Fermentierter Honig: Der Vorfahre des Medowucha

Konstantin Feoktistow, Dmitri Wyssozki/Melniza, STV, 2017
Nein, es war weder Medowucha, Kwass oder Wodka, der dem legendären Bogatyr Ilja Muromez seine Kraft zurückgegeben haben soll. Es war ein Gebräu aus Honig, der jahrelang unter der Erde lagerte und in der alten Rus nur zu ganz besonderen Anlässen eingeschenkt wurde.

Susdal

Gehen wir zurück ins 10. Jahrhundert, nach Susdal, einer Stadt in der alten Rus. Ein wichtiger Tag im Leben einer wohlhabenden Kriegerfamilie - ein Junge wird geboren. Sogar der Großvater ist bei der Geburt anwesend. Alles geht gut. Das ist nicht selbstverständlich, denn das Leben im Mittelalter war härter als heute und es gab nicht solche medizinische Hilfe wie heutzutage. Der frischgebackene Großvater ist überglücklich und holt aus der Scheune einen ganz besonderen Trank, den er vor 40 Jahren zubereitet hat. Doch es ist kein Wein oder Cognac.  

Ein Getränk ohne Wasser 

Die alten Russen hatten keine Weinberge und brannten auch keine harten Spirituosen. Honig war damals die Basis alkoholischer Getränke. Aber bevor Medowucha, ein Getränk, das durch das Kochen von Honig und Wasser fermentiert wurde, populär wurde, gab es noch ein anderes. Es hieß Stawlennji Mjod (ставленный мёд, „gesetzter Honig“). Das Besondere daran war, dass es ohne Zugabe von Wasser hergestellt wurde!

Die früheste Erwähnung dieses Getränks stammt von Ahmad ibn Rustah, einem persischen Astronomen und Geographen aus dem 10. Jahrhundert, der ein geografisches Kompendium verfasst hat, das als „Buch der kostbaren Schätze“ bekannt ist. Darin beschreibt er kurz die Lebensweise der alten Slawen und erwähnt, dass sie ein Honiggetränk in Holzfässern zubereiten. 

Warten Sie einfach 40 Jahre

Die Zubereitung wurde Medostaw genannt. Honig war im alten Russland reichlich vorhanden, und für „gesetzten Honig“ benötigte man eine Menge. Man nahm zwei Teile reinen frischen Honigs und mischte ihn mit Beerensaft, wobei man (heutzutage unbekannte) Gewürze hinzufügte, um eine feste und unverderbliche Masse herzustellen. Es wurden weder Hopfen, Hefe oder Wasser zugesetzt. In den ersten Monaten fermentierte die Mischung in unverschlossenen Gläsern. Sie wurden immer wieder von einem Glas in ein anderes umgeschüttet. 

Der nächste Schritt bestand darin, die Mischung in Holzfässer zu gießen, die hermetisch mit Teer versiegelt und dann im Boden eingegraben wurden, so dass sie völlig luftdicht waren. In diesen unterirdischen Fässern sollte der Fermentationsprozess 15 bis 40 Jahre (!) andauern, mindestens aber acht Jahre. Ein acht Jahre „gesetzter“ Honig wurde als jung bezeichnet. 

Das unterirdische Gären von Getränken gab es auch in anderen Kulturen. Denken Sie zum Beispiel an Kvevri, Gefäße, die zur Gärung, Lagerung und Reifung von traditionellem georgischem Wein verwendet werden.

Offensichtlich konnten sich nur sehr reiche Leute die Zubereitung eines solchen Getränks leisten. Wie Ibn Rustah feststellte, ergab ein Fass höchstens 100 Liter. Nach Dutzenden von Jahren wurden die Fässer schließlich ausgegraben und ihr Inhalt mit Wasser und frischem Honig versetzt. Gekocht wurde die Mischung nicht. 

Sollte das Honiggetränk schneller fertig werden, musste man natürliche Fermentationsbeschleuniger wie Hopfen hinzufügen - dieser Honig wurde Hopfenhonig genannt und war „schon“ nach zehn Jahren fertig. 

Später ging man dazu über die Mischung vor dem Fermentieren zu kochen. Die Technik war dem Bierbrauen sehr ähnlich. So dauerte es nur einen Monat, bis das Gebräu trinkfertig war. Auf diese Weise wurde der Medowucha geboren.

„Gesetzter Honig“ wurde im 15.-16. Jahrhundert nicht mehr verwendet, und die Geheimnisse seiner Herstellung gingen unweigerlich verloren. Einer russischen Überlieferung zufolge war es jedoch genau solcher Honig, der dem Bogatyr Ilja Muromez half, eine Lähmung zu besiegen und sich wieder dem Feind entgegen zu stellen. 

>>> Rangliste: Elf russische Getränke zu jedem Anlass

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung ausschließlich unter Angabe der Quelle und aktiven Hyperlinks auf das Ausgangsmaterial gestattet.

Weiterlesen

Diese Webseite benutzt Cookies. Mehr Informationen finden Sie hier! Weiterlesen!

OK!