar Alexej I. ließ das Kloster dann zielgerichtet zu einer Festung als Bollwerk der Moskauer Besitztümer im Norden gegen Eindringlinge umbauen. Der Feind damals – das waren hauptsächlich die Schweden, die es immer wieder auf Nowgorod und die nördlichen Gebiete abgesehen hatten.

Glücklicherweise kam dem Kloster nie eine richtige Armee wirklich nahe. Peter der Große schlug die Schweden im 18. Jahrhundert zurück, etablierte die erste russische Seeflotte und änderte grundlegend die russische Geopolitik. Die neue Hauptstadt Sankt Petersburg war nun selbst das größte Bollwerk im Norden gegen mögliche Feinde.

Nach der Revolution und im Zuge der Anti-Religions-Kampagne der Bolschewiki wurde das Kloster 1924 zum Museum umfunktioniert. nach dem Zweiten Weltkrieg erst wurde der kulturelle Wert des Klosters allgemein anerkannt und es begannen erste Restaurationsarbeiten. Im vergangenen Jahr ist ein Teil der Klostergebäude der Russischen Orthodoxen Kirche zurückgegeben worden. In diesem Jahr feiert es sein 620. Jubiläum.

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