Raumfahrt: Die „Gagarins“ vor Gagarin

Die Pioniere der Raumfahrt waren eigentlich die Testpersonen. Foto: ITAR-TASS

Die Pioniere der Raumfahrt waren eigentlich die Testpersonen. Foto: ITAR-TASS

Die wirklichen Pioniere der Raumfahrt waren eigentlich die Testpersonen von damals. Allein ihr selbstloser Einsatz bei den unmenschlichsten Experimenten machte den Flug ins Weltall erst möglich.

Wenn man es genau nimmt, waren es die Testpersonen der Weltraumtechnik, die als Weltraum-Pioniere bezeichnet werden müssten. Sie haben die Erde nie verlassen, aber sie hatten dieselben harten, zum Teil kritischen Bedingungen auszuhalten wie die späteren Kosmonauten. Die Experimente waren noch extremer, da völlig unklar war, was sie außerhalb der Erdatmosphäre erwartete.

 

Ein geheimes Forschungsinstitut

Die Geschichte der „außerirdischen" Tester begann 1952/53 mit einem von Stalin unterzeichneten Regierungsbeschluss und dem Befehl zur Schaffung einer Gruppe von Testpersonen für das Militär auf der Basis des Forschungsinstituts für Flugmedizin (NIIAM). Erster Leiter der Versuchsabteilung wurde der Militärmediziner J. Karpow, der später Leiter des Zentrums für die Ausbildung von Raumfahrern wurde.

Das Zentrum wurde bei der Metrostation „Dynamo" eröffnet. Die Forscher, die aus unterschiedlichen Gebieten der Wissenschaft kamen, entwickelten sich hier zu Experten auf dem Gebiet der Raumfahrt. Keldysch, Koroljow, Sedow und all die anderen Testpersonen folgten den Wissenschaftlern auf ihrer Reise ins Ungewisse.

Die Tests verliefen unter viel extremeren Bedingungen als bei den späteren Raumfahrern, da die Wissenschaftler ausloten wollten, wo die körperliche Belastbarkeit ihre Grenzen hat. Die Probanden testeten Geräte und Druckanzüge, atmeten verschiedene Gasmischungen und mussten Hitze und Unterdruck aushalten. Mit der Zentrifuge wurden extreme Beschleunigungen trainiert. Daneben gab es Experimente, bei denen Testpersonen katapultiert wurden, und einige, bei denen auf die menschliche Psyche eingewirkt wurde.

Deshalb war das Auswahlverfahren der Testpersonen, den „Fälkchen", wie Sergej Koroljow die Pioniere der Raumfahrt nannte, nicht weniger hart als das der Kosmonauten: Von den 5 000 untersuchten Militärdienstleistenden wurden letztlich nur 25 für die Tests genommen. Insgesamt gab es von 1950 bis 1970 circa 900 Testpersonen, zudem arbeiteten noch freiwillige Ärzte, Ingenieure und Flugtechniker für das Institut. Ukrainer, Balten, Russen, Kasachen – alle waren Teil der Test-Mannschaft. Manche durchliefen zehn, andere hunderte Experimente. Auf dem Stempel, den sie bei der Anstellung im NIIAM erhielten, war vermerkt: „Ohne Einschränkungen tauglich".

 

„Die Frage war, wie lange man überlebt"

„Ich hatte die Ausrüstung in Druckkammern getestet, konkret waren das die kompensierenden Anzüge WKK-5 und WKK-6", erinnert sich der Testpilot Boris Bytschkowskij. „Es wurde auch die Ausdauer bei

Einwirkungen von Gasen und Dämpfen in Notfällen getestet. Insgesamt habe ich über 80 Experimente mitgemacht."

Ein anderer Proband, Nikolaj Burkun, erzählt: „Meine Spezialisierung waren die Höhenexperimente und das Überlebenstraining in einer Thermounterdruckkammer und unter natürlichen Bedingungen: im Meer, in der Wüste in Zentralasien, in der Taiga bei großen Minusgraden oder hinter dem Polarkreis in der Region Tiksi." Seine Aufgaben seien unterschiedlich gewesen, doch im Fokus stand das Überlebenstraining: „Zum Beispiel musste ich schnell durch die Wüste laufen können. Alles, was ich hatte, waren Kleidung, Essen und Trinken. Die Frage war, wie lange das alles hält und wie lange man überlebt."

Viele kamen nach solchen Experimenten ins Krankenhaus. „Wir hatten zwei kritische Fälle. Der eine kam ins Krankenhaus, nachdem man einen schnellen Druckanstieg an ihm getestet hatte, wie bei einem schnellen Flug in 14 Kilometer Höhe, ausgestattet mit nur einer Maske und einem T-Shirt."

 

Eine unerschütterliche Psyche

Fjodor Schkirenko arbeitete von 1959 bis 1961 in dem Institut. Die Jahre gehörten zu den aktivsten in der Zeit der Experimente – sie dienten der direkten Vorbereitung auf den ersten Raumflug. Größtenteils waren die Experimente auf das Überleben in der Höhe und die Psyche ausgerichtet. „Wir wurden darauf getestet, wie gut wir im Team zusammenpassen", erzählt Schkirenko: „Wir wurden jeweils paarweise zusammengesetzt; ich kam mit meinem Kollegen für einen Monat in einen schalldichten Raum. Danach hat man uns zu fünft in einen dunklen Raum gesetzt. Nach bestimmten Zeitabständen fragten uns die Ärzte immer wieder, wie spät es sei. Wir hatten weder eine Lampe noch sonst irgendetwas – eben nichts,

wie im echten Weltall. Wir haben uns teilweise um Stunden verschätzt. In dieser Situation halfen nur Gespräche."

Major Chlopkow hat über 400 Experimente durchlaufen. Major Gridunow wurde unglaublichen Extrembelastungen ausgesetzt, doch alles, was er fragte, war: „Wie ist es bei den Amerikanern, wie viel haben sie? Wollen wir noch mehr einstellen?" Bei den sowjetischen Probanden waren das Verantwortungsgefühl und die Bereitschaft zur Selbstaufopferung äußerst ausgeprägt. Die NASA hatte keine Testpersonen, die den Weg für die ersten Astronauten ebneten.

Gagarin und Titow – eigentlich alle Kosmonauten des ersten Trupps, die in den Weltall reisten – konnten ihren Lehrern, den Forschern und den Testpersonen sehr dankbar sein.

 

Die unkekürzte Fassung dieses Beitrags erschien zuerst bei Zeitung "Wetschernjaja Moskwa".

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